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Theater:Gefühle zeigen, ohne sich dafür zu schämen

Will Jugendliche auf die Bühne holen: Anschi Prott arbeitet in den nächsten Monaten mit 14- bis 28-Jährigen an "Der Welle".

(Foto: Claus Schunk)

Das "Junge Bürgerhaus Unterföhring" gibt 14- bis 28-Jährigen eine Bühne. Sie studieren unter professioneller Regie das Stück "Die Welle" nach Morton Rhue ein.

Von Ulrike Schuster, Unterföhring

Eine Gruppe, ein Stück, ein Jahr, unter professioneller Regie. Das ist das theaterpädagogische Konzept der Gemeinde Unterföhring. Sie will Jugendliche zwischen 14 und 28 Jahren dazu anstiften, beim Stück "Die Welle" mitzumachen: auf die Bühne treten, eine fremde Rolle spielen, den Applaus wollen. Es geht darum, Spaß zu haben, sich auszuprobieren und - ganz nebenbei - wichtige Schlüsselkompetenzen fürs Leben und den Beruf mitzunehmen. Regie führt Anschi Prott, 50, professionelle Schauspielerin, Regisseurin und Theaterpädagogin. In "Die Welle", dem dokumentarischen Klassiker nach Morton Rhue, geht es um ein Faschismus-Experiment, das den Schülern zeigen sollte, wie leicht es in einer Gruppe zu Manipulation und Unterwerfung kommen kann. Prott hat 2014 das tim-Theater (Theater ist mehr) gegründet, gibt Workshops in Schulen und Unternehmen und lebt seit 19 Jahren in Unterföhring. Warum Theater über sich hinaus wachsen lässt, weshalb es wichtig ist, zu widersprechen, und wieso es heilsam ist, seine Wut rauszulassen, erklärt die Regisseurin im Interview.

SZ: Warum soll die Welle und nicht der Werther auf die Bühne?

Anschi Prott: Der Film "Die Welle" mit Jürgen Vogel hat viele Jugendliche begeistert, unser Ziel ist es, natürlich möglichst viele Jugendliche fürs Theater zu interessieren.

Was in dem Stück könnte besonders interessieren?

Ich arbeite oft in Schulen und erfahre, dass Mobbing und Manipulation große Themen für die Jugendlichen sind.

Sie holen den Alltag ins Theater?

Regisseurin Anschi Prott.

(Foto: Claus Schunk)

Ich beziehe die Erfahrungen, die Jugendliche machen, in die Inszenierung mit ein. Was sie erlebt haben, sollen sie improvisiert spielen, es wird Teil des Drehbuchs. Am Ende steht dann eine Mischung aus der Welle und der Lebenswirklichkeit der Schüler.

Sie fordern Ihren Schauspielern also nicht nur ab, Text auswendig lernen und zum Ausdruck bringen, sondern machen sie gleichzeitig zu Co-Autoren?

Ich verstehe Theaterpädagogik so, dass Schüler ihre eigenen Erfahrungen miteinbringen. Das Theater bietet einen geschützten Raum, in dem sie Gefühle zeigen können, die sonst tabu sind. Viele kämpfen mit Ängsten, stecken fest in Zwängen, vieles ist ihnen peinlich.

Klingt nach Verhaltenstherapie.

Oh nein, Theaterspielen darf nicht als Therapie verstanden werden. Aber natürlich wirkt es befreiend, wenn man hier all jene Gefühle ausleben darf, die man sonst verstecken muss. Es geht im Theater nicht ums richtige oder falsche Tun. Die Jugendlichen sollen sich einfach darin bestärkt fühlen, sie selbst zu sein und sich nicht stets so zu benehmen, wie es von ihnen erwartet wird. Es tut gut, hin und wieder aus den "Du-musst-Geboten" auszubrechen.

Wie geht das? Die Jugendlichen beschäftigen sich ja nicht mit sich selbst, sondern mit ihrer Rolle.

So funktioniert's. Die fremde Rolle ist es ja gerade, die über sich selbst nachdenken lässt. Wer will ich sein, wie will ich gesehen werden, wie will ich mich zu anderen abseits der Bühne verhalten? Gerade weil ich nicht mich selbst spiele, ich mir nicht mein ganzes Universum sein darf, entwickle ich Empathie, Teamfähigkeit, Respekt, Reflexions- und Kritikvermögen. Das schafft Selbstbewusstsein.

Sie machen die jungen Leute fit für den Arbeitsmarkt?

Was die Jugendlichen im Theater lernen, können sie in jedem Beruf brauchen. Diese Schlüsselqualifikationen erwerben sie aber spielerisch, nebenbei, frei von Druck - das ist der Unterschied zur Schule. An erster Stelle stehen Spaß und die Lust am leidenschaftlichen Spiel.

Am Ende vor Publikum wird's dann aber doch ernst.

Ja, das ist wirklich wichtig, dass die Proben in Aufführungen enden, in einem professionellen Haus. In der Schule spielen die Jugendlichen vor ihren Freunden, den Eltern. Im Bürgerhaus müssen sie fremdes Publikum begeistern, sich ihren Applaus verdienen, sich richtig reinhängen. Das lässt sie über sich hinauswachsen.

Bei Morton Rhue gerät das Schüler-Experiment "Die Welle" aus den Achtzigerjahren außer Kontrolle, als es zu Gewalt gegen die kommt, die sich der Bewegung nicht anschließen wollen. Ist es heute, in Zeiten der Individualisierung, nicht viel einfacher, anders zu denken und anders zu sein als die anderen?

Nein, ich denke, es ist nicht einfacher. Das ist das Verführerische an der Welle: Die Gemeinsamkeit, die jeder von uns sucht. Wer sich dieser Gemeinsamkeit entzieht, wird zum Außenseiter. Und das Nicht-Dazugehören ist für viele das Schrecklichste.

Die Welle folgt drei Maximen: Macht durch Disziplin, Gemeinschaft und Gleichheit. Das sind doch annehmbare Bedingungen, um kein einsamer Wolf zu sein, oder?

Dass viele damit einverstanden sind, macht "Die Welle" deutlich. Aber die Kunst in einer tatsächlich gelebten Demokratie ist es, denen zuzuhören, die der Mehrheitsmeinung nicht zustimmen; den Unruhestiftern, die sich trauen, zu widersprechen. Ein zu starkes Wir-Gefühl, zu viel zweifelsfreie Überzeugung kippt schnell.

Lust auf Theater?

Wer Theater spielen will, kann das im Jungen Bürgerhaus Unterföhring tun. Auf die Bühne gebracht wird "Die Welle" nach Morton Rhue. Wer zwischen 14 und 28 Jahren alt ist, kommt für ein erstes Kennenlernen am Mittwoch, 28. September, von 17 Uhr an ins Bürgerhaus. Geprobt wird einmal unter der Woche - bis September 2017. Die Teilnahme kostet 20 Euro pro Monat. Zum Abschluss wird das Stück mehrmals im Bürgerhaus aufgeführt, geplant ist auch die Teilnahme an Jugendfestivals. Regie führt Anschi Prott, professionelle Schauspielerin, Regisseurin und Theaterpädagogin. Finanziert wird das Projekt von der Gemeinde Unterföhring, die treibenden Kräfte dahinter sind Bürgermeister Andreas Kemmelmeyer und die örtliche Kulturamtsleiterin Barbara Schulte-Rief.ulsu

Ist das Mitläufertum also das Natürlichste der Welt?

Ich denke schon. Je globalisierter, je komplexer die Welt um uns herum ist, desto größer ist das Bedürfnis nach starker Führung. Die Schüler in "Die Welle" waren vom totalitären Unterricht begeistert. Es ist ja auch einfach und bequem, die Verantwortung abzugeben, wenn man überfordert ist, weil man den Möglichkeiten und Anforderungen ohnmächtig gegenüber steht. Also ein leichtes Spiel für Verführer mit einfachen Antworten. Und oft bemerken die Verführten ihre Unterwerfung nicht einmal.

Wem oder was unterwerfen sich die jungen Erwachsenen heute, ohne zu hinterfragen?

Dem Erfolg. Es geht sehr stark ums Erfolghaben, um Leistung und Status. Ich beobachte, dass die Jugendlichen den hohen Erwartungen, die der Arbeitsmarkt an sie stellt, gerecht werden wollen. Früher zu meiner Zeit waren die Jungen viel entspannter, hatten kein schlechtes Gewissen beim Zurücklehnen. Es war uns egal, ob es ein 1,6- oder ein 3,0-Abi wird. Wer heute ein 3,0-Abitur macht, ist am Boden zerstört, glaubt, nichts wert zu sein. Schule hat eine dramatische Schwere bekommen, obwohl man noch so jung ist und alle Wege offen sind.

Sollte man allein schon deshalb Theater spielen? Um sich mal locker zu machen?

Klar. Auf der Bühne zu stehen, heißt, wütend sein dürfen, schreien, lachen, fluchen - zu empfinden, ohne sich zu schämen.

Demnach wird es wohl laut und schmerzbefreit zugehen bei der Premiere im September 2017?

Trotz der ernsten Thematik wird es viel zum Lachen geben, das befreit und lässt nachdenken. Ich bin kein Fan von überkandideltem, intellektuellem Theater. Ich will Theater für Jedermann machen. Eine Sprache wählen, die jeder versteht: eindringlich, intelligent, unterhaltsam.

© SZ vom 16.09.2016/hilb
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