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Theater :Armes Gretchen

Bridge Markland, alias Faust, streckt dem Publikum eine Handvoll Regenwürmer entgegen. Dazu spielen die Rolling Stones "Satisfaction".

(Foto: Robert Haas)

Bridge Markland inszeniert Goethes Faust I als wendige Performance mit viel Ironie und moderner Musik

Von Julian Carlos Betz, Oberschleißheim

Mit ausgestreckten Händen und mitleiderregend verzerrtem Gesicht streckt Markland alias Faust dem Publikum eine Handvoll unechter Regenwürmer entgegen, dazu erklingt im Hintergrund "(I can't get no) Satisfaction" von den Rolling Stones. Faust, der "froh ist, wenn er Regenwürmer findet", erntet große Lacher bei der im Restaurant des Hotels Kurfürst stattfindenden Puppen- und Theater-Performance. Und nicht nur er. Auch die übrigen Figuren, oder besser die zahllosen musikalischen Pop-, Schlager- und Rock-Einspielungen versetzen das Publikum an diesem Abend in ausgelassene Heiterkeit bei diesem Oberschleißheimer Beitrag zum Faust-Festival, dem noch andere folgen.

Schon bei dem Bühnenbild erkennt der Zuschauer schnell das Ungewöhnliche an Marklands Inszenierung. Allein eine braune, kartonartige Box leistet Hilfe bei ihrem von Leichtigkeit geprägten Rollenspiel mit Mephisto, Faust und Gretchen. Ihre Bühnenerfahrung ist dabei der Motor dieses selbstbewusst vorgetragenen Stücks, denn Markland ist bereits seit 1985 als Schauspielerin aktiv. 2005 hat sie das Projekt "classic in the box" gestartet. Neben Deutschland hat sie auch die USA mit Goethes "Faust", Schillers "Die Räuber" und Büchners "Leonce und Lena" bereist. Auch "Die Ratten" von Gerhart Hauptmann stehen auf dem Programm.

Auffallend ist, wie schnell und dynamisch der gekürzte Text aus Goethes Feder unter Marklands zielsicherer Regie von den Song-Einspielungen ergänzt, kommentiert und begleitet wird. Unter anderem Freddy Quinn, Rammstein, Madonna, Die Ärzte sowie Robbie Williams und Roy Orbison wechseln sich in teils hohem Tempo ab. Dabei gerät der Text selbst nicht unter die Räder, er wird von aufgezeichneten Stimmen aus dem Off gesprochen. Markland betont selbst, dass es ihr nicht darum gehe, sich über das Werk lustig zu machen. Die Tiefe und Vielschichtigkeit solle erhalten bleiben. Gleichzeitig müsse man jedoch auch einen Zugang finden, der zeitgemäß ist. Oder wie es im Vorspiel heißt: "Wie machen wir's, daß alles frisch und neu - Und mit Bedeutung auch gefällig sei?" Da darf der Pudel, aus dem Mephisto entsteigt, auch mal ein Plüschhündchen sein, das kläffend über den Bühnenboden wackelt.

Manchmal vermisst man ein wenig die Rezitation der Stimmen aus dem Mund der Schauspielerin, die sämtliche Rollen nur stumm mitspricht, aber letztlich schadet dieser kleine Mangel dem Stück nicht, im Gegenteil. Markland hält sich bewusst aus einer zu starken Interpretation heraus, was bei dem intensiven Einsatz von Musik und Puppen verwundern mag. Doch als Schauspielerin bleibt sie ganz dem Setting verpflichtet und tritt nur dann in den Vordergrund, wenn die eingespielten Stücke zu ironischen Kommentaren werden. Wie zum Beispiel in Bezug auf das für heutige Verhältnisse doch ziemlich altertümliche Frauenbild im Faust. Gretchen ist hierbei die Schlüsselfigur, mal tadelt sie sich als das "Stupid girl", mal fühlt sie sich "Like a Virgin", doch stets schwingt die Erkenntnis mit, dass Gretchen es als Frau alles andere als leicht hat. Faust hingegen ist aus auf Spaß und nicht zuletzt auf Sex. Das wird mehr als einmal deutlich, so auch in einer Szene mit entblößten Barbie-Figuren - den Hexen aus der Walpurgisnacht -, mit denen Faust auf eindeutige Weise verkehrt. Die zwei schönen "Äpfel", von denen im Text die Rede ist, reizen den alten Faust hier schon sehr, ebenso wie das junge Gretchen, der er als reifer Mann gerne zeigen möchte, wie das so geht mit der Liebe.

Markland, die noch die 70er Jahre aktiv erlebte, gibt selbst zu, dass sie schon immer gerne ein bisschen "Empowering der Frau" in ihre Stücke eingearbeitet hat. Heute dagegen sei sie manchmal schockiert, in welche Richtung sich das Rollenverständnis der Frau entwickle. Ihre deutliche Bühnensprache habe ihr dabei schon sehr unterschiedliche Reaktionen eingebracht, vor allem in den USA sei die Spannweite zwischen Empörung und Begeisterung enorm. In Deutschland, so Markland, sei man da gemäßigter.

Trotz der eigenwilligen Darstellung gelingt ihr aber im Ergebnis doch eine überraschende Zurückhaltung im Umgang mit der klassischen Textvorlage. Die Musik dehnt das Potenzial des Verständnisses zwar weit aus, lässt es aber andererseits wieder konzis in einzelnen Punkten zusammenlaufen. Einmal in der Tatsache, dass Faust nur ein Mensch sei, der eben Bedürfnisse habe, sowie in dem starken Fokus auf das arme Gretchen, das selbst auch gerne von der Liebe kosten möchte, aber letztlich bitter dafür bezahlen muss.

Die Fähigkeiten Marklands als Arrangeur, Schauspielerin und gewitzter Kommentatorin ohne eigene Worte lassen das Goethe-Werk auf eine neuartige Weise erscheinen, wofür man nach so vielen Jahren der intensiven Auseinandersetzung im Theaterbetrieb eigentlich nur dankbar sein kann.

© SZ vom 26.03.2018
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