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Taufkirchen:Wenn aus gepresstem Laub Geschirr entsteht

Die Idee für die Teller aus Blättern hatte Geschäftsführer Pedram Zolgadri, als er eine der ärmsten Regionen Indiens bereiste.

(Foto: Claus Schunk)

Die Firma Leaf Republic ersetzt Kunststoff durch Naturmaterialien. Teils sind die Teller und Schalen schon in Gastronomiebetrieben im Einsatz.

Von Gudrun Passarge, Taufkirchen

"Schneewittchen" nimmt ihre Arbeit auf. Aber sie herzt nicht etwa lustige Zwerge, sondern formt von lautem Zischen begleitet aus Laubplatten Barbecue-Teller. Die Maschine mit dem märchenhaften Namen ist Marke Eigenbau, sie steht in der Halle der Firma Leaf Republic in Taufkirchen. Geschäftsführer Pedram Zolgadri ist ein Visionär, der eine Zukunft mit weniger Plastikprodukten anstrebt. Das Grillwürstel auf dem Laubteller, die Champignons im Gemüsemarkt in der Laubschale: "Wir machen Produkte für den Endverbraucher. Seit wie vielen Jahren diskutieren wir schon über Klimaschutz? Wir versuchen, von der Wurzel an nachhaltig zu sein."

Teller aus Blättern, die Idee hatte Zolgadri in seinem Hinterkopf abgespeichert, seit er eine der ärmsten Regionen Indiens bereist hatte. Dort, so erzählt er, habe er festgestellt, dass gerade die Ärmsten am respektvollsten mit der Natur umgegangen seien, was ihm stark imponiert habe. Und dort hat er auch beobachtet, dass die Menschen aus Blättern ihre Mahlzeiten zu sich nahmen.

Doch bevor er das Prinzip zu einer Geschäftsidee entwickelte, dauerte es noch etliche Jahre. Zolgadri war ursprünglich nach seinem Studium an der Filmhochschule als Regisseur und Produktionsleiter tätig. Auch Bollywood gehörte zu seinen Stationen. "Aber die Arbeitsbedingungen dort waren menschenverachtend, das konnte ich einfach nicht", sagt er. Zolgadri arbeitete danach auf dem Bavaria-Filmgelände, doch dann verlor er seinen Job und war arbeitslos.

Es kamen noch private Schicksalsschläge hinzu: ein Todesfall in der Familie, und seine Freundin verließ ihn mitsamt der kleinen Tochter. Der 37 Jahre alte Münchner spricht von einem "extremen Fall", aber auch von der besonderen Chance, die sich ihm geboten habe. "Das Schöne an so einem Fall ist das Wiederaufstehen."

Das war die Zeit, als er begann, sich mit Business-Plänen zu beschäftigen. Mit seinem Plan nahm er an diversen Wettbewerben teil und erhielt auch mehrere Preise. Bei einem dieser Wettbewerbe traf er auch Investoren, die von seiner Idee überzeugt waren. "Sie sagten: ein Hammerprodukt, eine Hammerzukunft." 2013 schließlich gründete er zusammen mit Carolin Fiechter die Leaf Republic GmbH, die er als "Sammelbrutstätte für kreative Menschen" bezeichnet.

Es geht oft hemdsärmelig zu in der noch jungen Firma, die in Taufkirchen acht festangestellte Mitarbeiter hat, dazu sechs Flüchtlinge und zwei Praktikanten. Mittlerweile hat sie mehrere Tochterunternehmen, unter anderem in Asien. 56 Festangestellte und 2000 Freiberufler seien dort beschäftigt, sagt Zolgadri, der noch große Pläne hat. Dabei fing alles sehr beengt bei ihm im Wohnzimmer an. Sie hatten nur die Gussformen, um die Laubplatten zu pressen.

Diese wurden im Backofen erwärmt, die Laubplatten kamen rein, ein Handtuch drüber und jemand musste sich draufsetzen, um es mit Druck in Form zu bringen. Bis endlich ein Student ihnen "Frankenstein" baute, eine einfache Maschine, mit der sie die Teller ohne vollen Körpereinsatz pressen konnten. Zolgadri betont, es habe Jahre gedauert, bis sie gewusst hätten, wie die Blätter des Siali-Baumes am besten zu behandeln seien. Chemie und Kleber waren von Anfang an tabu.

Im Lager stapeln sich an die 20 000 solcher Platten. In der Luft liegt der Geruch von grünem Tee. Für die Produktion werden zwei Platten aufeinander geschichtet, dazwischen kommt eine Lage Papier, das aus gemahlenen Blattresten hergestellt wird. Die Blätterplatten selbst werden mit getrockneten Grashalmen zusammengesteckt. Alles Natur. Um die grüne Farbe zu erhalten, sind die Lagerräume verdunkelt. An einer Station steht Fazil und sortiert die Platten. Er kommt aus Afghanistan. Früher, vor seiner Flucht, hat er dort im Agrarministerium an höherer Stelle gearbeitet.

Eine multikulturelle Firma

Stapelweise lagern die Laubplatten in der Firma.

(Foto: Claus Schunk)

Jetzt wohnt er in Planegg zusammen mit sieben anderen Männern in einem Zimmer. Er habe sich immer gewundert, sagt Zolgadri, warum Fazil am Abend oft so lange bleibe. Aber nun sei ihm das klar: "Es gefällt ihm bei uns besser als in seinem Zimmer." Zolgadri ist es ein Anliegen, Flüchtlinge zu beschäftigen. Außer Fazil ist noch ein Nigerianer in der Firma beschäftigt, in Kürze kommt noch ein zweiter Afghane hinzu, ein Industrie-Designer. "Wir sind eine multikulturelle Firma, das mögen wir", sagt der Geschäftsführer, der selbst mit Mutter und Bruder als Kind aus Iran geflohen ist. Die Familie bekam Asyl in Deutschland. "Ich habe damals die Chance bekommen, jetzt möchte ich auch anderen die Chance geben", erklärt er.

Doch es gibt noch einen Aspekt, warum die Firma offen für Menschen aus anderen Ländern ist. Zolgadri vertritt die Ansicht, dass die Flüchtlinge die Zukunft Europas sind. Es sei meist die Mittelschicht, die sich samt Familie auf die gefährliche Reise begebe, die kein Risiko scheue. Genau solche Menschen fehlten Deutschland: "Was wir brauchen, sind Gründer." Menschen mit Mut und Einsatzbereitschaft. Seiner Meinung nach werde der dritte Weltkrieg auf der Wirtschaftsebene entschieden. "Man sollte sich keine Gedanken machen, wer sein Nachbar ist", sagt er. "Wir sollten lieber schauen, dass wir in 20 Jahren nicht abhängig sind von Chinesen und Amerikanern."

Für Leaf Republic ist es Ehrensache, in Deutschland zu produzieren. "Hier wurden wir gefördert, hier leben unsere Kinder, unsere Freunde", sagt Zolgadri. Und er fügt hinzu, dass es durchaus noch möglich sei, in Deutschland Produkte herzustellen. Für ihn gehört das zur Firmenphilosophie. Er spricht viel von der Zukunft, davon, wie sie gestaltet werden sollte, und dass die Menschen Verantwortung dafür hätten, was passiert. Deswegen arbeiten die Maschinen bei Leaf Republic auch ohne Strom - sie nutzen Luftdruck. Dass Schneewittchen deswegen etwas schnauft bei der Arbeit, macht keinem etwas aus.

Und dass es auf der Toilette keine Handtücher gibt, offenbar auch nicht. Der Chef hält Handtücher für Papierverschwendung. Er fuchtelt mit seinen Händen in der Luft herum. "Bei uns müssen sie 20 Mal die Hände schütteln, um sie trocken zu bekommen." Leaf Republic ist mehr als ein Produkt aus Blättern. Es ist eine Lebenseinstellung. So versucht die Firma auch Alternativen zu Kunststoffdeckeln zu entwickeln, die teils noch unverzichtbar sind, um gewisse Lebensmittel zu verkaufen. Die Lösung habe man schon gefunden, sagt Zolgadri, aber noch nicht die Investoren dafür.

Die grünen Teller und Schalen sind teils schon im Einsatz, etwa bei Gastronomiebetrieben in der Umgebung und in der Schweiz. Doch die richtige Vermarktung wird erst in Kürze gestartet. Dafür arbeitet das Team oft bis spätabends. Bis vor kurzem haben die Mitarbeiter immer am Morgen gemeinsam gefrühstückt, aber weil sich die Zeiten nach hinten verschoben haben, bröckelt dieser Brauch. Fix gesetzt ist aber nach wie vor der Donnerstag, 12 Uhr. Dann kommt die Sportlehrerin und das Team macht gemeinsam Übungen im Yoga-Raum. Schließlich ist es nicht schlecht, sich fit zu halten, denn die nächste Zeit wird sicherlich noch anstrengend.

© SZ vom 12.10.2016/imei
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