Taufkirchen "Unvergessen": Jugendliche drehen Film zum OEZ-Amoklauf

Julian Heiß, Leon Golz, Alexander Spöri, Colin Maidment (oben von links) und Luca Zug drehen einen Film über die Opfer des Amoklaufs von München.

(Foto: Claus Schunk)
  • Schüler des Unterhachinger Gymnasiums wollen die Geschichte des Münchner Amoklaufs erzählen - aus der Perspektive der Opfer und der Angehörigen.
  • Außerdem wollen sie der Frage nachgehen, ob es Zufall war, dass die meisten der Getöteten einen Migrationshintergrund hatten.
  • Für die Jugendlichen ist das nicht der erste Film: Sie haben für ihre Arbeiten bereits Preise bekommen.
Von Christina Hertel, Taufkirchen

Eine Kerze, flackerndes Licht, alles schwarz-weiß. "Ich werde das nie abhaken können", sagt Margareta Zabergja, eine junge Frau, dunkle Augen, dunkle Haare. Sie spricht von dem Amoklauf im Olympia-Einkaufszentrum am 22. Juli 2016. David S. erschoss dort neun Menschen und später sich selbst. Auch Zabergjas Bruder Dijamant wurde getötet. Seine Geschichte, sein Leben und das der anderen Opfer wollen fünf Unterhachinger Schüler in einem Film dokumentieren. "Unvergessen" soll er heißen.

Der Trailer, in dem Margareta Zabergja spricht, ist bereits fertig und im Internet zu sehen. "In den Medien wurde so viel über den Täter gesprochen", sagt Alexander Spöri. Er ist der Produzent der Truppe, der Chef-Organisator sozusagen. "Wir wollen eine andere Geschichte erzählen." Die der Opfer, der Angehörigen, der Helfer.

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Ist die Herausforderung nicht ein bisschen zu groß für ein paar Zehntklässler? "Vor dem Interview waren wir schon aufgeregt. Wir wollten mit unseren Fragen auf keinen Fall zu weit gehen", sagt Leon Golz, blond, fast einen Kopf größer als der Rest der Gruppe. Weil die Angst etwas falsch zu machen und die Verantwortung groß sind, besprachen die Jugendlichen lange, was sie fragen wollen. Der Familie Zabergja schrieben sie zunächst einen Brief.

Als keine Antwort kam, schickten sie Margareta noch einmal eine Nachricht auf Facebook. Vor dem Interview hatten sie ein langes Vorgespräch - im OEZ, weil Zabergja das so wollte. Gefilmt haben sie dann in einem Raum im Münchner Medienzentrum. Zabergja konnte sich die Aufnahmen und die verschiedenen Einstellungen danach gleich anschauen. "Der Film soll im Sinne der Angehörigen sein", sagt Alexander Spöri.

Margareta Zabergjas Bruder Dijamant war erst 21 Jahre alt, er hatte gerade seine Ausbildung am Münchner Flughafen beendet. Manchmal schlief er bei seiner Schwester, wenn er in München unterwegs war. Sein Zuhause, Oberschleißheim, lag nach einer Partynacht oft zu weit weg. Und dann kam der 22. Juli. Er wurde getötet vor einem Sportgeschäft in dem Einkaufszentrum im Münchner Norden. Die Jugendlichen wollen mit ihrem Film auch dafür sorgen, dass die Menschen diesen Tag im Gedächtnis behalten.

Die jungen Filmemacher sind bereits ausgezeichnet

Alle fünf tragen Hemd und Jeans. Ordentliche junge Männer könnte man sagen, vor allem aber fleißige: Zwei Filme verwirklichten sie schon zusammen als "Movie Jam Studios", einen über das Olympia-Attentat 1972 und einen über das bayerische Bildungssystem. Immer wieder kommt zu der Gruppe ein neues Gesicht dazu, ein altes verschwindet. Diesmal dabei: Alexander Spöri, Colin Maidment, Luca Zug, Leon Golz, Julian Heiß, alle in der zehnten Klasse am Lise-Meitner-Gymnasium in Unterhaching. Aber das spielt eigentlich gar keine Rolle. Sie sind in keiner AG, es gibt keinen Lehrer, der sie zu Arbeit antreibt, auch keine überambitionierten Eltern, die möchten, dass ihre Kinder eines Tages berühmt werden.

Die Jugendlichen machen Filme, weil sie das wollen. Auf eigene Faust - mit etwas Hilfe von Profis. Die bekommen sie zum Beispiel von Rodney Sewell, ein Münchner Filmemacher, der unter anderem für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk arbeitet. Und dem Komponisten Arno Brugger, der für sie eine Filmmusik schreiben möchte. Bisher hatten sie mit diesem Konzept Erfolg: Beim Jugendfilmfestival "Flimmern und Rauschen" wurden sie ausgezeichnet, beide Filme liefen im Mathäser Filmpalast in München. Und sie hoffen, dass der neue dort auch wieder zu sehen sein wird. Am besten in der Woche vom 22. Juli, ein Jahr nach der Tat.

Szenen werden mit Schauspielern nachgestellt

Das Studio der jungen Filmemacher ist in Taufkirchen, in einem Hobbykeller von Alexander Spöris Eltern. An einer Pinnwand hängen bunte Klebezettel "Dijamant" steht in krakeliger Jungsschrift auf einem, "Peter Zehentner" auf einem anderen. Er leitet das Kriseninterventionsteam in München. Ihn haben die Jungs auch schon interviewt. Ein Gespräch mit dem Pressesprecher der Polizei Marcus da Gloria Martins ist geplant und außerdem Interviews mit weiteren Angehörigen.

"Ich will, dass es nie, nie in Vergessenheit gerät", sagt Margareta Zabergja am Ende des Trailers - das ist wohl auch der Grund, warum sie bei dem Projekt mitmachte. Warum die Jugendlichen den Film realisieren wollen? Die meisten der Getöten waren jung, zwischen 14 und 19 Jahre alt. So wie sie selbst. "Vielleicht hatten sie die gleichen Träume, Wünsche, Hoffnungen wie wir", sagt Alexander Spöri. Und die will er zeigen. Durch die Erzählungen der Angehörigen, aber auch durch Szenen, die von Schauspielern nachgestellt werden sollen. Nicht die Tat selbst, sondern ein Ausschnitt aus dem Leben eines Opfers.

Konkret steht das allerdings noch nicht fest. Und einer Frage wollen die Jugendlichen nachgehen: War es wirklich Zufall, dass die meisten der Getöteten einen Migrationshintergrund hatten? Dijamant war Kosovare, hatte schwarze Haare, dunkle Augen. Die anderen Nationalitäten waren türkisch, ungarisch und griechisch sowie in zwei Fällen deutsch. Sieben der neun Opfer waren Muslime. "Wir würden gerne weiterforschen, ob die Tat einen rechtsextremen Hintergrund hatte", sagt Colin Maidment. Es soll kein Detektivspiel werden - sie wollen einfach die Leute danach fragen, was sie denken. Als nächstes den Polizeisprecher Marcus da Gloria Martins.

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