Taufkirchen:"Ich für andere, andere für mich"

Lesezeit: 3 min

Taufkirchen: Mit dem Neubaugebiet Anfang der Siebzigerjahre kamen viele Familien und die Kinderbetreuung musste organisiert werden.

Mit dem Neubaugebiet Anfang der Siebzigerjahre kamen viele Familien und die Kinderbetreuung musste organisiert werden.

(Foto: privat/Gemeinde Taufkirchen)

Senioren, Kinderbetreuung und mehr: Die Nachbarschaftshilfe Taufkirchen wurde vor 50 Jahren gegründet. Heute leistet sie mit 275 Ehrenamtlichen und 105 Angestellten unverzichtbare Sozialarbeit.

Von Patrik Stäbler, Taufkirchen

"Ich für andere, andere für mich." Das stand ganz oben auf dem Zettel, der 1971 bei Marianne Boegner im Briefkasten lag. Die vierfache Mutter war seinerzeit gerade nach Taufkirchen gezogen - in ein Reihenhaus der neuen Großsiedlung am Wald, die die Einwohnerzahl des damals noch beschaulichen Dorfs binnen kürzester Zeit von 1600 auf 10 000 nach oben schnellen ließ. Die nötige Infrastruktur jedoch ließ an allen Ecken und Enden zu wünschen übrig, weshalb die Bewohnerinnen und Bewohner die Sache kurzerhand selbst in die Hand nahmen - was einen zurück zum Zettel im Boegnerschen Briefkasten bringt.

Denn er stammte von einer Gruppe engagierter Bürger rund um die Pfarrer der drei Kirchengemeinden sowie Irmgard Suttor, die als sogenannte Fürsorgerin der neuen Siedlung für soziale Aufgaben zuständig war. Sie wollten damals eine Bürgerselbsthilfe für die Gemeinde aufbauen, weshalb nun also mittels Hunderter Flyer abgefragt wurde, wer welche Aufgaben übernehmen kann, und wo überhaupt Hilfebedarf besteht. Diese Zettelwirtschaft war der Ausgangspunkt der Nachbarschaftshilfe Taufkirchen, die an diesem Mittwoch vor 50 Jahren gegründet wurde. Was damals mit einigen engagierten Bürgerinnen und Bürgern sowie einem gemeindlichen Zuschuss über 500 Mark begann, ist heute eine der wichtigsten sozialen Institutionen im Ort - mit 1500 Mitgliedern sowie 275 ehrenamtlichen Helferinnen und 105 Angestellten, die jährlich 116 000 Stunden soziale Arbeit in Taufkirchen und Umgebung leisten.

Taufkirchen: Marianne Boegner besuchte gleich von Anfang an ältere Menschen und passte auf Kinder auf.

Marianne Boegner besuchte gleich von Anfang an ältere Menschen und passte auf Kinder auf.

(Foto: Monika Wrba)

Zu dieser rasanten Entwicklung hat auch Marianne Boegner einen nicht unerheblichen Beitrag geleistet - als Mitgründerin, erste Einsatzleiterin und von 1980 bis 2006 Vorsitzende der Nachbarschaftshilfe. Vor gut 50 Jahren schrieb sie auf jenen Zettel in der Rubrik "Ich für andere", dass sie ältere Menschen besuchen und aushilfsweise auf Kinder aufpassen könne. Senioren und Familien, das waren just die beiden Bereiche, die in der Anfangszeit die Schwerpunkte der Nachbarschaftshilfe darstellten und es bis heute geblieben sind - und zwar in etwa zu gleichen Teilen, wie Geschäftsführerin Andrea Schatz betont.

Damals fehlten viele Kindergartenplätze

Los ging es 1971 mit einer Kinderbetreuung im evangelischen Gemeindezentrum. "Angefangen haben wir einmal wöchentlich am Samstag, aber das ist dann schnell ausgeweitet worden", erinnert sich Marianne Boegner. "Der Bedarf war riesig. Denn es gab damals viel zu wenige Kindergartenplätze." Demgegenüber standen zahllose Familien mit kleinen Kindern, die in die neue Siedlung am Wald gezogen waren. Zugleich lebten dort aber auch viele Gastarbeiter, arme und ältere Menschen, weshalb die Nachbarschaftshilfe alsbald weitere Angebote ins Leben rief - etwa in der Alten- und Krankenpflege oder bei der Hausaufgabenbetreuung.

Taufkirchen: Eine Eltern-Kind-Gruppe der Nachbarschaftshilfe Mitte der Neunzigerjahre.

Eine Eltern-Kind-Gruppe der Nachbarschaftshilfe Mitte der Neunzigerjahre.

(Foto: privat)
Taufkirchen: Gabriele Eggers ist seit 2010 Vorsitzende der Nachbarschaftshilfe.

Gabriele Eggers ist seit 2010 Vorsitzende der Nachbarschaftshilfe.

(Foto: Monika Wrba/Nachbarschaftshilfe Taufkirchen)

All dies sei jedoch bloß möglich gewesen dank der vielen Helferinnen und Helfer, betont Marianne Boegner. Diese hätten anfangs zwei Mark pro Stunde als Aufwandsentschädigung erhalten; davon abgesehen lebte die Nachbarschaftshilfe jahrzehntelang ausschließlich vom ehrenamtlichen Einsatz. "Und das ist auch heute noch unser Herzstück", sagt Gabriele Eggers, seit 2010 Vorsitzende der Einrichtung. "Der Grundsatz, dass die Nachbarschaftshilfe von den Bürgern selbst getragen wird, gilt nach wie vor. Und das ist sicher auch ein Grund, weshalb sich die Menschen in Taufkirchen so stark mit der Nachbarschaftshilfe identifizieren." Derweil habe sich die Einrichtung gerade in den vergangenen 15 Jahren zunehmend professionalisiert - auch bedingt durch ihr rasantes Wachstum.

So werden heute mehr als 230 Kinder von Tageseltern und in den Großtagespflegen der Einrichtung betreut; dazu kommen die Mittagsbetreuung für Schüler sowie die offenen Angebote im Mütter- und Familienzentrum. Überdies kümmert sich die Nachbarschaftshilfe im Seniorenbereich nicht nur um 360 ältere Menschen, sondern bietet auch eine Service- und Beratungsstelle an. Nebst der Geschäftsstelle am Ahornring unterhält die Einrichtung sechs weitere Standorte - darunter einen in Unterhaching, da die Nachbarschaftshilfen der beiden Gemeinden demnächst fusionieren wollen.

Und auch in der nahen Zukunft dürften die Zeichen auf Wachstum stehen, glaubt Geschäftsführerin Andrea Schatz. Zum einen wegen des Rechtsanspruchs auf Kinderbetreuung, der von 2026 an für den nachschulischen Bereich gilt. Zum anderen sei da der demografische Wandel, dessentwegen der Bedarf an Angeboten für ältere Menschen stetig zunehmen werde. Allem Wachstum und aller Professionalisierung zum Trotz sei es aber wichtig, "dass der Charakter der Nachbarschaftshilfe erhalten bleibt", sagt Andrea Schatz. "Also das Familiäre, die Offenheit und der Gedanke, das jeder mitmachen kann." Getreu dem Leitsatz der Gründermütter und -väter: "Ich für andere, andere für mich."

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