Süddeutsche Zeitung

Kreis und Quer:Zum Schichtl mit dem Virus

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Als Testlauf für das Oktoberfest ziehen die Taufkirchner ihr Starkbierfest durch. Mal abwarten, wie ansteckend das ist.

Kolumne von Michael Morosow, Landkreis München

Die bayerische Seele hält ja viel aus, aber nach zwei Jahren in Folge ohne Schunkeln, Riesenrad, Ochsensemmel und einer frischen Wiesn-Mass schäumt auch sie. Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) hat vor seinem geistigen Auge wohl schon mehrmals Protestzüge vor dem Rathaus vorbeiziehen gesehen und Plakate mit Aufschriften wie "Das Maß ist voll", "Nein zur Spritze - Ja zur Schluckimpfung" oder "Zum Schichtl mit dem Virus". Inzwischen aber verdichten sich die Hinweise, dass er am Samstag, 17. September, 12 Uhr, in einem Bierzelt auf dem Oktoberfest endlich wieder "O'zapft is" rufen und das größte Bierfest der Welt seinen Lauf nehmen wird. So etwa hat unser Landesvater, der Cola-light-Trinker Markus Söder (CSU), am Dienstag festgestellt, dass der Höhepunkt von Corona erreicht sei, und nur zwei Tage darauf präsentierte Wiesnchef Clemens Baumgärtner den Siegerentwurf für das Wiesnplakat. Es zeigt den Engel Aloisius, wie er Hand in Hand mit dem Münchner Kindl voller Vorfreude in Richtung Riesenrad spaziert. Da lacht selbst der Ochs am Spieß.

Warum nur sieht man jetzt vor seinem eigenen geistigen Auge in den Trinkhallen freudetrunkene Viren-Familien aus aller Welt und deren hässliche Nachkommen an den Tischen sitzen, wie sie schunkeln und lachen, von einem Wirt zum anderen hüpfen und ihre bayerischen Vertreter "Hau di hera, samma mehra!" grölen? Vielleicht ist man einfach nur einer der vielen Bedenkenträger, die nicht glauben wollen, dass sich Omikron & Co von Festzelten, Achterbahnen und Karussellen aussperren lassen. Dabei sind bislang ja eh nie recht mehr als sechs Millionen Gäste aus aller Welt auf der Wiesn gezählt worden. Außerdem sind es noch 210 Tage bis zur Eröffnung und kann man bis dahin doch entspannt abwarten, wie sich das Virus andernorts auf Bierfesten benommen hat.

Die Auswahl ist aktuell leider nicht groß, weil bislang eigentlich nur die Freunde des Wolfschneiderhofs in Taufkirchen sich für einen Testlauf anbieten. Während andere Veranstalter noch zaudern, will der Förderverein des Heimatmuseums am 4. März seinen 8. Starkbieranstich durchziehen - mit lustigem Politiker-Derblecken, Tanz und Trallala. Mal sehen, ob und in welchem Maße die Inzidenzwerte in Taufkirchen ansteigen werden, nachdem der Letzte das Licht ausgemacht hat. Das Ergebnis könnte den Münchnern zur Mahnung oder zur Ermunterung dienen, je nachdem wie viele Besucher sich von all der Gaudi und dem Lachen haben anstecken lassen und bald darauf merken, dass Lachen nicht immer gesund ist.

Außer man bucht bei der Fachfrau für die Ausschüttung von Endorphinen, Cornelia Reisch aus Gräfelfing, einen Kurs in Lachyoga, um künftig auf keine besonderen Anlässe für ein befreiendes Drauflosprusten mehr angewiesen zu sein. Wie es scheint, nimmt die Lachexpertin das Virus aber ernst. Jedenfalls bietet sie zurzeit ihr Lachtraining nur via Zoom an.

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