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Taufkirchen:Gemeinderat knickt vor Airbus ein

Ottobrunn, Taufkirchen, IABG, Airbus-Gelände an der Willy-Messerschmitt-Straße

Das Airbus-Gelände in Taufkirchen hat die Adresse Willy-Messerschmitt-Straße - auch in Zukunft.

(Foto: Angelika Bardehle)

Das Kommunalgremium beugt sich dem Druck des Weltkonzerns: Die Willy-Messerschmitt-Straße wird nicht umbenannt. Der Protest von Grünen und SPD ist vergebens.

Das Schreiben an den Taufkirchner Bürgermeister und den Gemeinderat umfasste zweieinhalb eng beschriebene Seiten und die Botschaft war klar formuliert: "An der Person Willy-Messerschmitt führt kein Weg vorbei, wenn Sie unser Unternehmen eingemeinden wollen."

Es war die prompte Reaktion der Airbus-Group auf eine Diskussion im Gemeinderat über die Widmung einer Straße im Gewerbegebiet und die Rolle Messerschmitts in der NS-Zeit. Das Unternehmen machte den Lokalpolitikern mit dem Brief nun unmissverständlich deutlich: Mit einer Umbenennung der Willy-Messerschmitt-Straße in Taufkirchen sind wir "in keinem Fall einverstanden". Am Donnerstag sprach sich das Gremium mehrheitlich für den Straßennamen aus.

Ist Willy Messerschmitt geeignet als Namenspatron für eine Straße?

Der Entscheidung vorangegangen waren sehr emotionale wie deutliche Wortmeldungen aus den Reihen der Grünen und der SPD zur Rolle Messerschmitts und der Beschäftigung von Zwangsarbeitern in dessen Firma während des Krieges. Die Befürworter des Straßennamens im Gemeinderat hielten sich in der Diskussion auffallend zurück und beantragten das Ende der Debatte. Michael Lilienthal (Freie Wähler) meinte: "Die Diskussion läuft ins Leere. Uns als kleinem Gemeinderat steht es nicht zu, zu beurteilen, ob Messerschmitt ein Nazi war."

Im Bauausschuss war Bürgermeister Ullrich Sander (parteifrei) noch von einer "reinen Formsache" ausgegangen, die das Gremium einfach abnicken würde. Gabriele Swoboda von den Grünen hatte aber zu bedenken gegeben: "Die Firma Messerschmitt setzte mehrere 1000 Häftlinge in verschiedenen Außenlagern der KZ Dachau und Flossenbürg als Zwangsarbeiter ein." Für Swoboda stand fest: "Wir halten Willy Messerschmitt nicht für geeignet als Namenspatron für eine Straße in einem demokratischen und den Menschenrechten verpflichtetem Gemeinwesen." Das Gremium vertagte die Entscheidung.

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Airbus fordert ein "klares Bekenntnis" der Gemeinde zum Unternehmen

Daraufhin meldete sich die Airbus Group zu Wort und wies in ihrem Schreiben auf die "aktive" Aufarbeitung des Einsatzes von Zwangsarbeitern hin, betonte die Pionierleistung Messerschmitts und drohte mit Konsequenzen, sollte es zu einer Umbenennung der Straße kommen. Nach der mit sehr hohen Kosten verbundenen Änderung der Postleitzahl sei nun auch noch eine Diskussion um "unseren Straßennamen" entbrannt, empörte sich das Unternehmen in einem Schreiben.

Unterzeichnet haben es Standortleiter Stefan Lindemann, Kommunikationsleiter Rainer Ohler und Betriebsratsvorsitzende Heike Dickerhof. "Wenn wir solche Diskussionen wie die über Willy Messerschmitt verfolgen, fragen wir uns, ob wir hier wirklich erwünscht sind", schreiben sie. Man akzeptiere die Eingemeindung nach Taufkirchen, aber erwarte ein "ebenso klares Bekenntnis der Gemeinde zu uns". Ansonsten werde man "Vorschläge unterbreiten, wie wir Sie von dieser Belastung wieder befreien können".

Bürgermeister Ullrich Sander will den Weltkonzern nicht verprellen

Das will Bürgermeister Sander auf keinen Fall. Er ermahnte den Gemeinderat, "das zarte Pflänzchen der Kontaktpflege und den Aufbau guter Beziehungen zu der Weltfirma nicht zu zerstören" und Taufkirchens größtes und namhaftes Unternehmen nicht vor den Kopf zu stoßen. Er verwies darauf, dass 1993 der damalige Gemeinderat dem Vorschlag der Deutschen Aerospace gefolgt sei, die Straße - damals auf Privatgrund - von "Prandtlstraße" in Willy-Messerschmitt-Straße umzubenennen. Man würde den damaligen Gemeinderat düpieren und mit einer "unwürdigen Debatte" Taufkirchen blamieren, findet Sander.

In dem jetzigen Gemeinderatsbeschluss hält er zwar fest, dass das Gremium sich ausdrücklich von möglichen Handlungen und Äußerungen Messerschmitts distanziere, die eine positive Haltung zur NS-Zeit erkennen ließen. Zugleich rechtfertigt er die Widmung der Straße mit dem Satz: "Der Gemeinderat hält ein Löschen sämtlicher Erinnerungen an diese dunkle Seite der deutschen Geschichte für fehl am Platz, weil damit Ansatzpunkten für eine Diskussion kein Raum mehr gelassen würde."

Grüne und SPD protestieren heftig gegen die Entscheidung

Gabriele Swoboda von den Grünen hingegen zeigte sich "erschüttert". "Das ist ein politisches Lehrstück, wie ein demokratisch gewählter Gemeinderat unter Druck gesetzt wird", sagte sie. "Ich lasse mich nicht dermaßen verbiegen", betonte auch ihr Fraktionskollege Rudi Schwab, eine Gemeinde blamiere sich doch nicht, "wenn sie gegen Nazis ist".

Matteo Dolce von der SPD, der zu Beginn der Gemeinderatssitzung mit einem Antrag auf Absetzung des Tagesordnungspunkt und Initiierung einer Gesprächsrunde gescheitert war, betonte, dass er gerade als Sozialdemokrat nicht nur der Wirtschaft verpflichtet sei. Quellen hätten gezeigt, dass Messerschmitt zumindest eine "sehr fragwürdige Person" gewesen sei und damit "für eine solche Ehrung nicht haltbar". Dolce mahnte einen "sensiblen Umgang" mit dem Thema Nationalsozialismus an und sieht die SPD besonders den Opfer verpflichtet.

Um seine Ablehnung des Beschlusses zu unterstreichen, griff David Grothe von den Grünen zu ungewöhnlichen Mitteln: Er hängte Zitate aus einer Biographie über Messerschmitt an die Wand des Sitzungssaals ("keinerlei Distanz zur NS-Diktatur") und spielte das "Lied der Moorsoldaten" aus dem KZ-Arbeitslager Börgermoor im Emsland. Bürgermeister Sander tadelte ihn dafür aufs Schärfste.

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