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Taufkirchen:Geheimakten auf dem Notenständer

Die Blaskapelle verliert nach 27 Jahren den Übungsraum im Rathaus.

(Foto: Claus Schunk)

Bürgermeister will die Blaskapelle aus Datenschutzgründen nicht mehr im Sitzungssaal üben lassen.

Von Michael Morosow, Taufkirchen

Im umfangreichen Notenfundus der Taufkirchner Blaskapelle findet sich wohl auch der Evergreen: "Muss i denn zum Städtele hinaus." Das Lied würde momentan die Stimmungslage bei den Blechbläsern trefflich widerspiegeln. Ende des Jahres werden auch sie hinaus müssen, nicht aus dem Städtele, aber aus ihren Übungsräumen im Rathaus, was für sie schlimm genug ist.

27 Jahre lang haben sie problemlos donnerstags im Sitzungsraum im ersten Stock des Rathauses üben und in Schränken ihre Ausrüstung wie Trachten, Schlagzeug und Notenarchiv unterbringen können jetzt müssen sie sich um eine neue Bleibe umsehen. Vor allem die Begründung ihres Rauswurfs missfällt den Blasmusikern dabei: Laut Bürgermeister Ullrich Sander (parteifrei) darf die Kapelle aus Gründen des Datenschutzes nicht mehr im Sitzungssaal im ersten Stock des Rathauses proben.

Unterlagen aus nichtöffentlichen Sitzungen

"Auf den Tischen liegen oft noch Unterlagen aus nichtöffentlichen Sitzungen. Darin könnten die Musiker unbemerkt blättern", erklärt Sander seine Motivation, die Blaskapelle nicht mehr in den Sitzungssaal zu lassen. Die Auswirkungen des Datenschutzes sei auch an anderen Stellen im Rathaus zu bemerken, viele Räume müssten bei Abwesenheit der Bediensteten zugesperrt werden, darunter selbst der Kopierraum, für den man sich den Schlüssel holen müsse. "An den Datenschutz glaube ich, ehrlich gesagt, nicht", sagt dagegen der Vorsitzende der Taufkirchner Blaskapelle, Rainer Miehlich. Mit diesem Problem müssten sich auch viele Firmen herumschlagen und kämen damit zurecht.

"Keine Daten im Sitzungssaal liegen lassen" - das wäre Miehlichs Problemlösung. Ins gleiche Horn stößt der Taufkirchner Altbürgermeister und Freie-Wähler-Gemeinderat Eckhard Kalinowski. Den Rauswurf der Musiker mit dem Datenschutz zu erklären, sei ihm zu wenig, sagt Kalinowski, der selbst Mitglied der Blaskapelle ist und zuletzt im Gemeinderat vom Datenschutzbeauftragten eine Aufklärung gefordert hat.

Von nichtöffentlichen Daten, die nach der Sitzung auf den Tischen lägen, wisse er nichts. Einmal habe er die Tagesordnung der vorangegangenen Sitzung auf einem Tisch liegen gesehen sagt Kalinowski, "normal ist da aufgeräumt". Nur einmal im Jahr, wenn im Sitzungssaal zwei Tage lang die Rechnungsprüfung vonstatten gehe, würden Ordner auf den Tischen liegen gelassen und es dürfe zwei Tage lang kein Externer den Saal betreten.

Kündigung erfolgte ganz nebenbei

Aber nicht nur die Begründung von Bürgermeister Sander stößt den Musikern sauer auf, auch die Art und Weise, wie die Entscheidung kommuniziert worden ist, missfällt ihnen. Bürgermeister Ullrich Sander hatte dem Dirigenten Markus Olbrich die unerfreuliche Nachricht vom Rauswurf vor dem Auftritt der Kapelle bei der Fronleichnamsprozession von Sankt Johannes überbracht. Als er, Miehlich, den Rathauschef darauf habe ansprechen wollen, sei dieser schon weg gewesen.

Die Kündigung am Rande einer Veranstaltung sei für ihn nicht verbindlich gewesen: "Ich dachte, es wird bestimmt noch eine offizielle Mitteilung kommen." Stattdessen habe ihn vor circa drei Wochen eine Rathausmitarbeiterin angerufen und ihn wissen lassen, dass Ende 2018 Schluss sei und die Musiker sich etwas anderes suchen müssten. "Ich hab' dann lapidar nachgefragt, ob sich Sportvereine auch selbst einen Platz suchen müssen", erinnert sich Miehlich.

Seit Ullrich Sander als Bürgermeister Hausherr im Taufkirchner Rathaus ist, können die Musiker den Sitzungssaal ohnehin nicht mehr uneingeschränkt als Übungsraum benutzen. Grund dafür ist die Entscheidung Sanders, die Gemeinderatssitzungen und einige Ausschusssitzungen auf Donnerstagabend zu legen. Wird in dem Saal getagt, müssen die Musiker bereits jetzt mit einem kleinen Raum im Keller vorlieb nehmen; zuletzt sei dies zunehmend oft der Fall gewesen, sagt Miehlich.

Die Akustik darin ist laut dem Vereinsvorsitzenden derart schlecht, dass sich einige Blasmusiker weigerten, in diesem Raum zu üben. Der seiner Meinung nach erzwungene Rauswurf der Blasmusiker tue ihm leid, sagt Sander, und er werde den Musikern bei der Suche nach einem Ersatzraum beistehen: "Irgendwo müsse die Jungs ja auch hinkommen." Der Bürgermeister denkt dabei nach eigener Aussage an einen Raum im Jugendkulturzentrum und sagt: "Ich bin zuversichtlich, wir haben ja noch bis Januar Zeit."

© SZ vom 25.07.2018/sab
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