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Taufkirchen:Die Vielfalt daheim

Zuhause im Landkreis: Atte und Georgette Focho mit ihren Kindern sind aus Kamerun nach Höhenkirchen-Siegertsbrunn gezogen.

(Foto: Claus Schunk)

828 Einwohner aus dem Landkreis haben im vergangenen Jahr die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen, unter ihnen ist Ochmaa Göbel, die Frau des Landrats. In Taufkirchen erhalten sie ihre Urkunden

Als eine Sprecherin ankündigt, dass sich Christoph Göbel um eine halbe Stunde verspäten wird, brechen die etwa 500 Gäste im Veranstaltungssaal des Kultur- und Kongresszentrums Taufkirchen in Lachen aus. Die Verspätungen des Landrats sind legendär. Bereits zum achten Mal feiert der Landkreis München seine Neueingebürgerten, an diesem Mittwochabend sind jene an der Reihe, die zwischen Mai 2018 und März 2019 ihre Urkunden bekommen haben. Und für Landrat Göbel ist es dieses Mal ein bisschen so, als würde er zu spät zur eigenen Feier kommen, denn auch seine Frau Ochmaa, geboren in der Mongolei, hat in den vergangenen Monaten die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen.

Sie trägt, wie viele andere an diesem Abend, bayerische Tracht und wird später in einer emotionalen Rede von ihren Erfahrungen berichten. Wie sie im Landkreis München aufgenommen wurde, wie sie hier Freunde fand und wie sie "Bayerin wurde". Ochmaa Göbel spricht aber auch über die unangenehmeren Fragen, die sich bei einer Einbürgerung auftun: "Bin ich jetzt nicht mehr Mongolin? Und bin ich wirklich Deutsche?" Ihre Antwort: "Es ist kein Widerspruch. Ich bin Mongolin, aber auch Deutsche."

Ihr Mann, der Landrat, ist sichtlich aufgeregt, als er - natürlich im Trachtenjanker - endlich die Bühne betritt. Er spricht sehr schnell, zitiert aus der Statistik und erzählt, unter anderem, dass sich die Zahl der Einbürgerungen im Landkreis München seit 2014 fast verdoppelt hat. Allein zwischen Mai 2018 und März 2019 ließen sich 828 Einwohner einbürgern.

Die Gründe sind individuell und unterschiedlich, doch eine Nationalität überwiegt auch heuer wieder: Fast zwanzig Prozent der Eingebürgerten stammen aus Großbritannien.

Seit dem Brexit-Votum boomt die Zahl der eingebürgerten Briten. Eine von ihnen ist Jane Rohleder. Obwohl sie seit 30 Jahren in Deutschland lebt, sagt Rohleder: "Ich hätte nicht gedacht, dass ich jemals die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen würde." Der Grund sei die "Verunsicherung", die sich durch den Brexit ergeben habe. Sie habe Angst um ihren Arbeitsplatz gehabt, sagt die Physik-Lehrerin, die mit ihrem Mann in Aying wohnt. Außerdem habe sie nach den vielen Jahren in Deutschland endlich hier wählen wollen.

Der Schwebezustand der Briten nach dem Brexit treffe auch ihre Mutter, die seit Jahrzehnten in Spanien wohnt, erzählt die Deutsch-Britin. Sie könne nicht die spanische Staatsbürgerschaft beantragen und müsse nun um ihre Rente bangen. Am wichtigsten ist Rohleder, deren bayerischer Akzent stärker ist als der englische, einen EU-Pass behalten zu können, denn, wie sie und ihr Mann betonen: "Wir sind Europäer." Was die Zukunft Großbritanniens betrifft, sagt sie mit ein wenig Resignation: "Jetzt ist es mir egal."

Landrat Göbel bedankt sich in seiner Rede bei den Anwesenden für deren "Bekenntnis zur Bundesrepublik Deutschland". Sie seien eine Bereicherung für die Gesellschaft und sollten ihre Wurzeln weiterhin pflegen. Vielfalt sei die Stärke Deutschlands, sagt Göbel. "Daheim im Landkreis München" steht auf den Lebkuchenherzen, die an diesem Abend jeder zusätzlich zur Urkunde erhält. So auch Elvira Dürr. Die Mutter eines kleinen Mädchens ist seit Februar deutsche Staatsbürgerin. Sie kam schon 1991 nach Deutschland, weil ihre Eltern als Gastarbeiter aus Jugoslawien in die Bundesrepublik gezogen waren.

Wegen des Bosnienkriegs beschloss sie zu bleiben. Die Unterföhringerin ist seit 2007 mit einem Deutschen verheiratet. Ihr ging es wie vielen anderen hauptsächlich um die bürokratischen Vorteile des deutschen Passes. Es sei viel einfacher, Dinge zu beantragen oder zu reisen. Die Entscheidung sei aber keine leichte gewesen: Die einstige Bosnierin musste ihren alten Pass abgeben. "Es ist schon komisch. Aber es ist halt so", sagt die Familienmutter. Ihren Schritt bereut Elvira Dürr nicht. Deutschland sei mittlerweile ihre Heimat.

Das empfinden ganz offensichtlich alle im Saal so. Vor dem Büfett stehen sie auf und singen zunächst leidenschaftlich die deutsche Nationalhymne und dann die bayerische.