Es ist ein packendes Kopf-an-Kopf-Rennen, das Jörg Pötke an diesem Sonntagabend miterlebt – doch nicht etwa um die Zukunft des „Quartier am Bahnhof“ in Taufkirchen. Vielmehr verfolgt der Gemeinderat der Initiative Lebenswertes Taufkirchen (ILT) am Fernseher das Wimbledon-Finale zwischen Alexander Zverev und Jannik Sinner, nachdem er zuvor nur kurz im Kultur- und Kongresszentrum gewesen ist.
Dort flimmern an diesem Abend die Ergebnisse des Bürgerentscheids zum „Quartier am Bahnhof“ über den Bildschirm, und anders als im fernen London zeigt sich hier schon früh ein eindeutiges Bild. So spricht sich eine große Mehrheit der Wählerinnen und Wähler für ein Festhalten an der aktuellen Planung aus, wonach das bisherige Gewerbegebiet westlich der Gleise zwischen Lindenring und Waldstraße umgewandelt werden soll in ein zwölf Hektar großes gemischtes Viertel mit Wohnraum für 2000 Menschen, Büros, Gastronomie, einem Ärztehaus, Kitas und weiteren sozialen Einrichtungen.
75,5 Prozent Zustimmung erhält am Ende das vom Gemeinderat initiierte Ratsbegehren „Neugestaltung des Quartiers am Bahnhof – Planung fortführen“. Lediglich auf 31,8 Prozent Ja-Stimmen kommt dagegen das Bürgerbegehren „Stoppt die Gigantomanie am Bahnhof!“, das eine Einstellung der zugehörigen Bauleitplanverfahren fordert. Ebenso klar ist das Ergebnis bei der Stichfrage: Hier stimmen 73,3 Prozent der Wählerinnen und Wähler für das Rats- und nur 26,7 Prozent für das Bürgerbegehren. Von den knapp 13 000 Wahlberechtigten in Taufkirchen geben fast 6000 ihre Stimme ab; das nötige Quorum wird somit bei allen Abstimmungen locker erfüllt.
Für Jörg Pötke und seine ILT, die das Bürgerbegehren zusammen mit der Ortsgruppe des Bundes Naturschutz auf den Weg gebracht hatte, ist das Ergebnis eine krachende Niederlage. Der Ex-Bürgermeister macht hierfür vor allem die Wahlkampagne der Eigentümergemeinschaft verantwortlich, die mit großem Aufwand für ein Ja zum Ratsbegehren geworben hat – von den zahllosen Plakaten über die vielen Infostände bis hin zu gratis Eis und verbilligtem Döner. „Alles, was man auffahren kann, wurde da aufgefahren“, sagt Pötke. Insofern habe ihn das klare Ergebnis kaum überrascht.
Die Verlierer reichen noch am selben Abend einen Antrag im Rathaus ein
Ungeachtet des Scheiterns des Bürgerbegehrens werde seine ILT weiterhin versuchen, das Großprojekt in die aus ihrer Sicht richtigen Bahnen zu lenken, kündigt der Ex-Bürgermeister an. Seine Fraktion reicht noch am Abend der Abstimmung einen Antrag im Rathaus ein, wonach in den Plänen fürs „Quartier am Bahnhof“ die Eschenpassage als Fußgängerzone zu erhalten, zu entsiegeln und zu begrünen.
Die Debatten um das „wichtigste städtebauliche Projekt für Taufkirchen in den nächsten Jahrzehnten“, wie Bürgermeister Sebastian Thoma (CSU) es nennt, dürften also weitergehen. Bei den Unterstützern des Projekts ist derweil die Freude und Erleichterung über den klaren Wahlausgang groß. „Eine eindeutige Mehrheit der Taufkirchner hat die Chancen erkannt, die mit dem neuen Quartier verbunden sind“, sagt Lisa Bierling, die Sprecherin der Eigentümergemeinschaft. „Taufkirchen will die Zukunft des Ortes nicht blockieren, sondern gestalten.“
Ähnlich erfreut zeigt sich der Rathauschef, der den Bürgerentscheid als „klaren Auftrag“ wertet, „die Planung für das Quartier am Bahnhof fortzuführen“. Bereits im Vorfeld der Abstimmung hatte sich Sebastian Thoma betont zuversichtlich gegeben. „Viele Bürger wünschen sich eine Veränderung an der Stelle, vor allem in der Eschen- und Lindenpassage.“ Dieses Meinungsbild sei ihm auch an Infoständen und bei seinen Bürgersprechstunden zugetragen worden.
Mit dem klaren Votum im Rücken kann der Gemeinderat, der das XXL-Projekt stets mit großer Mehrheit vorangetrieben hat, nun die Planung für das Bahnhofsquartier fortsetzen. Noch in diesem Jahr wolle man sich mit den Grundstückseignern in dem Gebiet – darunter vor allem der Immobilienentwickler Rock Capital und die Bäckerei- und Konditoreigenossenschaft Bäko – auf einen städtebaulichen Vertrag einigen, sagt Thoma. Danach solle der Bebauungsplan beschlossen und damit Baurecht im „Quartier am Bahnhof“ geschaffen werden.


