Anschi Prott lacht gern. Manchmal verschmitzt, etwa wenn sie die wendbaren Kulissenbilder vorführt, mit denen ihr Team und sie sich behelfen, um trotz der schmalen Bühne im Truderinger Kulturzentrum die Szenenwechsel für ihr jüngstes Werk zu gestalten. Manchmal schallend, zum Beispiel wenn sie von den Publikumsrängen im Unterföhringer Bürgerhaus aus den Auftritt ihrer Schützlinge auf der Bühne verfolgt und ihr gefällt, was sie sieht.
Das Lachen ist auch ein zentrales Element in Protts Theaterarbeit. Die 59-Jährige inszeniert seit mehr als 30 Jahren Stücke für Bühnen im süddeutschen Raum, vor allem rund um München. Ihre Arbeiten geht sie stets mit dem Anspruch an, ihren Inszenierungen aktuelle Inhalte mitzugeben, sie ins Jetzt zu holen und dem Publikum neue Blickwinkel zu eröffnen. Dabei darf es aber gern auch humorvoll zugehen.
„Übers Lachen sind die Menschen oft bereit, etwas mitzunehmen aus einem Stück“, sagt die Regisseurin. Etwas, über das sie im Nachgang des Theaterabends nachdenken, ohne mit dem Hammer davon erschlagen zu werden. Auf diese Weise ist Prott überzeugt, kann das Theater Themen aufgreifen, die bewegen, auch mal provozieren, Diskussion hervorrufen. Diese Denkanstöße können als Kindertheaterstück daherkommen oder im Gewand eines klassischen Bauerntheaterstücks, das Prott dann freilich satirisch überhöht und mit Lokalkolorit anreichert. Mit ihrer persönlichen Handschrift und Intonation bringt die Regisseurin mit ihrem Tim-Theater auch Werke bekannter deutschsprachiger Autoren wie Max Frisch oder Friedrich Dürrenmatt auf die Bühne.
Tim steht für „Theater ist mehr“. Auf ihrer Website formuliert es Prott so: „Theater ist der Motor, nie müde zu werden, uns zu hinterfragen. Theater ist Denkraum, Theater ist Anregung zur Veränderung.“ Welche Welten das Theater eröffnen kann, hat Prott selbst erfahren, als sie 18 Jahre alt war. In Protts Elternhaus waren Theater und ähnliche Kulturveranstaltungen nicht unbedingt wohlgelitten, die Eltern wünschten sich eine handfeste Berufsperspektive für ihre Tochter. Prott begann eine Ausbildung zur Notargehilfin. In der Berufsschule in München aber wurde sie auf einen Aushang aufmerksam, der den Aufbau eines Jugendklubs bewarb.

Über diesen lernte Prott die Schauspielerin Sigi Siegert kennen, die mit ihrem Partner Claus Siegert das kleine experimentelle Stadttheater „Blaue Maus“ betrieb, das heute unter neuer Führung als „Das Vinzenz“ weiterlebt. Siegert gab Prott eine Rolle in einem Theaterstück für Kinder und brachte sie so zum ersten Mal auf die Bühne. Als Oberhexe gab sie in Otfried Preußlers „Die kleine Hexe“ ihr Debüt. Für Prott geradezu eine Epiphanie. „Ich war als Kind sehr schüchtern, wurde zum Teil gehänselt“, sagt sie. „Das Theaterspielen war für mich eine Bühne, wo ich mal glänzen durfte.“
Prott fing Feuer für das Theater. Mit einem Hocker saß sie frühmorgens vor den Kammerspielen, um Karten für die Faust-Inszenierung von Dieter Dorn zu ergattern. Und sie bewies selbst Bühnentalent. Nicht gerade zur Begeisterung ihrer Eltern schrieb sie sich auf einer staatlich anerkannten Schauspielschule in München ein. Um ein regelmäßiges Einkommen zu haben, arbeitete sie zunächst parallel bei einer Versicherung, spielte daneben Kindertheater und hatte Engagements auf kleineren Bühnen. Mit 27 wagte sie sich erstmals auch an die Regie, doch ohne großen Erfolg. „Anfangs habe ich mich schwergetan, den richtigen Zugang zum Inszenieren zu finden – da standen 25 kleine Anschis auf der Bühne“, sagt Prott rückblickend.
Mit ihrem Einstieg in die Theaterpädagogik gelang es Prott immer besser, auch als Regisseurin mit Schauspielerinnen und Schauspielern zu agieren. Mit „Der Besuch der alten Dame“ und „Biedermann und die Brandstifter“ verarbeitete sie Bühnenklassiker, die heute eine erschreckende Aktualität entfalten. Und sie entdeckte, wie gern sie mit Jugendlichen arbeitete. In ihrem Wohnort Unterföhring bot sich 2016 die Chance, ein ganz eigenes Projekt zu gestalten: eine Gruppe aus jungen Menschen zu versammeln, mit denen sie über ein Jahr hin ein Stück erarbeiten würde. Ursprünglich war ein festes Stück vorgesehen, doch in der Probenphase wurde Prott klar: Sie würden etwas Eigenes entwickeln, zugeschnitten auf die Darstellenden und deren Lebenswelt in Unterföhring. Ein Drahtseilakt, schließlich nahm das Stück direkt Bezug auf die Geschehnisse im Ort. Als „Der Kanzler – er macht mehr“, eine bissige Politsatire auf die örtliche Kommunalpolitik, 2017 zur Aufführung kam, bekam das Ensemble viel Lob.

Anschi Prott qualifizierte sich damit sozusagen als Expertin für das Format „Bürgerbühne“. Das Konzept stammt ursprünglich aus Dresden. Es wurde am dortigen Staatsschauspiel 2009 erstmals entwickelt und hat seither deutschlandweit Nachahmer gefunden. Das Besondere an dem Ansatz ist, interessierte Menschen aus der Region ohne professionelle Schauspielerfahrung zusammenzubringen und gemeinsam ein Bühnenstück zu erarbeiten und schließlich aufzuführen. Bei diesen Projekten treffen Menschen mit verschiedenen Lebensaltern, Erfahrungen und Hintergründen aufeinander, Menschen, die sich sonst vielleicht nie kennengelernt hätten. Im gemeinsamen Konzeptionieren eines Stückes unter professioneller Anleitung entdecken die Mitspielenden das Theater als Lebensbühne, lernen oftmals aber auch sehr viel über sich selbst.
„Die Leute sollen eine Idee davon bekommen, dass Theater Kunst ist.“
Für die Regisseurin erfordert die Arbeit mit Laien viel Fingerspitzengefühl. Es gilt, einerseits den eigenen Ansprüchen zu genügen – „die Qualität und Ästhetik der Inszenierung steht für mich an erster Stelle“, sagt Prott bestimmt. „Die Leute sollen eine Idee davon bekommen, dass Theater Kunst ist.“ Auf der anderen Seite stehen bis zu zwei Dutzend nicht professionelle Darsteller mit ihren Charakteren, die angeleitet, gehört und koordiniert werden wollen. Zur Regie und Organisation kommt da rasch noch die Rolle der Pädagogin, der Debattenführerin und Mediatorin. „Zum Glück wächst mit zunehmendem Alter die Geduld“, sagt Prott mit einem Augenzwinkern. In Konfliktsituationen stelle sie sich heute immer die Frage: Was ist die Not des Gegenübers? „Darin liegt auch die Essenz der Bürgerbühne, zu fragen: Wer ist dieser Mensch hier? Was bringt er mit? Dann kann ich ihm eine Rolle auf den Leib schreiben.“
Dass Prott dieses Augenmaß besitzt, bestätigen Menschen, die mit ihr arbeiten. „Anschi Prott hat ein gutes Händchen dafür, die Leute da einzusetzen, wo sie ihre Fähigkeiten am besten ausspielen können“, sagt etwa Mathias Blühdorn vom Kulturzentrum Trudering. Mit der Bürgerbühne Trudering, die Ende Oktober mit „Der verkaufte Großvater“ ihr Debüt gab, hat Prott das erste Bürgerbühnen-Projekt im Münchner Stadtgebiet aus der Taufe gehoben. In diesem Jahr feierte außerdem die Bürgerbühne Unterschleißheim ihre Premiere. In Unterföhring hat Prott inzwischen bereits vier Bürgerbühnen-Stücke inszeniert. Wichtig dabei ist ihr, mit ihren Arbeiten stets auf Augenhöhe mit dem Publikum zu sein. „Es ist gut, dass es Jelinek, Pollesch und all die hochintellektuellen Inszenierungen gibt“, sagt die 59-Jährige. „Aber wir dürfen nicht vergessen: Wir spielen Theater fürs Volk. Nur wenn ich die Leute erreiche, gelingt es vielleicht auch, dass sie über die Themen, die wir ansprechen, nachdenken.“
Kultur verbindet, Kultur bewegt – und Kultur braucht unsere Unterstützung: Zum dreizehnten Mal verleiht die Süddeutsche Zeitung den Tassilo-Kulturpreis. Diese Auszeichnung würdigt Arbeit und Wirken von Künstlerinnen, Künstlern und Kulturschaffenden im Großraum München. Hier stellen wir Ihnen die Preisträger vor, die die Jury, bestehend aus Kulturredakteurinnen und -redakteuren der SZ, in diesem Jahr ausgewählt hat. Verliehen werden drei Hauptpreise sowie fünf Förderpreise. Außerdem stiftet das Spendenhilfswerk der Süddeutschen Zeitung, SZ Gute Werke, einen Kulturpreis, der besonderes soziales Engagement würdigt. Welchen Preis die Gewinnerinnen und Gewinner erhalten, wird bei der Verleihung am 26. November bekanntgegeben.

