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Tassilo:Die Natur als Bühne und Schule

Waldtheater-Ensemble

Wenn der Wald zur Spielwiese wird, freuen sich nicht nur die jungen Zuschauer.

(Foto: Johannes Wimmer/oh)

Kandidatin für den SZ-Kulturpreis: Die Höhenkirchnerin Michaela Soiderer ist treibende Kraft des pädagogischen Theaterprojekts "Wald der Bilder".

Von Angela Boschert, Höhenkirchen-Siegertsbrunn

Im Wald, da gibt es kein Entrinnen. Zumindest nicht, wenn man dort ein interaktives Theaterstück von Michaela Soiderer besucht. Die Zuschauer werden gewöhnlich zu Mitspielern unter Bäumen, außer sie müssen - wegen der Pandemie - fest zugewiesene Plätze einhalten.

Aber es gibt ja auch keinen Grund, sich dem Mitmachen zu entziehen: Soiderers Projekt "Wald der Bilder" verfolgt die Absicht, Menschen mit erlebnisreichen Naturinszenierungen zum Lächeln zu bringen wie zum tieferen Nachdenken über die Verantwortung gegenüber anderen und der Natur und Umwelt.

Inspiriert vom "Bosque Pintado", dem "beseelten" Wald im Baskenland, starteten die Höhenkirchnerin Michaela Soiderer und der Theaterpädagoge Manfred Nadler im Sommer 2008 das Projekt "Wald der Bilder" nahe einem Bauernhof in Schwindegg im Landkreis Mühldorf am Inn.

Ziel war und ist es, Mensch und Natur stärker in Einklang zu bringen durch Erlebnisse im und mit dem Wald, durch Umweltbildung, über szenische Darstellungen, Musik und Interaktionen. Entlang eines Spazierweges durch einen Fichtenwald entstanden im Laufe der Jahre viele "Baumbilder", Installationen und Naturerlebnisinseln.

Waldtheater-Ensemble

Michaela Soiderer aus Höhenkirchen spielt zwar selbst nicht mit, sie ist aber für Texte, Dramaturgie und Regie mitverantwortlich.

(Foto: Johannes Wimmer/oh)

Viele Bäume wurden bis 2015 fantasievoll bemalt, ohne den Wald in seiner natürlichen Entfaltung und Veränderung zu beeinflussen. Das Projekt "Wald der Bilder" erhielt 2011 den Deutschen Waldpädagogikpreis, verliehen durch die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (SDW).

Inzwischen finden sich solcherart Spuren auch im Auwald in Dachau-Ost, wo sich ein Regenbogen über mehrere Bäume zieht, und auch in Höhenkirchen und beim Tollwood waren sie schon. Das Bemalen von Bäumen mit selbstangerührten Kaseinfarben, bestehend aus Quark, gelöschtem Kalk und Farbpigmenten, macht nicht nur Erwachsenen Spaß, etwa bei Teambuilding-Events mit Unternehmen.

Zu den Besuchern zählen Kindergärten, Schulen, Behinderteneinrichtungen und Vereine, aber auch Familien. Seit 2011 gehören Theaterinszenierungen zu den Projekten. Da das Projekt unter freiem Himmel stattfindet, ist man auch in Corona-Zeiten freier in der Gestaltung, muss sich aber dennoch wohl noch länger einschränken. "Wir machen das Beste draus", sagt Soiderer.

Generell kann das Ensemble, zu dem außer Soiderer und Nadler die Musikerin Lisa Schamberger, die Schauspieler Markus Nau und Carolin Schubert sowie Fotograf Johannes Wimmer zählen, seine Zelte auf Anfrage an vielen Orten aufschlagen, da die Natur die Bühne ist.

Aktuell sucht "Wald der Bilder" (www.wald-der-bilder.de) im Raum München eine neue dauerhafte Spielstätte, möglichst einen Wald, der gut zu erreichen ist, mit 300 bis 600 Meter langen Strecken für Inszenierungen mit etlichen Stationen.

Waldtheater-Ensemble

Im Juni soll die Produktion "Auf der Suche nach dem Gleichgewicht - Natur und Kultur zu Gast in der Waldschrat-Akademie", Premiere haben.

(Foto: Johannes Wimmer/oh)

Denn der Klimawandel und der Borkenkäferbefall setzte dem alten Fichtenbestand im Wald bei Schwindegg zuletzt so zu, dass das anfängliche Land-Art-Projekt der Baumsäge zum Opfer fiel. Nach und nach mussten alle bemalten Bäume gefällt werden. Das erste der Bilder, ein großes Auge, hat sich aber als Logo des Projekts "Wald der Bilder" erhalten.

Treibende Kraft der Theaterinszenierungen ist Soiderer. Die gelernte Erzieherin und Sozialpädagogin steht zwar selbst nie auf der Bühne, aber sie schreibt die Stücke und hält die Fäden in der Hand. Die Inszenierungen werden nicht nur an den Ort, sondern auch der Zielgruppe angepasst, erzählt sie.

Das betrifft auch die Musik, die unabdingbarer Bestandteil jedes Stücks ist. Mit ihrem Publikum sind die Schauspieler im Wald unterwegs und gelangen so leicht zu immer wieder neuen Bühnenbildern für einzelne Szenen. Bei den Kostümen hat Einfachheit Vorrang - für eine Biene etwa reicht ein angemalter Leinensack, der Frack des Waldschrats stammt aus einem Theaterfundus.

Die Kinder dürfen Kohlendioxid einsammeln

Mitspielen ist Basis für die Einprägsamkeit der Botschaft. Da gilt es, etwas mit Naturmaterialien wie Farbe oder Lehm zu gestalten oder konkret den Bäumen zu helfen. "Die Kinder steigen immer ganz schnell mit ein, wenn es im Lauf des Stückes gilt, beispielsweise CO2 einzusammeln, das wir vorab als schwarz bemalte Holzstücke in Säcken an Bäumen aufgehängt haben", erzählt Michaela Soiderer.

Doch auch Erwachsene "werden eingebunden, ihre Gedanken bleiben durch das Gehen in Bewegung und dürfen bewusst immer wieder kurz vom Stück abschweifen, wenn ein schöner Vogel direkt vor der Nase sitzen bleibt", berichtet Hans Reichl, Waldbesitzer und Betreiber des Am-Vieh-Theaters in Schwindegg. Im Juni soll die Produktion "Auf der Suche nach dem Gleichgewicht - Natur und Kultur zu Gast in der Waldschrat-Akademie", Premiere haben, konzipiert als ganztägige Akademie.

Der Waldschrat, eine Konstante, die Soiderer in die Inszenierungen eingeführt hat, wird - gespielt von Nadler - durch das Stück führen, in dem zwei Seelen in seiner Brust Gestalt annehmen: Da trifft die Natur als Gesamtheit aller Dinge auf die Kultur, die in jeden Winkel der Natur vordringen und sie umgestalten will.

Sie brauchen einander, aber ihre Gegensätzlichkeit bereitet Probleme. Wie wird es gelingen, ihr Gleichgewicht wieder zu erreichen? Die Zuschauer können hierbei nicht nur Text und Reime von Soiderer genießen, sondern eine Klangreise mitten im Wald, ihre sinnliche Wahrnehmung aktivieren und der Natur mit Lehm ein Gesicht geben.

© SZ vom 05.05.2021/wkr
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