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Tassilo:Experimentell, bis es prickelt

Die Künstlerin Ulle Schmidt-Ibach interessiert sich für unterschiedliche Materialien und Techniken, aber stets auf eine Weise, die sich der Ästhetik in hohem Maße verpflichtet fühlt - die Beschäftigung mit schwarzen Löchern hat ihr die Anerkennung von Physik-Nobelpreisträger Reinhard Genzel eingebracht.

(Foto: Robert Haas)

Kandidatin fürs Lebenswerk: Die Porzellanmalerin Ulle Schmidt-Ibach geht künstlerisch gerne bis ans Letzte, ob sie sich nun mit schwarzen Löchern auseinandersetzt oder mit Haikus

Von Franziska Gerlach, Garching

Die Widmung von Reinhard Genzel, die will Ulle Schmidt-Ibach natürlich herzeigen. "Meinen Glückwunsch zu diesem geglückten Experiment, das Universum mit der Kunst zu vereinen. Das ist wirklich toll gelungen", hat der Astrophysiker und Direktor des Max-Planck-Instituts für "extraterrestrische Physik", der im vergangenen Jahr den Nobelpreis für Physik erhielt, auf die erste Seite jenes Buches geschrieben, das zu ihrem Zyklus "Schwarzes Loch" erschienen ist. Auf die Frage, ob sie aufgeregt gewesen sei, so prominenten Besuch in ihrem Atelier zu empfangen, winkt sie dagegen ab. "Das war ganz gelassen", sagt die Porzellanmalerin und Künstlerin, die ihrerseits einiges an Gelassenheit an den Tag legt.

Es ist jene selbstsichere Form der Gelassenheit, wie sie durch Lebenserfahrung erwächst: Für die "International Porcelain Artists and Teachers" (IPAT), eine Organisation für Porzellanmaler, ist Ulle Schmidt-Ibach um die halbe Welt gereist, sie hat zwei Bücher über Porzellanmalerei geschrieben, hat sich in Japan mit Zen beschäftigt und mit der Kunst der Kalligrafie, obendrein ist sie eine gefragte Dozentin für Malerei und Gestaltung und kann auf zahlreiche Ausstellungen zurückblicken. Im April ist die Garchingerin 80 Jahre alt geworden. Und am liebsten würde sie in diesem Leben auch noch das Coronavirus in einem schwarzen Loch versenken.

Schmidt-Ibach durchmisst das Atelier unter dem Dach ihres Hauses in Garching mit festen Schritten, steuert auf einen großen Tisch zu, auf dem sie zumindest einen Teil der gut 60 Bilder und Objekte aufgebaut hat, die von 2019 an im Zuge dieses ungewöhnlichen Zyklus entstanden sind. "Ich habe irgendwann nur noch in schwarzen Löchern gedacht", sagt sie. In der Anfangszeit dieser Faszination rief sie Reinhard Genzel an, weil der ja in Garching zu diesem Thema forscht. "Ich würde gerne das schwarze Loch begreifen und künstlerisch verwerten", habe sie ihm gesagt. Woraufhin Genzel den Kontakt zu einer Wissenschaftlerin des Max-Planck-Instituts, Odele Straub, herstellte, die Ulle Schmidt-Ibach anhand von Skizzen und geduldigen Erläuterungen das astronomische Phänomen auseinandersetzte, bei dem sich Masse auf einen winzigen Punkt verdichtet und eine ungeheure Sogkraft freisetzt. Diesem "Strudel" hat sich die Künstlerin daraufhin mit unterschiedlichen Materialien und Techniken angenommen, aber immer auf eine Weise, die sich der Ästhetik in höchstem Maße verpflichtet - und dem Prinzip, das Kunst auf Können aufbaut. Sie hat ihn mit Tusche geschaffen, auf hauchdünnem japanischem Papier und auf festem Buchkarton, sie hat den Strudel mit rostigem Blech dargestellt und aus Porzellan, sie hat Fotos von frisch angerührtem Schlammpackungen in einem italienischen Kurbad gemacht und diese Bilder in Kollagen eingearbeitet, sie hat gemalt, gezeichnet, geformt, Porzellan gebrannt und beim Brand entstandene Blasen mit Gold verziert. Einmal nahm sie sogar hauchdünnes Porzellan und schnitt mit dem Messer Kreise hinein, ein waghalsiges Unterfangen, bei dem sie selbst nicht wusste, ob es gelingen würde. "Ich muss immer bis zum Letzten gehen. Offenbar brauche ich dieses Prickeln", sagt sie. In ihrem Wesen als Künstlerin scheint Schmidt-Ibach getragen von lustvoller Freude am Experiment, unerlässlich arbeitet in ihr die Frage: Geht da noch was? Wie reagiert das Material? Lässt sich das Porzellan nicht doch noch etwas feiner brennen? Da kann es schon mal vorkommen, dass die zierliche Frau mit den im Nacken elegant aufgesteckten Haaren den Porzellanfuß einer Lampe mit Hammer und Meißel bearbeitet, und wenn er ihr dann noch immer zu langweilig erscheint, bemalt sie ihn eben mit Gold.

Langeweile kommt bei der Garchinger Künstlerin wohl ohnehin kaum auf. Schmidt-Ibach setzt sich, atmet durch und findet, nachdem sie die Darstellungsmöglichkeiten von schwarzen Löchern dargelegt hat, die Ruhe, um aus ihrem Leben zu erzählen. Schmidt-Ibach stammt aus Remscheid in Nordrhein-Westfalen, ihr Vater führte eine Eisenhandlung. Große Bleche und Eisenträger gab es dort, aber auch die pudrig-feinen Rostpartikel, die die Künstlerin bis heute liebt. In München absolvierte sie die Kostüm- und Bühnenbildschule. Doch das Nähen ist nicht ihr Ding - und als Bühnenbildnerin kann sie dauerhaft nicht arbeiten, weil sie sich als junge Frau den Rücken bei einem Reitunfall verletzte. So findet die Medizinisch-Technische Assistentin schließlich in der Pharmakologie eine Anstellung. Dann heiratet sie, bekommt zwei Töchter. Künstlerisch wendet sie sich der Porzellanmalerei zu - eine Nische, in der sie aufblüht wie die Blumen, die sich nach Anleitung ihrer Bücher malen lassen, verfasst in Zusammenarbeit mit der Porzellankünstlerin Barbara Flügel. Für die IPAT, die Organisation für Porzellanmalerei, gab sie weltweit Kurse, etwa in Südafrika und Japan. Eine schöne Zeit sei das gewesen. Immer wieder zieht es die Garchingerin nach Fernost, seit vielen Jahren pflegen Schmidt-Ibach und ihr Mann eine enge Freundschaft zu einem japanischen Ehepaar nahe Tokio. Vielfältig künstlerisch bewandert, wie Schmidt-Ibach nun mal ist, verfasst sie auch Haikus, nicht immer im Sinne der Japaner, sie formuliert eben, wie sie es fühlt, manchmal ritzt sie diese traditionellen japanischen Gedichte selbst in feines Porzellan. Dem Phänomen des schwarzen Loches wiederum hat sie sich in ihrer Serie gleich mehrmals mit dem reduzierten Pinselstrich der Kalligrafie genähert. "Schwarz ist eine wunderbare Farbe, weil sie das Konglomerat aller Farben ist", sagt Schmidt-Ibach. Sie ist eben nicht der Typ für fade Zwischentöne und halbe Sachen. Sie denkt gerne groß.

Vielleicht ist so auch die Arbeit einer Porzellanplatte mit eingebrannten Glasperlen entstanden, die darstellt, wie die Coronaviren durch die starke Gravitation auf Nimmerwiedersehen in den Weltraum gesogen würden. Nicht das wahrscheinlichste Ende der Pandemie. Aber ziemlich kreativ.

© SZ vom 08.05.2021
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