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Tassilo:Befreien, beflügeln, bewegen

Nach der erfolgreichen Installation "Stühle, Koffer, Schirme" 2019 freut sich der "Kunst-Kompass" (unter weißem Schirm links stehend: Vorsitzende Ursula Busch) auf das Stelenprojekt im Herbst.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

SZ-Kulturpreis 2021: Der Garchinger "Kunst-Kompass" organisiert große Kunstprojekte, die die Stadtgesellschaft aktiv einbinden

Von Irmengard Gnau, Garching

Künstlerisches Schaffen beflügelt, befreit den Geist, eröffnet neue Räume der eigenen Persönlichkeit. Diese Erfahrung durften die Mitglieder des Kunstvereins "Kunst-Kompass München Nord" schon alle in der ein oder anderen Form machen. Fast alle haben einen anderen Brotberuf erlernt, in dem sie gearbeitet haben oder es noch tun, doch die Kunst hat sie stets begleitet. Heute sind die 14 Mitglieder freischaffend künstlerisch tätig und gestalten als Verein Ausstellungen, Vorträge und Projekte im nördlichen Landkreis rund um das Zentrum Garching. Dabei verstehen sie sich nicht nur als Kunstschaffende, sondern ganz bewusst auch als Mittler zwischen Kunst und Publikum.

"Wir wollen unsere Mitbürger einbeziehen", sagt Ursula Busch, die Vorsitzende des Vereins. Wie ernst es ihnen damit ist, zeigt das ambitionierte Programm, das der Kunst-Kompass seit der Gründung 2016 jedes Jahr aufstellt. In Workshops können Interessierte unter Anleitung eines Mitglieds ihre Kreativität entdecken, bei gemeinsamen Museums- oder Kinobesuchen lässt man sich inspirieren. Bei regelmäßigen Kunstgesprächen mit Vorträgen versuchen die Mitglieder, dem Publikum neue Bereiche aufzuzeigen, etwa mit einem Einblick in die skandinavische Kunsthistorie, zu digitaler Kunst oder zu Einsatz und Bedeutung der Farbe Grün.

So groß ihre Bandbreite in der Kunstbetrachtung, so vielfältig sind auch die Charaktere und Stile der Mitglieder. Elf Künstlerinnen und drei Künstler zählt der Verein derzeit, die Materialien reichen von Acryl-, Wachs- und Ölfarben bis zu Keramik und Ton. Auch Tuschefeder, Holzschnitt oder Kamera sind Ausdrucksform. Ursula Busch etwa, die mit Isabella Barbagallo zu den Gründungsmitgliedern des Vereins zählt, malt vor allem abstrakt; Material und Farbe stehen für die pädagogische Kunsttherapeutin im Vordergrund. Ein Grund für die Etablierung eines Vereins war, so erzählt sie, der Wunsch nach "etwas Festem", einem engeren Zusammenschluss, als es viele offene Kunstkreise bieten. Heute, nach fünf Jahren, hat sich der Kunst-Kompass einen Namen in der regionalen Kulturszene gemacht (https://www.kunst-kompass.com).

Neben den gemeinsamen Ausstellungen hat der Verein besonders mit dem Projekt "Stühle, Koffer, Schirme", einer groß angelegten Kunstinstallation unter freiem Himmel im Sommer 2019, Aufmerksamkeit erregt. Gezeigt wurden damals im Garchinger Bürgerpark mehr als 60 Objekte. Zusätzlich zur Präsentation eigener Arbeiten hatten die Vereinsmitglieder dazu aufgerufen, dass Garchinger Bürger, Vereine und Institutionen ebenfalls Stühle, Koffer oder Schirme gestalten sollten. Die Resonanz war groß, das Ergebnis ein weithin sicht- und spürbarer Ausdruck von Vielfalt, Vitalität und Kreativität.

In diesem Jahr wollen die Kunst-Kompass-Mitglieder das Garchinger Zentrum in einen Ort der Kunst verwandeln. Im Spätsommer sollen 70 hölzerne Stelen rund um den Bürgerplatz platziert werden, jede einzelne individuell gestaltet. Die Nachfrage der Stadtgesellschaft war groß, mehrere Schulen, Vereine, der Seniorenbeirat wie auch Privatleute haben sich gemeldet, um Teil des Projekts zu sein. Die 70 Stelen sind bereits verteilt, in den kommenden Monaten können die Teilnehmer diese bearbeiten. Von Mitte September bis Ende Oktober werden die Arbeiten dann zu sehen sein und einladen zu einem Kunstspaziergang. "Stelen können Wegzeichen sein, die Kommunikation anregen", sagt Busch. Wie bereits 2019 werden die Arbeiten am Ende der Ausstellungsdauer für einen guten Zweck versteigert.

Die Idee für diese zweite Großinstallation mit Beteiligung der Öffentlichkeit keimte schon länger im Verein. Man entschied sich jedoch, bis 2021 zu warten. Rückblickend wohl eine weise Entscheidung. Schließlich war das Jahr 2020 ein in vielerlei Hinsicht außerordentliches. Wie allerorten mussten auch Busch und ihre Mitstreiter wegen der Corona-Pandemie einen Großteil ihrer geplanten Veranstaltungen absagen. Ihre Schaffenslust aber blieb davon unberührt. Die Monate der Kontaktbeschränkung haben die Künstlerinnen vielmehr für ihre Arbeiten genutzt, viel Zeit in ihren Ateliers und Werkstätten verbracht. Sie habe durch Corona viel mehr künstlerisch gearbeitet, berichtet Henrika Behler, im Hauptberuf Rechtsanwältin, seit ihrer Studienzeit der Malerei und später der keramischen Bildhauerei verfallen und seit dem Frühjahr stellvertretende Vorsitzende des Vereins. "Aber eben nur für mich ganz allein." Was fehlte, war die Möglichkeit, sich auszutauschen, neue Arbeiten zu präsentieren. Auch bei den Künstlern, die bevorzugt allein arbeiten, wird langsam eine Sehnsucht spürbar nach direkten Austausch, der Chance, Resonanz auf das eigene Schaffen zu erfahren. Wie passend dazu trägt die nächste Ausstellung, die der Kunst-Kompass plant, den Titel "Begegnung"; sie soll von 1. Juli bis Ende September im Rathaus Grasbrunn zu sehen sein. Eine Jury stellt in den nächsten Tagen die Werke dafür aus zahlreichen Einreichungen der Mitglieder zusammen.

Die ursprünglich für 2020 geplante Jahresausstellung im Garchinger Bürgerhaus musste hingegen schon mehrfach verschoben werden. Auch der zuletzt angestrebte Termin Ende April hat sich schließlich zerschlagen, nun hoffen Künstlerinnen und Künstler auf den Februar 2022. Vielleicht aber liegt in diesem Datum auch ein tieferer Sinn, überlegt Busch. Das Thema, mit dem sich die Mitglieder des Kunstkompass auseinandergesetzt haben, lautet "Bewegt - Beflügelt - Befreit". Ein Gemütszustand, den sich sicher viele für das kommende Jahr herbeisehnen.

Bis zum 30. April haben Leserinnen und Leser Zeit, unter tassilo@sz.de weitere Kandidaten-Vorschläge zu schicken.

© SZ vom 10.04.2021
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