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Tag der Jogginghose:Leger im Homeoffice

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Wer im eigenen Heim arbeitet, muss nicht mehr allzu viel Rücksicht auf sein Äußeres legen. So hat in der Pandemie die Jogginghose eine echte Renaissance erlebt. Die Sogar Bürgermeister im Landkreis zeigten sich schon im Homeoffice-Outfit.

(Foto: Sara Monika/Imago)

Bürgermeister im Schlabberlook, Minister im gemütlichen Outfit - die Jogginghose ist zum Inbegriff des Daheimbleibens in Corona-Zeiten geworden.

Von Iris Hilberth, Unterhaching/Ottobrunn

Sie zwickt nicht, sie knittert nicht und ist meist so flauschig weich, dass ihr schon vor der Anprobe der Wohlfühlfaktor zugesprochen wird. Die Jogginghose, der Inbegriff von Gemütlichkeit, hat im Zuge der Casualisierung der Mode ihr Image des schmuddeligen, etwas prolligen Kleidungsstücks abgelegt. Das berühmte Zitat des Modemachers Karl Lagerfeld, "wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren", klingt spätestens seit der Corona-Krise eher albern. In Zeiten von Homeoffice tragen auch Minister und Bürgermeister Jogginghosen. Die Sportartikelhändler freut das. Auch die im Landkreis München.

An diesem Donnerstag ist der Internationale Tag der Jogginghose. Das hat nichts mit Corona zu tun und mit dem Siegeszug des Schlabberlooks im Lockdown. Bereits seit zwölf Jahren wird diesem bequemen Kleidungsstück immer am 21. Januar gehuldigt. Der Ursprung der Idee, die Jogginghose salonfähig zu machen und möglichst viele Leute dazu zu bringen, an diesem Tag lässig mit ausgebeulten Knien und Gummizug in Schule und Büro aufzukreuzen, stammt von einer Aktion in Österreich. Vier Grazer Schüler überredeten 2009 ihre Mitschüler, in Jogginghosen im Unterricht zu erscheinen. Es war ein voller Erfolg und so beschlossen sie, die Aktion auf Facebook als "Internationaler Jogginghosentag" weiterzuführen. Ein Jahr später beteiligten sich bereits 130 000 Menschen, zuletzt sollen es weltweit bis zu 600 000 gewesen sein. Aber das war vor Corona.

Das Marktforschungsinstitut GfK hat im Dezember festgestellt, dass der Anteil der Jogginghosen, die nicht für den Sport gekauft werden, von 40 auf 50 Prozent gestiegen ist. Zwar gibt es immer noch entschiedene Gegner der Schlabberhosen. Die Modedesignerin Jil Sander, mittlerweile 77, hält überhaupt nichts vom weit verbreiteten Jogginghosenstil. "Sich radikal leger zu kleiden, zieht runter", sagte sie im November in einem Interview mit der New York Times. Aber selbst Menschen, die man sich zuvor niemals in Jogginghosen vorstellen konnte, haben ihre Vorurteile abgelegt. Die Vogue-Chefin Anna Wintour postete im April auf Instagram ein Foto, das sie am Schreibtisch zeigt. Sie trägt eine rote Jogginghose mit weißem Seitenstreifen und Reißverschluss an der Hosentasche.

Unserer Politiker sind da eher konservativ, was Farbe und Design der häuslichen Jogginghosen angeht. Die Bürgermeister der Nordallianz im Landkreis München hatten sich bereits im März zu einer Jogginghosen-Challenge verabredet. Da sah man dann den Unterschleißheimer Christoph Böck im schwarz-grauen Jogginganzug und seinen Ismaninger Kollegen Alexander Greulich im blauen Homeoffice-Outfit. Auch die Landtagsabgeordnete Claudia Köhler erzählte damals, dass sie am Anfang des Lockdowns Politik von zu Hause aus in Jogginghosen gemacht hat. Und die bayerische Ministerin für Bauen, Wohnen und Verkehr, Kerstin Schreyer aus Unterhaching, bekam im November von der Schüler-Union anlässlich deren Landesversammlung eine Jogginghose geschenkt, die sie auf Facebook präsentierte. Mit einem Blick, der als eine Mischung aus Begeisterung und Belustigung gedeutet werden kann. Denn die Hose ist ob ihrer XXXL-Größe so großzügig bemessen, dass die Ministerin darin nicht nur sehr bequem Video-Konferenzen bestreiten, sondern sie auch als Schlafsack nützen könnte.

Von vielen ist nicht bekannt, welche Art von Beinkleid sie bei der Arbeit am Schreibtisch tragen. Man sieht sie ja immer nur bis zur Hüfte. "Waist-up-dressing", nennt sich das, also ab der Taille aufwärts. Gesundheitsminister Jens Spahn hat in einem Interview mit den Spiegel-Kinderreportern zugegeben: "Ich saß auch mal mit Jogginghose in einer Videokonferenz. Aber obenrum war ich immer schick und ordentlich!"

Beim Sportfachgeschäft Sperk in Ottobrunn sieht man in diesem Trick auch mit einen Grund, dass die Jogginghosen so gut nachgefragt sind. Wobei man hier unterscheidet zwischen "Lümmelhosen", eben die für die Couch, und jenen zum Sporttreiben, die unter Laufhosen firmieren. "Verkaufen sich beide recht gut", sagt eine Mitarbeiterin. Seit vergangener Woche kann man per Click-and-Collect wieder Waren ordern, darunter seien auch viele Jogginghosen.

Das bestätigt auch Hans Forster vom gleichnamigen Intersport-Geschäft in Unterhaching. "Die Nachfrage ist sehr gestiegen", sagt er, vor allem die bekannten Sportmarken wie Adidas und Nike würden geordert. Auch bei ihm kann man inzwischen wieder bestellte Sportartikel im Landen abholen.

© SZ vom 18.01.2021/hilb
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