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"Tag der Courage" im Olympiapark:Das Prinzip Verantwortung

"Wenn der tragische Tod von Dominik Brunner überhaupt eine positive Seite haben kann, dann ist es diese": Beim "Tag der Courage" im Olympiapark können die Münchner lernen, mit kritischen Situationen im Alltag umzugehen.

Ingrid Schmid sitzt auf der Bierbank im grün-weiß gestreiften Pavillon-Zelt, weil sie sich manchmal ein bisschen feige fühlt. Und weil ihr Enkel Punker ist und deswegen ständig damit rechnen muss, dass er wegen seines Aussehens aggressiv angegangen wird. Ulrike Stahl ist es nach all den Berichten über Gewalt unheimlich, mit der U-Bahn zu fahren. Andrea Schmidt dagegen hat das gegenteilige Problem: Sie treibt Kampfsport und möchte ein paar verbale Tricks lernen, damit sie im Zweifel nicht zu hart einschreitet.

Rettungs- und Polizeihunde zeigen ihr Können: Das Programm beim "Tag der Courage" in den Olympiapark ist vielfältig.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Alle drei eint ein guter Vorsatz: Sie wollen helfen, wenn andere in Bedrängnis sind. Deshalb sind sie zum "Tag der Courage" in den Olympiapark gekommen, wo Polizei, Feuerwehr und viele andere Organsationen demonstrieren, wie man in Bedrängnis geratenen Mitmenschen am besten beispringt.

Im grün-weißen Zelt des DGB erklärt die Pädagogin Ulrike Grasse den drei Frauen und den anderen Zuhörern, dass Courage nicht nur bei Gewaltszenen gefragt ist. Es geht darum, einer Schwangeren mit einem Kind einen Sitzplatz im Bus zu besorgen, dem blonden Mädchen zu helfen, das der Fahrlehrer im Unterricht wegen ihrer Haarfarbe niedermacht. Oder, schon schwieriger, einer jungen Frau beiszuspringen, die von Betrunkenen in der U-Bahn angemacht wird. Und schließlich, wie geht man mit Nazi-Provokationen in der U-Bahn um?

Zuerst gilt für die Pädagogin Grasse: Man soll und darf sich nicht selbst in Gefahr bringen. Es kann schon helfen, das Opfer anzusprechen: Brauchst du Hilfe? Auch eine Frage an den Täter kann schon Wirkung zeigen. Schwierig wird es sofort, wenn man gleich ermahnt oder droht. "Rechtfertigungszwang schafft Wut", sagt die Pädagogin Grasse.

Dass das Thema Courage derzeit so stark im Mittelpunkt steht, das hänge natürlich mit dem Schicksal von Dominik Brunner zusammen, sagt die Pädagogin. Auch Wilhelm Schmidbauer, der Münchner Polizeipräsident, weiß genau, dass vor einem Jahr noch ein solch großer Aktionstag auf dem Coubertin-Platz im Olympiapark nicht möglich gewesen wäre. "Wenn der tragische Tod von Dominik Brunner überhaupt eine positive Seite haben kann, dann ist es diese."

Es gehe aber bei der Zivilcourage nicht vordringlich darum, Heldentum zu beweisen, sondern sich selbst und das Opfer aus der Gefahrenzone zu bringen. Schon der wache Blick für den Nächsten biete die Chance, die Gesellschaft in der Stadt "ein Stück weit humaner" zu machen. Deshalb hat die Münchner Polizei, die sich mit dem bayerischen Innenministerium, der katholischen und evangelischen Kirche, dem FC Bayern und der Landeshauptstadt München zum Bündnis "Münchner Courage" zusammengeschlossen hat, auch den "Tag der Courage" organisiert.

Mitten drin auf dem Coubertin-Platz mit seinen vielen bunten Ständen blickt die Besucher Dominik Brunner von einem Plakat herunter an. Daneben steht Alois Meier, der Vater der Lebensgefährtin von dem Mann, der Jugendliche vor Gewalttätern beschützen wollte und dafür am 12. September 2009 mit seinem Leben bezahlte. "Er hätte einen solchen Tag gar nicht gebraucht, er hatte Werte und einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn", sagt er. "Dass das sein Schicksal war, das war kein Zufall. Er war ein Vorbild darin, Partei zu ergreifen."

Nun trägt Alois Meier als Vorstandsmitglied der Dominik-Brunner-Stiftung diese Ideen und Werte weiter. Für ein couragiertes Verhalten will die Stiftung die Öffentlichkeit sensiblisieren, aber sich auch um gefährdete Jugendliche kümmern, ihnen Bildung und Werte vermitteln. "Wir sind es ihm schuldig, nicht einfach zur Tagesordnung überzugehen."

Für Frank Payer von der Münchner U-Bahnwache gehören Konflikte zum Alltag. "Es reicht oft schon, wenn man laut sagt: Schaut mal dahin, da passiert was", rät er den Fahrgästen. Sollte man sich in einer Situation unwohl oder gar bedroht fühlen, gilt: Handy oder Notruf nützen. "Wir können sofort mit Kameras drauf schaueen. Und wir schicken lieber eine Streife zu viel raus als eine zu wenig."

Der elfjährigen Jasmin hat er das alles ausführlich erklärt, und als das Mädchen ein paar Meter weiter zu einem Pavillon-Zelt kommt, kann sie sich selbst testen. Sie steht in einem Halbkreis aus acht Spiegeln, wo immer sie auch reinsieht, sie blickt in ihr Gesicht. "Wenn meine Freunde jemanden anmachen, bin ich dann dabei?", steht unter einem Spiegel. Sie schaut sich in die Augen und sagt: "Ich würde den verteidigen."

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