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Tag der Artenvielfalt:Stress ist das beste Training

Lokales Bündnis für Artenvielfalt in Oberhaching: Eike Hagengut und Gerhard Mebus vom Bund Naturschutz informieren Renate Gojczyk und Anja Wille.

(Foto: Claus Schunk)

Der Wissenschaftler Jörg-Peter Schnitzler erklärt in Oberhaching die Folgen des Klimawandels für Pflanzen.

"Ich kann Pflanzen trainieren, in dem ich sie stresse", sagt der Forscher Jörg-Peter Schnitzler. Das ist kein Hokuspokus, sondern fundierte wissenschaftliche Erkenntnis. Denn der Professor erforscht im Helmholtz-Zentrum München im Landkreis, wie sich der Klimawandel auf Pflanzen auswirkt. Auf dem Campus in Neuherberg simuliert er, wie Pflanzen zum Beispiel auf CO₂ reagieren. Am Samstag war er einer der Redner beim "Tag der Artenvielfalt" in Oberhaching, bei dem sich alles um die Auswirkungen des Klimawandels drehte.

Der Klimawandel wird vielen Allergikern hart zusetzen, wenn es nach Schnitzler geht: Der höhere CO₂-Gehalt wirkt als Dünger für die Pflanzen, und so fliegen auch mehr Pollen durch die Luft. Schadstoffe von Abgasen führen bei den Pflanzen zu einer Abwehrreaktion: "Dadurch wird der Pollen aggressiv", sagte Schnitzler. Gleichzeitig wirkt zwar die Trockenheit gegen diesen Effekt, sodass die Pflanzen weniger wachsen und weniger Pollen produzieren können. Aber die Zusammensetzung der Pollen ändert sich. "Das findet sich bei vielen allergenen Pflanzen. Der Klimawandel wirkt sich auch direkt auf unsere Gesundheit aus", so Schnitzler.

Vom Bund Naturschutz in Oberhaching über Gartenbauer bis hin zu den Jägern haben sich zahlreiche Vereine am "Tag der Artenvielfalt" beteiligt, so auch Hans Gröbmayr von der Energieagentur Ebersberg und München: "Es muss unser Stolz sein, dass wir die Energie, die wir brauchen, erzeugen, wo wir leben", leitete Gröbmayr seinen Vortrag ein. Der Energiebedarf steige immer weiter, zukünftig müsse sie regenerativ erzeugt werden: "Da gibt es nur Sonne oder Wind", sagte Gröbmayr. Windräder hätten bereits nach einem halben Jahr die Energie erzeugt, die gebraucht wird, um sie herzustellen, "ab da ist das nur noch eine positive Bilanz", berichtete Gröbmayr.

Die Energieagentur Ebersberg und München stellte das Programm "Check dein Haus" vor. Damit können Interessierte den Energieverbrauch ihres Hauses durchchecken lassen, durch Beratung könnten sie sehen, wie sie gezielt Energie einsparen können. Man solle nur noch autarke Häuser bauen, sagte Gröbmayr. Mit Stromtrassen die gewonnene Windenergie aus dem Norden her zu transportieren, hält er für keine gute Idee. Entwickelt werden müssten neue Speichertechnologien: "Wenn wir die Kohle nicht abschalten, dann verschiebt sich das weiter, weil es noch nicht wirtschaftlich ist", so Gröbmayr. Aber angesichts der Schäden des Klimawandels sollte man anders beurteilen, was wirtschaftlich sei und was nicht.

Lachgas ist noch viel schädlicher

Jörg-Peter Schnitzler spricht in Oberhaching über Pflanzen im Klimawandel.

(Foto: Claus Schunk)

Schnitzler wiederum machte darauf aufmerksam, dass nicht nur CO₂ schuld ist am Treibhauseffekt: Methan und Stickoxide, die auch besser bekannt sind als Lachgas, seien noch viel schädlicher. Rinder stoßen beispielsweise besonders viel Methan aus: "Das wird das Klima sicherlich auch stark beeinflussen", so Schnitzler. Und Lachgas ist 310 Mal schädlicher als CO₂; dieses entsteht als Nebenprodukt bei der Düngung über bakterielle Prozesse im Boden. "Je intensiver die Landwirtschaft, desto mehr Lachgas entsteht", sagte Schnitzler. Er fordert: "Wir müssen versuchen, die Landwirtschaft verträglich umzustellen, um den Stickstoffkreislauf in unseren Agrarflächen zu reduzieren."

Klimawandel bedeutet, dass es immer öfter zu extremem Wetter kommt - auch bei uns: Dürren, Hitzewellen. Schnitzler simuliert die extremen Wetterbedingungen in Umweltkammern - Zeitkapseln, in denen der Treibhauseffekt den Pflanzen so zusetzt, wie es in etwa 30 Jahren der Fall sein könnte. Der Forscher hat herausgefunden, dass Pflanzen eine Art molekulares Gedächtnis für solche Extremsituationen haben und dadurch erst wirklich anpassungsfähig werden.

Diese Effekt könne jeder für sich auch zu Hause ausprobieren, sagte der Forscher, indem die Pflanze immer erst dann gegossen wird, kurz bevor sie austrocknet. Das sei eine Art Training für die Pflanzen, damit sie fit sind für den Klimawandel. "Es wird ganz sicher so sein bei den Pflanzen: Es gibt Gewinner und Verlierer", sagt Schnitzler. Die Gewinner passen sich an. Der Professor jedenfalls trainiert seine Pflanzen schon einmal - daheim und im Helmholtz-Zentrum.