Voller Tatendrang stapfte Herr Niko Laus durch den Pappschnee. Der heutige 6. Dezember war der wichtigste Tag des gesamten Jahres für ihn, denn er war gebucht – als Nikolaus.
Im örtlichen Kindergarten empfingen ihn die Kinder mit platt gedrückten Nasen an den Scheiben und aufgeregtem Geplapper. Als es endlich still war, wurde ein weihnachtliches Lied gesungen und die Geschichte des Heiligen Nikolaus aus Myra aufgeführt. Aufgeregt rutschten die Kinder auf den Stühlen und blickten den Gast erwartungsvoll an.
Jetzt gab es wie jedes Jahr ein außergewöhnliches Geschenk. Keine Discounterware, auch keine Schokolade oder sonstige Kalorien – nein, Herr Niko Laus hatte kleine Bildchen mit aufmunternden Motiven gemalt und überreichte diese mit einer herzlichen Umarmung und einem freundlichen Lächeln an jedes Kind. Dazu sagte er liebevolle Sätze wie „Du bist ein tolles Mädchen“ oder „Du bist ein wunderbarer Junge“. Freudiges Zahnlücken-Lächeln und glitzernde Augen waren sein Lohn für diese persönliche Zuwendung. Zum Abschied winkten alle und fühlten sich sehr wertgeschätzt.
Sein nächstes Ziel war der alljährliche Besuch in der Seniorenresidenz, wo ihn die Bewohner an weihnachtlich geschmückten Tischen erwarteten. Die Älteste, immerhin 98 Lenze zählend, las eine rührende Geschichte vor. Und auch hier herrschte erwartungsvolle Spannung vor der Bescherung. Nur, was gab es dieses Jahr? Herr Niko Laus lächelte verschmitzt und holte aus seinem Sack eine Schachtel, gefüllt mit liebevoll selbst gebackenen Plätzchen in Form verschiedener Puzzleteile hervor. Die Aufgabe der Senioren bestand darin, das passende Puzzlestück zum eigenen zu finden.

Die betagten Herrschaften schlurften geräuschvoll in ihren Pantoffeln oder mit dem Rollator durch die Cafeteria. Dabei kicherten und giggelten sie fröhlich durcheinander. Wurde der Partner gefunden, sagte Herr Niko Laus etwas Nettes wie „Du bist eine so liebevolle Großmutter“ oder „Du hast immer ein offenes Ohr für alle“. Ein Lob lässt Herzen höher schlagen – und so hielten sich die Senioren auch nach der Verabschiedung noch lange gerührt an den Händen.
Herr Niko Laus fiel abends erschöpft in seinen Lesesessel. Obwohl er heute so viele Menschen glücklich gemacht hatte, überfiel ihn eine Traurigkeit, die er so noch nie erlebt hatte. Was war auf einmal mit ihm los? Da klingelte es an der Tür. Mit hängenden Schultern öffnete er die Tür – und staunte nicht schlecht. Im Vorgarten standen alle Kindergartenkinder samt Eltern, Hand in Hand mit den Bewohnern der Seniorenresidenz und lächelten ihn fröhlich an. Sein Herz machte vor Freude einen Hüpfer, als er ins Freie trat. Kinderlachen und aromatischer Punschduft erfüllten die kalte Luft. Gemeinsam sangen sie bei Kerzenschein und leckeren Lebkuchen fröhliche Weihnachtslieder.
Glücklich und zufrieden lag Herr Niko Laus nachts im Bett. Ihm war es warm ums Herz, denn alle hatten sich im Chor mit den liebevollen Worten „Danke, dass es dich gibt“ winkend von ihm verabschiedet.
An dieser Stelle folgt bis Heiligabend täglich eine Kurzgeschichte von Autoren und Autorinnen aus der Region, eigens geschrieben für die Leserinnen und Leser der SZ. Vorgabe war, mindestens vier dieser 24 Begriffe einzubauen: Bescherung, Botschaft, Bratwurst, Buchhandlung, Bude, fettig, frohlocken, Glühweingewürz, Heiligenschein, Kalorien, Lametta, LED, Nudelholz, Paketbote, Plätzchen, Pappschnee, Ramsch, Ritual, Rosinenpickerei, schmoren, Schnapsidee, stad, Stollen, Volkszählung.

