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SZ-Serie: Sound des Sommers:Hektisches Bimmeln bedeutet Alarm

Für Valerie Hendriock ist das Läuten der Kuhglocken genauso selbstverständlich wie für die Tiere.

(Foto: Claus Schunk)

Auf Gut Ingold bei Straßlach tragen die Rinder noch Glocken. Bäuerin Valerie Hendriock kann die Kühe und Ochsen mit ihrer Hilfe orten. Sie erkennt aber auch am Klang, ob alles in Ordnung ist.

Egal wo man sich auf Gut Ingold in Beigarten befindet, im Hintergrund ist ein ständiges Geläute aus verschiedenen Richtungen zu vernehmen. Aber für die Mitglieder der Familie Hendriock, die Bewohner des Hofs, sind die Kuhglocken nur ein kleiner Teil des Sommerorchesters: Das freudige Gemuhe beim Austrieb der Rinder und das Gequake von Fröschen und Kröten in der Laichzeit als Vorspiel, bevor dann Schwalben und Grillen ihr Solo anstimmen.

Der dunkle Bass von zehn Bienenstöcken legt sich besonders bei gutem Wetter unter die Melodie, während die springenden Karpfen in den beiden Weihern immer nur ein kurzes Platschen beitragen. Die 15 Hähne des Hofes versuchen sich in ihrer Lautstärke zu übertrumpfen und so die gurrenden Hennen zu beeindrucken, setzen dabei allerdings auch gerne mal zu früh ein. Wenn um halb vier morgens das Geschrei beginnt, ist das sogar für die Bewohner des Hofes oft ein bisschen viel des Sommernachtkonzerts.

Auf Gut Ingold werden nur kleine Glocken verwendet, und auch die tragen nur wenige Tiere.

(Foto: Claus Schunk)

Auf dem Feldweg polternde Schubkarren, helle Kinderstimmen bei den Erlebnistagen für Grundschulen und Kindergarten, das satte Schmatzen des Schlammes, in dem sich die vier Schweine suhlen, manchmal das leise Zischen einer aufgeschreckten Kreuzotter kommen alternierend hinzu. Hört man das reife Fallobst dumpf im Gras landen, weiß man, dass sich das Stück langsam wieder dem Ende zuneigt. Und über allem liegt der von Weitem wie eine Triangel anmutende Klang der Kuhglocken.

"Hola, hola, hola", ruft Bäuerin Valerie Hendriock. Kurz darauf donnern gut ein Dutzend mächtige Ochsen die satte, grüne Weide hinab. Sie wissen: Wenn der Ruf erschallt und Valerie Hendriock mit ihrem Mann Klaus erscheint, dann gibt es leckeren Getreideschrot aus Mais, Weizen und Triticale, einer Kreuzung aus Weizen und Roggen. Rennt die Ochsenherde aus Bayerischem Fleckvieh und Aubrac-Rindern, hört man zwei Tiere besonders heraus. In fast jeder Gruppe auf den Weiden der Familie tragen je zwei Rinder Glocken oder Schellen um den Hals.

110 Dezibel

So laut kann das Läuten einer Kuhglocke werden. Allerdings bezieht sich dieser Wert nicht auf die kleinen Glocken, die auf Gut Ingold verwendet werden, sondern auf größere Exemplare. Manch einer fühlt sich durch sie in der Ruhe gestört, die er auf dem Land sucht. Der Kuhglocken-Streit von Holzkirchen im Landkreis Miesbach läuft seit Jahren durch eine Gerichtsinstanz nach der anderen sowie durch alle Medien. Ein zugezogener Nachbar verklagt eine Bäuerin, da das Gebimmel auf der Wiese vor dessen Schlafzimmer ihm und seiner Frau den Schlaf raube. Trotz eines vor dem Landgericht geschlossenen Vergleichs , nach dem die Kühe nur noch auf der weiter entfernten Hälfte der Weide grasen durften, zog der Kläger vor das Oberlandesgericht.

Das allerdings kam zu dem Schluss, dass die Glocken keinen unzumutbaren Lärm verursachen und wies die Klage ab. Zu der in Betracht gezogenen Schlafprobe des dreiköpfigen Senats im Haus des Klägers kam es nicht. Und eine Revision ließ das Oberlandesgericht gar nicht erst zu. Nun will der Anwalt des Klägers weiter vor den Bundesgerichtshof ziehen, um zumindest das Recht auf Revision zu erwirken. Parallel verklagt auch die Ehefrau des Nachbarn die Bäuerin sowie die Gemeinde, der die Weide gehört, vor dem Oberlandesgericht in München.

Der Fall könnte als Präzedenzfall dienen und kann deshalb entscheidend sein, wie es mit der Kuhglocke in Siedlungsnähe generell weitergeht. Auch eine mögliche Zahlung des Klägers an die Bäuerin, die dafür die Lärmquelle von den Hälsen entfernt, wird als problematisch angesehen: Bauern könnten ihre Rinder mit lauten Glocken ausstatten und möglichst nah an Wohnungen unterstellen. So könnten sie "Schutzgeld" dafür verlangen, die Lärmquelle wieder zu beseitigen.

In der Schweiz gab es einen ähnlichen Fall. Hier führte der Anwalt der Kläger ins Feld, die Glocken seien gesundheitsschädlich für die Kühe und somit sei diese Tradition Tierquälerei. Die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich befasste sich daraufhin mit den Folgen für das Rind, konnte allerdings keine negativen Auswirkungen feststellen. asom

Diese dienen Bauern besonders in Bergregionen seit vielen Jahrhunderten als akustisches Hilfsmittel. "Damit weiß ich immer: Stimmt alles mit der Herde?", erzählt Valerie Hendriock. "Oder muss ich nachschauen, weil es Probleme gibt?" Hört sie ein ruhiges, gleichmäßiges Läuten, sind auch die Tiere entspannt, stehen oder gehen langsam über die weitläufigen Weideflächen des Bio-Hofs. Ist dagegen ein Hund oder Fuchs durch die Gatter eingedrungen, so bimmeln die Glocken hektischer, schneller. Das könne man mit einem implantierten GPS-Peilsender nicht wahrnehmen.

Und wenn das Geläute doch mal aus einer Richtung komme, aus der es nicht kommen sollte, dann wisse man sofort und ohne regelmäßige Überprüfung des Bildschirms, dass die Tiere ausgebüchst sind. "Das ist auch schon vorgekommen", erinnert sich Klaus Hendriock. Der Zaun kann beschädigt sein oder jemand schließt das Tor nicht ganz und schon sind die neugierigen Tiere ungewollt auf Erkundungstour zwischen Wiesen und Wald.

Mit dem durchdringenden Geräusch der Glocken lassen sie sich leicht orten, selbst im Gebirge oder bei Nebel. Wie der Bauer an die Glocke sollten die Rinder aber auch an den Klang der Stimme des Bauern gewöhnt sein, nur so könne man sie ohne Zwang zurückführen. Es sei deshalb sehr wichtig, dass sie täglich seine Stimme hören, sie mit positiven Assoziationen verbinden, im Sommer wie im Winter. Gespräche mit den Tieren gepaart mit dem Füttern des Schrots, der den Masttieren Stärke für den Fettaufbau liefert, fördert also die Bindung zum Bauern.

Angebaut wird das Getreide nicht direkt auf dem Hof, aber von lokalen Bauern. "Wir sind ein reiner Grünlandbetrieb", sagt Klaus Hendriock. Auf dem Weg zur Schlachtung beruhigt die vertraute Stimme, sodass der Transportstress so gering wie möglich gehalten wird. Bis sich die Tiere an die Stimme eines neuen Mitarbeiters gewöhnt und diesen als "Chef" akzeptiert hätten, dauere es einige Zeit, weiß Valerie Hendriock zu berichten.

Von den weiblichen Tieren trägt die Glocke Lotte, eine der Leitkühe, und neben ihr noch ein Tier von geringerem Rang. Das reiche im Normalfall aus, denn so werde schon der größte Teil der Gruppendynamik innerhalb der Herde abgedeckt. Jede Glocke hat einen etwas anderen Klang, damit die geschulten Ohren der Hofbesitzer direkt hören können, wo es Probleme geben könnte. Lotte ist besonders zahm und dient den Hendriocks deshalb an den Erlebnistagen als Kuh zum Anfassen. Kinder können auch ein Ohr auf das graue Fell legen und dem Grummeln der Verdauung in den vier Magen des Wiederkäuers lauschen.

Die Kuh scheint jedenfalls nicht vom recht tiefen Gebimmel ihrer Glocke gestört. Nimmt man sie ihr ab, beschnuppert sie das metallene Anhängsel und streckt den Hals hin, um es wieder angelegt zu bekommen. Sie sei eben daran gewöhnt. Selbst eine Kuh, die erst vor einigen Tagen ein Kalb geboren hat, trägt weiter das Instrument um den Hals. Das Junge ist mit dem Klang also von Geburt an vertraut.

Mit ihren Nachbarn hatten die Hendriocks des Geläuts wegen noch nie Probleme. Man wolle es zwar, auch den Tieren zuliebe, mit den Glocken nicht übertreiben. Weder brauche jede Kuh eine Schelle, noch seien die großen, aufwendig verzierten und sehr lauten Glocken wie bei den Schweizer Sennern notwendig.

Aber für die alteingesessenen Anwohner gehört das Geräusch eben einfach auch zum Landleben dazu. Viele freuen sich, wenn im Frühjahr die Rinder wieder ausgetrieben werden, sehen es als Vorboten des Sommers. Ein Nachbar sagt sogar, mit dem Glockengeräusch könne er besser schlafen. Aber man müsse eben mit gegenseitiger Rücksichtnahme agieren, so Klaus Hendriock.

Früher wurde den Instrumenten übrigens noch eine weitere Funktion zugeschrieben: Das Geläute sollte böse Geister vertreiben. Denn Dämonen, so der Aberglaube, würden von Lärm abgeschreckt und so ferngehalten. Doch die bösen Geister scheinen fern an diesem Vormittag, vielleicht auch wegen des nicht enden wollenden Konzerts, das einen hier umgibt. Wenn eine Stimme verstummt, setzen andere Musiker ein, Strophe für Strophe, bis das Konzert des Sommers vorüber ist.

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