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SZ-Serie: Sound des Sommers:Das Schwappen von 48 000 Litern Wasser

Schwimmmeister Sante Ciavarella hat den Überblick im Haarer Freibad. Und manchmal muss er auch laut werden - dann lässt er mit Zähnen und Lippen eine spitzen Pfiff los.

(Foto: Claus Schunk)

Bei Hochbetrieb im Haarer Freibad ist die Geräuschkulisse für Bademeister enorm. Doch wenn es Kinder zu bunt treiben, übertönt die Stimme von Sante Ciavarella alles.

Schließt man die Augen, klingt es nach Meereswellen, die unruhig gegen eine Felsküste schlagen. Darüber steigt wie eine gewaltige Dampfwolke ein gellendes Gemenge an Geschrei auf. Der Sound des Freibads in Haar. Das Stimmengewimmel ist ebenso unübersichtlich wie die Kinder im Becken. Es sind so viele, man verliert sich in ihren Spielen. Einer aber hat alle im Blick: Sante Ciavarella.

Ein spitzer Pfiff mit den Zähnen und Lippen - er braucht keine Trillerpfeife. Und für einen Augenblick, während der hohe Ton noch durch die Gehörgänge schießt, erstarrt die ganze Szenerie. "Der Junge mit dem Käppi. Komm mal her. Was hast du gerade gemacht?", fragt Ciavarella freundlich und geht auf einen Badegast zu, dem das Herz vor Schreck in die Badehose gerutscht zu sein scheint. "Ich bin reingesprungen", sagt der Junge schuldbewusst. "Und darf man das?" - "Nein". "Und warum hast du das gemacht?" Der Junge schüttelt betroffen seinen Kopf. "Nur so? Das will ich nicht mehr sehen, okay? Gerade hier, wo die Leute schwimmen." Der Junge nickt, Ciavarella fügt versöhnlich hinzu: "Bitte. Okay? Versprochen? Danke."

Schimpfen, das ist eine Aufgabe des Meisters für Bäderbetriebe. Er selbst nennt das "Prävention, um Unfälle zu vermeiden". Zu seinen Aufgaben zählt aber auch: Die Wasserqualität messen, die riesigen Filter unter der Erde überwachen, die Sanierung der Bäder koordinieren, viel organisieren - und: Leben retten.

Drei Menschen hat Ciavarella in seinem Leben aus dem Wasser gezogen und reanimiert. Das war noch in Italien am Strand von San Menaio, wo er aufwuchs. Er hatte jedes Schuljahr drei Monate lang Sommerferien: "Entweder kellnerst du oder du wirst Rettungsschwimmer", kommentiert Ciavarella seine Jugend. Mit 24 kam er als Zeitarbeiter nach Deutschland, nach Haar. "Haar? Capelli? Ich bin doch kein Friseur, was soll ich mit Haar machen?", scherzte er damals wie heute. Im Freibad der Gemeinde bekam er sofort eine Anstellung.

"Schwimmen ist mein Leben. Ich komme vom Meer."

Bademeister, so wirkt es, sind immer gefragt. Um Personallücken zu stopfen, müssen Ciavarella und seine Kollegen Überstunden schieben und Doppelschichten übernehmen. Warum aber gibt es so wenige Schwimmmeister? "Du hast einen Lärmpegel hoch zehn, die Kinder schreien permanent", führt Ciavarella als ersten Grund an. Die Arbeitszeiten seien außerdem schlecht, die Bezahlung auch. Aber: "Wo findet man einen Job, bei dem es erlaubt ist, 365 Tage in Badehose rumzulaufen?", sagt der zweite Chef des Haarer Freibads. Ernster sagt er: "Schwimmen ist mein Leben. Ich komme vom Meer", und fügt hinzu: "Man fühlt sich so frei irgendwie. Man kann Sachen machen, die gehen an Land nicht. Wie im All." Ciavarella gibt gerne Schwimmkurse. Und dreimal wöchentlich schwimmt er selbst für je eine dreiviertel Stunde.

"Ich habe mein Ladegerät im Auto vergessen", kommt eine Frau auf Ciavarella zu. Sie will raus, er lacht mit ihr, "Freundlichkeit ist wichtig", sagt er danach. Wenig später ist der Ticketautomat kaputt. Der Meister des Badebetriebs schließt das Gerät auf, drückt ein paar Knöpfe. Schließt zu, der Automat funktioniert wieder. Wenn eine Dusche am Wochenende kaputt ist, "dann handelst du", sagt er. Ein Mädchen unterbricht ihn: "Ich habe mein Handy im Fahrradkorb vergessen." Ciavarella scheint diese Menschen anzuziehen und hilft natürlich.

Dröhnen erfüllt den Kellerraum unter den heißen Steinplatten. Es ist laut wie in einem Schiffsrumpf, Neonröhren werfen bleiches Licht auf ein Chemielabor. Rohre schlängeln sich an der Decke entlang zu vier Tanks: Filter, für jedes Becken zwei. Ciavarella deutet auf schwarze Steinchen, die durch die Scheibe eines Tanks sichtbar sind: "Quarzsand und Aktivkohle." Der Dreck bleibt darin hängen "wie Nudeln im Sieb", erklärt der Italiener. Jeder Filter wird einmal die Woche durchgespült. Mit jeweils 20 000 Litern Wasser.

30 Liter schwappen durchschnittlich pro Badegast über den Beckenrand. Das übergeschwappte Wasser landet nicht in einem der Filter, sondern wird durch frisches ersetzt. Wenn an einem heißen Tag 1600 Badegäste ins Freibad gehen, macht das 48 000 Liter frisches Wasser.

120 Dezibel

Mindestens so laut ist der Pfiff aus einer Trillerpfeife, die Bademeisterinnen und Bademeister benutzen. Damit erreichen sie die Schmerzgrenze, die bei vielen Menschen zwischen 120 und 140 Dezibel liegt. Bademeister sind bei ihrer Arbeit einem hohen Lärmpegel ausgesetzt, insbesondere in Hallenbädern. Das macht den Beruf anstrengend. Um die 90 Dezibel ist vor allem das Geschrei von Kindern im Freibad laut. sz

Als Ciavarella wieder das Tageslicht betritt, rennt ein Junge mit Nasenbluten auf ihn zu. Ciavarella berührt leicht seine Schulter, verschwindet im DLRG-Raum, reicht ihm Papiertücher und einen Kühlbeutel. Was sich in 20 Jahren an seinem Job verändert hat? "Bitte und Danke gibt's nicht mehr", sagt der 44-Jährige. Die Kinder seien ein bisschen respektloser als früher. Sein Blick schweift konzentriert zum Becken.

Ob Ciavarella das Meer vermisst? "Ja, schon", antwortet er und zeigt auf seinem Handy gleich ein Foto, das ihm seine Schwester vor ein paar Stunden aus Italien geschickt hat. Zwischen Pinienbäumen leuchtet ein türkisfarbenes Meer, man kann den Klang der Brandung erahnen. Aber wenn man die Augen schließt, klingen auch die 48 000 Liter Wasser, die im Haarer Freibad aus den Becken überschwappen, ja auch ein bisschen wie die Wellen am fernen Meer. Nur die Pinien und der Sand fehlen.