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SZ-Serie: Lichtblicke, Folge 20:"Der Blitz macht die Stimmung kaputt"

Herbert Becke "Garching - Rolltreppe"

Aus dem Garchinger Untergrund ans Licht, das wie ein helles Nichts anmutet: Herbert Beckes "Rolltreppe".

(Foto: Herbert Becke)

Ob blaue Stunde, kalte Mittagssonne oder kontrastreich illuminierte Atmosphäre im Bürgerhaus: Straßenfotograf Herbert Becke weiß, wie man mit kreativ eingesetztem Licht besondere Bildaussagen schafft. So hat er München und Garching zum Leuchten gebracht.

Von Udo Watter, Garching

Ein Mann will nach oben, er kommt aus dem Untergrund, nimmt die Rolltreppe. Zur Sonne, zur Freiheit, zum Licht? Genauer: zum Tageslicht. Denn sein Weg aus dem Garchinger U-Bahnhof wird ja schon illuminiert von künstlichem, kalten Licht, zwei orangefarbene Strahler fungieren zudem als Orientierung in Schuhhöhe. Vielleicht singt er die ersten Zeilen des Blues-Brothers-Klassiker "Rawhide": "Rolling rolling rolling". Vielleicht aber auch "Stairway to Heaven"? Herbert Becke jedenfalls, der Schöpfer dieser Fotografie, hat eher überirdische Assoziationen bei der Betrachtung des Bildes: "Man kann mit kreativem und gut eingesetzten Licht ja ganz eigene Bildaussagen tätigen." Und hier sieht es so aus, als gehe der Mann ins "Helle, ins Nichts", wie Becke sagt. "Es ist fast so, als ob er in den Himmel fährt."

Becke, gebürtiger Münchner, aber schon lange in Garching lebend, ist als ehemaliger langjähriger Leiter der Volkshochschule im Norden des Landkreises München und erfolgreicher Kulturmacher eine echte Institution im Raum München. Der unter anderem mit dem SZ-Tassilo-Preis ausgezeichnete Becke ist aber vor allem auch ein herausragender Fotograf. Und was braucht es zu dieser Kunst? "Ein Motiv und Licht", erklärt Becke. Und die besagte Szene aus dem Garchinger U-Bahnhof - die Universitätsstadt ist ja der einzige Ort im Landkreis, wo man derartig illuminierte Untergrundatmosphäre erleben kann - wirke besonders stark durch das Licht.

Herbert Becke "Garching - Rolltreppe"

Aus dem Garchinger Untergrund ans Licht, das wie ein helles Nichts anmutet: Herbert Beckes "Rolltreppe".

(Foto: Herbert Becke)

Herbert Becke ist eigentlich Straßenfotograf, einer, der neugierig und reportageartig Menschen und Geschehnisse erfasst, in Momenten des Alltags das Skurrile entdeckt und dann auf den Auslöser drückt. Lange Zeit ließ er die Motive eher auf sich zukommen, als dass er sich besonders vorbereitet hätte. Seine Maxime: "Das Leben posiert nicht, es findet statt."

Nun, es gibt ausgewiesene Naturfotografen, die das warme Licht der Dämmerung brauchen und oft lange warten auf den richtigen Zauber der Illumination. Es gibt Schwarz-Weiß-Virtuosen oder solche Bildkünstler, die mit speziellen und langen Belichtungszeiten oder langer Verschlusszeit, etwa von einer Autobahnbrücke herunter, in ihren Fotografien quasi mit dem Licht der Scheinwerfer und Straßenlampen malen. Becke, der auch als Dozent für Fotografie, Organisator der Münchner Fototage und Juror bei nationalen und internationalen Fotowettbewerben Renommée erworben hat, musste zu seinem Glück eher selten früh aus dem Bett, um das weiche Licht des Morgens zu erhaschen. "Für mich als Straßenfotografen ist es am besten bei bedecktem Himmel: Da gibt es geringere Schatten, weniger Kontraste", erklärt der Fotograf. Ob man besser ein Stativ braucht, welche Kontraste man abmildert oder verschärft, spielt aber natürlich auch bei ihm eine Rolle.

Als einer, der viel draußen fotografiert, vermeidet er normal die Mittagssonne: Wenn sie von oben knallt, ist das Licht hart, mitunter weiß und kalt, die Menschen haben dann in den Bildern dunkle Augen. Gut ist sie freilich für Infrarotlicht-Fotografie, die Becke auch schon für sich entdeckt und eine Zeitlang umgesetzt hat. "Starkes kontrastreiches Licht ist für Infrarotaufnahmen optimal. Am besten im Frühjahr, wenn die Bäume mit frischem Grün ausschlagen", erklärt er: Der Effekt: Bäume und grüne Wiesen wirken weiß (bei Schwarz-Weiß-Filmen). Großartige Bilder vom Kallmann-Museum in Ismaning oder von der Isar zwischen Garching und Ismaning sind so entstanden (Farbinfrarot mit reduzierten Farben).

Herbert Becke, 1950 in München geboren, war 33 Jahre lang Leiter der VHS im Landkreis-Norden und Initiator der "Kulturdonnerstage" in Garching. Er fotografiert mit dem Schwerpunkt der Menschen- und Reportagefotografie.

(Foto: Claus Schunk)

Auch die blaue Stunde hat es ihm angetan. Sie beginnt kurz nach Sonnenuntergang. "Am Himmel sollten wenige oder gar keine Wolken sein. Er wird dann stahlblau und es gibt noch Restlicht", so Becke. "Wenn schon künstliches Licht dazukommt, ist es gut, und mit dem natürlichen Licht gemischt wird: Laternen, Fensterbeleuchtung, angestrahlte Bauten oder Denkmäler." Eindrucksvoll sind dazu seine Bilder von der Synagoge am Jakobsplatz oder vom Königsplatz inklusive eines Kunstprojekts mit roten Blumen. "Fotografie ist Gestalten mit Licht", konstatiert Becke, der gerade erst das Fotobuch "Karl Valentin - Bilder-Sprache" zusammen mit Gunter Fette herausgebracht hat. Becke ist einer, der schon auch im Landkreis, aber vornehmlich in München mit der Kamera unterwegs ist - oder auch mal auf Sylt, wo das Licht wieder ganz anders wirkt. Nicht immer spielt das Licht bei ihm die eindeutige Hauptrolle, seine Herangehensweise ist eine Kombination aus mehrerer Faktoren. Aber er weiß, wie man Nachtaufnahmen macht oder wie man Licht und Bewegung einfängt und ganz besonders: wie man bei Theater- und Bühnenfotografie agieren muss: "Ich habe über 30 Jahre die Kabarettveranstaltungen in Garching fotografisch begleitet: früher analog mit Film, mit hoch empfindlichem Schwarz-Weiß-Film, danach rund 20 Jahre digital." Ein Grundsatz sei: "Nicht blitzen, der Blitz macht die Stimmung auf dem Foto kaputt, Künstler und Zuschauer werden irritiert und beeinträchtigt." Man müsse zudem die extrem starken Kontraste durch die Scheinwerfer bewältigen.

Bei der von ihm initiierten VHS-Kleinkunstreihe "Kulturdonnerstage" (1976 bis 2008) im Bürgerhaus kamen viele junge, später berühmt gewordene Brettlkünstler. Was die Geburtshilfe für manche kabarettistische Karriere angeht und die damalige kulturelle Bedeutung des Ortes für die Kleinkunst, könnte man rückblickend fast sagen: "Garching leuchtete."

© SZ vom 23.12.2020
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