Süddeutsche Zeitung

SZ-Serie: Lichtblicke, Folge 19:Der Feuerschein erwärmt das Herz

Bestatter Thomas Schmid erlebt bei seiner Arbeit, wie trostspendend das Licht von echten Kerzen sein kann. Der Brauch, solche an einem Grab oder in Kirchen zu entzünden, existiert seit Jahrhunderten und gibt Menschen Kraft.

Rein äußerlich könnte man Thomas Schmids Beruf eher mit Dunkelheit assoziieren. Wenn er zu einem Auftrag fährt, trägt der Ottobrunner meist gedeckte Farben. Seit 1981 ist er als Bestatter auf den Friedhöfen im Landkreis unterwegs, begleitet Angehörige und organisiert Begräbnisse. Nach der ersten Phase tiefer Trauer wird der Friedhof für viele Menschen zu einem Ort des Trostes. Dazu tragen auch die Lichtlein bei, die traditionell an den Gräbern brennen, in Deutschland meistens umhüllt von roter Plastik. "Ich freue mich über jedes Grablicht, das ich sehe", sagt Bestatter Schmid. "Ich denke mir dann: Schön, dass sich jemand um dieses Grab kümmert."

Der Brauch, eine Kerze zu entzünden an der Grabstätte eines geliebten Menschen, existiert seit Jahrhunderten, es gibt ihn in verschiedener Form in vielen Kulturkreisen. Im christlichen Glauben steht Licht als Symbol für Hoffnung und Leben, Jesus Christus, der Mensch gewordene Sohn Gottes, wird mit dem Licht verglichen; in seiner Auferstehung von den Toten hat er, folgt man der christlichen Glaubenslehre, den Tod und die Dunkelheit hinter sich gelassen. Das Licht vertreibt das Dunkel, dieses Bild begleitet uns auch heute noch, unabhängig von Glauben oder Nicht-Glauben.

"Früher war es selbstverständlich, wenn jemand gestorben ist, dass vor der Tür seines Zimmers ein Tischchen mit einer Kerze stand", sagt Schmid. Heute bahren nur noch wenige ihre Toten zu Hause auf. Dafür lassen viele Menschen beim Besuch einer Kirche gern eine Kerze für ihre Verstorbenen brennen. Schmid führt die Tradition des Totenkerzerls selbst fort. "Bei uns daheim hat immer ein Lichterl gebrannt in einer Ecke des Wohnzimmers bei den Fotos der Verstorbenen, das hat schon mein Vater eingeführt", erzählt Schmid.

Beim Begräbnis kommt den Kerzen eine besondere Bedeutung zu. Früher, erinnert sich Schmid, habe sich an der Anzahl der Kerzen an einem Sarg in der Aufbahrungshalle ablesen lassen, ob die Angehörigen dem Verstorbenen eine Beerdigung erster, zweiter oder eher dritter Klasse zukommen ließen. Heute steht bei der Aufbahrung und in der Aussegnungshalle neben jedem Sarg dieselbe Anzahl an Kerzen. Bei der Beisetzung, wenn der Sarg ins Grab gelassen wird, aber wünschten sich viele Menschen noch mehr Licht, sagt Schmid. "Ich höre oft von Angehörigen den Satz: Ja, Kerzen hat die Mutter immer gern gemocht." Der Bestatter bietet dann etwa Fackeln oder Feuerschalen an, um die Beisetzung stimmungsvoll zu gestalten.

Aber auch die kleine Flamme einer klassischen Grabkerze tut ihre Wirkung. "Ich erlebe ganz oft, dass es gerade für ältere Menschen in der Zeit nach der Beisetzung wichtig ist, ans Grab zu gehen und dort etwas zu tun", sagt Schmid. Das kann sein, dort Blumen anzupflanzen, Unkraut zu jäten - oder eben eine Kerze zu entzünden. "Das ist ein wichtiger Teil der Trauerarbeit", sagt der Bestatter. "Trauer ist eine Verletzung, eine Wunde; sie braucht Zeit zu heilen."

Dabei macht es nach seiner Erfahrung durchaus einen Unterschied, ob es sich um eine echte Kerze handelt oder um ein elektrisches Lichtlein. "Für Momente, die emotional bedingt sind, braucht es Kerzenlicht", ist Schmid überzeugt. "Das ist nicht durch LED ersetzbar." Vermehrt bieten Kirchen ihren Besuchern an, gegen einen Obulus nicht ein Teelicht zu entzünden, sondern stattdessen durch einen Knopfdruck ein Lämpchen zu aktivieren. Seelisch aber entfalte das nicht dieselbe Wirkung. "Kerzenlicht ist warm", sagt Schmid. "Eine Kerze steht für mich auch gewissermaßen für das Leben - wer brennt, der lebt."

Alle Folgen der Serie "Lichtblicke" unter www.sueddeutsche.de/thema/Lichtblicke.

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SZ vom 22.12.2020
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