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SZ-Serie: Lichtblicke, Folge 12:Unter Adrenalin am Steuer

Muss hellwach sein, wenn er mit Blaulicht und Martinshorn unterwegs ist: Stefan Schraut, Leiter der Polizeiinspektion Oberschleißheim, kennt Anspannung und Stress, die mit solchen Fahrten verbunden sind - aufgrund seiner langjähirgen Erfahrung zeichnet ihn aber auch professionelle Gelassenheit aus.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Stefan Schraut hat viele brenzlige Einsatzfahrten mit Blaulicht erlebt. Deshalb sagt der Oberschleißheimer Leiter der Polizeiinspektion: "Fahr langsam, es eilt."

Von Gudrun Passarge

Mit Blaulicht und Martinshorn verfolgen die Polizisten das gesuchte Fahrzeug: Stefan Schraut, Leiter der Polizeiinspektion Oberschleißheim, erinnert sich noch genau an den Vorfall, der sich in seiner Münchner Zeit ereignet hat. An einer roten Ampel an der Schleißheimer Straße ist die Verfolgungsjagd zu Ende, weil dort schon andere Autos warten und dem Mann den Weg versperren. Dieser gibt Gas und versucht, mit Gewalt ein paar Fahrzeuge auf die Seite zu rammen. Erfolglos. Die Polizisten steigen aus. Dann jedoch legt der Mann den Rückwärtsgang ein und fährt "mit Karacho" gegen das Polizeiauto. Sein Kollege habe gerade noch zur Seite springen können, so Schraut.

Der Erste Polizeihauptkommissar erzählt die Geschichte als Beispiel, wie gefährlich eine Einsatzfahrt mit Blaulicht sein kann. Generell stellt er fest, "Blaulichtfahrten sind Stress, Adrenalin hoch drei".

Die Sondersignalfahrten von Einsatzfahrzeugen sind in der Straßenverkehrsordnung geregelt. Paragraf 38 schreibt vor, Blaulicht und Horn dürften nur genutzt werden, "wenn höchste Eile geboten ist, um Menschenleben zu retten oder schwere gesundheitliche Schäden abzuwenden, eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit oder Ordnung abzuwenden, flüchtige Personen zu verfolgen oder bedeutende Sachwerte zu erhalten". Kurz, bei Polizisten gehört es zum Alltag, dass sie häufiger mit Blaulicht unterwegs sind. Die jungen Polizisten würden gut darauf vorbereitet, sagt Schraut. Es gibt Schulungen und die Anwärter sammeln schon während ihrer Praktika Erfahrungen. Der Inspektionsleiter zitiert einen Spruch aus der Ausbildungszeit: "Fahr langsam, es eilt".

Wenn junge Polizisten dann zum ersten Mal mit Blaulicht und Martinshorn zum Einsatzort fahren, sitzt ein erfahrener Einweisungsbeamter neben ihnen, "früher wurde er Bärenführer genannt", erzählt Schraut. Die Beamten müssten ein Gefühl für diese Fahrten bekommen, denn da ist einerseits das Ziel, schnell am Einsatzort zu sein oder eben einen verdächtigen Autofahrer zu stellen, andererseits die Sicherheit. Für die Beamten bedeute das höchste Anspannung aller Sinne. "Der Fahrer muss hellwach sein, der Beifahrer muss hellwach sein", sagt Schraut, denn der Beifahrer müsse ebenfalls den Verkehr beobachten, aber auch noch den Funk bedienen und sich möglicherweise Notizen machen.

Gerade an Kreuzungen kann es zu brenzligen Situationen kommen. Schraut beschreibt einen Unfall aus seiner Zeit als Leiter der Unterhachinger Inspektion. Grundsätzlich gilt, die Kollegen warten an einer roten Ampel so lange, bis die erste Reihe der Fahrzeuge an der grünen Ampel steht. "Das dauert ein paar Sekunden, aber das müssen wir zu unserer Sicherheit und der Sicherheit der anderen Verkehrsteilnehmer eisern beachten." Wie Schraut berichtet, fuhren die Beamten, als alle standen, in die Kreuzung ein, als ein Autofahrer von hinten kam und mit vollem Tempo die Stehenden an der grünen Ampel überholte. Er rammte das Polizeiauto in der Kreuzung mit solcher Wucht, dass es fast in den Hachinger Bach geschleudert worden wäre, ein Geländer habe das Polizeiauto aufgehalten. "Das war wahnsinnig viel Glück, das hätte auch anders ausgehen können." Der Mann habe von der Einsatzfahrt wohl nichts mitbekommen, so Schraut.

Laut Schraut ist es überhaupt das Wichtigste, dass die anderen Verkehrsteilnehmer von der Einsatzfahrt Notiz nehmen. Er hat schon Fälle erlebt, in denen die Fahrer nicht auf die Seite fuhren, weil sie laut Musik hörten, sich angeregt unterhielten oder mit der Frau stritten. Sie hatten das Blaulicht nicht gesehen und das Martinshorn überhört. Manchmal werden Polizisten von Autofahrern ausgebremst, die an roten Ampeln keinen Platz machen, aus Angst, sie könnten geblitzt werden, wenn sie die Haltelinie überfahren. Schraut greift bei seiner Erzählung zu ein paar Süßigkeiten, die in einer Schale auf dem Tisch in seinem Büro stehen, um zu verdeutlichen, worum es geht. Mit den Schokoriegeln, die kurz als Fahrzeuge herhalten müssen, stellt er die Situation an der Ampel nach - er schiebt ein Stück nach vorne, lässt den Polizei-Schokoriegel vorbeifahren. "Es würde schon reichen, wenn sie zwei Meter vorfahren." Sorge wegen einer Strafe müsse niemand haben, denn die Blitzkameras machten mehrere Fotos, auf denen dann das Polizeiauto zu erkennen wäre und damit der Grund, warum der Autofahrer die Haltelinie bei Rot überquerte.

Der 57-jährige Polizist kann auf eine lange Erfahrung im Polizeidienst zurückschauen. Bei Verfolgungsjagden, so sagt er, werde das meiste Adrenalin ausgeschüttet. Erst jüngst waren auch die Oberschleißheimer hinter einem Autofahrer her, der mit Tempo 240 über die B 13 jagte. Doch der Kollege habe die Verfolgung abgebrochen, "weil er das Risiko nicht eingehen wollte". Schraut findet das "ganz richtig", die Beamten bekämen heute eher ein Lob für so eine Entscheidung. Er habe einige Unfälle in Erinnerung, auch solche, bei denen Kollegen schwer verletzt wurden. Und manchmal stelle sich nach so einer Fahrt heraus, "dass jemand seinen Führerschein vergessen hat". Dass der Raser auf der B 13 davongekommen ist, nimmt er gelassen. "Man sieht sich im Leben immer zweimal", so seine Erfahrung. Er sage den Kollegen immer, "den kriegen wir schon". Vielleicht, weil sie das Kennzeichen hätten, vielleicht, weil er noch anderswo auffällig wird.

Der Mann, der auf der Schleißheimer Straße in München das Polizeiauto im Rückwärtsgang angefahren hatte, wurde jedenfalls gestellt. Er hatte auf seinem Weg über die Autobahn bis dorthin bereits etliche Wagen gerammt - alle, die eine sechs oder neun auf dem Nummernschild hatten. Schraut erinnert sich noch gut an die Begründung, "weil eine Stimme ihm eingesagt hat, das seien böse Autos". Der Mann kam in die Psychiatrie.

© SZ vom 14.12.2020
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