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SZ-Serie: Kaum zu glauben, Folge 5:Die Fragen des Lebens

Der Fokus im Religionsunterricht im Kloster Schäftlarn liegt darauf, Antworten auf die Fragen des Lebens finden und nicht auf Infiltration.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Für die 550 Schüler und ihre Lehrer ist der Besuch des Gymnasiums Kloster Schäftlarn keine Glaubensfrage. Im Unterricht steht der offene Umgang mit allen Konfessionen im Fokus - und die Idee der Verständigung.

Es ist kurz vor acht, ein ganz normaler Schultag im Isartal. Vor den weißen Mauern des Klosters Schäftlarn halten in kurzen Abständen mehrere Autos. Verschlafene Kinder schälen sich aus ihnen heraus, rufen den Eltern einen Abschiedsgruß zu und verschwinden in dem altehrwürdigen Gebäude.

"Die meisten denken, wir denken hier total kirchlich und beten den ganzen Tag", sagt die 16-jährige Luisa Fuchs. Die Schülerin des Gymnasiums Kloster Schäftlarn besucht den Projektkurs "Taizé und Taizé-Gebet" der Jahrgangsstufe Q11, der von Religionslehrer Caspar van Laak geleitet wird. Zusammen mit sechs anderen Schülerinnen bereitet sie eine Taizé-Andacht im Advent vor. Dafür müssen die Gebetsgesänge sitzen, die zu einer solchen Andacht dazugehören. Draußen ist es noch dämmrig, als in der Internatskapelle unter dem Kreuz sechs Mädchenstimmen "Jesus, remember me" anstimmen.

Lina Ehehalt singt hell und klar die beiden Liedzeilen. In der Schule bete sie nicht mit, sagt die 16-Jährige, in Taizé aber schon, weil ihr das Beten dort viel mehr gebe. Als gläubig würde sie sich dennoch nicht bezeichnen. "Es ist nicht meins, nach dem Christentum zu leben", betont die Schülerin. Auf manche Fragen könne ihr dieses einfach keine Antworten geben. In der Familie bringt das Thema immer wieder Diskussionsstoff, der Vater macht eine Ausbildung zum Diakon.

Das Gymnasium wird von 550 Schülern besucht, 60 Prozent gehören der katholischen Kirche an, 30 Prozent sind evangelisch, zehn Prozent ungetauft oder Teil einer anderen Religion. Ethik wird im Curriculum nicht angeboten, die Schüler gehen entweder in den katholischen oder evangelischen Religionsunterricht. Valentina gehört zur Gruppe der Konfessionslosen und besucht die evangelische Religionsstunde. Für die 16-Jährige ist das kein Problem. Die Diskussionskultur im Kloster Schäftlarn sei sehr offen, sagt sie. "Und man kann sich ja auch mit Religion beschäftigen, wenn man ungetauft ist."

Über Aussagen wie diese freut sich Abt Petrus Höhensteiger, der nicht müde wird zu betonen, dass den Kindern zwar ein großes religiöses Angebot gemacht werde, aber keine Infiltration stattfinde. Niemand werde zu irgendwas gezwungen, sagt der seit 1986 im Kloster lebende Pater. Von Umfragen, wonach Religion für die Menschen immer unwichtiger wird, hält er nichts. "All diese pessimistischen Einschätzungen, dass die Leute nichts mehr glauben und die Religion verlieren, glaube ich ganz und gar nicht." Der Mensch trage nun einmal eine Sehnsucht in sich, Antworten auf die Fragen des Lebens zu finden.

In der Internatskapelle ist es mittlerweile kurz vor neun. Caspar van Laak wirft einen prüfenden Blick auf die Uhr. Nach zwei Liedern liegen sie genau im Zeitplan, nun folgt die ausgesuchte Bibelstelle in acht Sprachen, unter anderem Latein. Das Vorlesen ist nicht ganz einfach, da die Sprache keine Satzzeichen kennt, aber Lina liest langsam und problemlos.

Wenn sie später ein Kind habe, wolle sie es nicht taufen lassen, sagt Lina. Das Kind solle die Möglichkeit bekommen, irgendwann selbst zu entscheiden. Ihre Mitschülerin Emilia nickt. Sie ist erst mit neun Jahren getauft worden und hat vorher verschiedene Religionsunterrichte besucht. Heute sei sie sehr gläubig, erzählt Emilia und rückt ihren Schal zurecht, in der Internatskapelle ist es ein wenig kühl. Auf den Ort der Glaubensausübung komme es nicht an, betont Emilia. "Ich bin da sehr offen, eine Moschee wäre zum Beispiel auch möglich, wichtig ist mir nur, dass ich zur Ruhe kommen kann."

Mit allem einverstanden sind die sechs Schülerinnen in ihren Kirchen aber noch lange nicht. Die Einstellung zu Homosexuellen stößt allen auf. "Liebe ist einfach Liebe", fasst Lina ihre Meinung zusammen. In der katholischen Kirche gebe es ein sehr breites Meinungsspektrum. "Interessant, ich glaube, dass es wahrscheinlich 99,9 Prozent ziemlich egal wäre, ob jemand homosexuell ist", wirft ihr Lehrer van Laak ein. Hier in der Schule könne das schon sein, korrigiert ihn Emilia, sie glaube aber längst nicht, dass das überall der Fall sei. In ihrer Kirche zu Hause habe sie aber positive Erfahrungen gemacht. "Keiner guckt blöd, wenn da ein lesbisches Pärchen sitzt."

Die Elftklässlerinnen in dem Projektkurs bereiten eine Taizé-Andacht im Advent für ihre Mitschüler der zehnten Klasse vor.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Als Religionslehrer muss Caspar van Laak regelmäßig versuchen, die Perspektive und Tradition der Kirche zu erklären. Der 36-Jährige muss vermitteln und einen Spagat finden zwischen der Lebenswelt der Schüler und jener der Kirche. Das ist nicht immer leicht, trotzdem findet er: "Man kann jede Position vertreten, wenn man sie gut begründen kann." Eine gute, ausgewogene Diskussion sei stets wünschenswert, den anderen anzuhören und zu respektieren, darauf komme es an.

"Ich will alle Freiheit für die Schüler", sagt auch Schulleiter Wolfgang Sagmeister. Das ganzheitliche Lernen, das den religiös-existenziellen Aspekt des Lebens nicht ausklammere, stehe hier im Mittelpunkt. "Kirche darf nicht als etwas Abstraktes erscheinen, sondern muss etwas sein, das mit dem Leben zu tun hat", betont Abt Petrus. Genau dort hakt es immer wieder, finden die Schülerinnen des Taizé-Kurses. "Die katholische Kirche muss den Leuten viel mehr im Alltag begegnen", sagt Emilia. Weniger Passivität, mehr Zugehen auf die Gläubigen, das wünsche sie sich.

Es läutet zur nächsten Stunde. Die Mädchen packen ihre Liedzettel zusammen und setzen sich langsam in Bewegung. "Im Endeffekt sind wir eine ganz normale Schule, eine bunte Mischung von Menschen", sagt Emilia.