SZ-Serie "In den Startlöchern":Schach auf zwei Beinen

Lesezeit: 4 min

SZ-Serie "In den Startlöchern": Christian Brandt trainiert beim SV Grünwald Fechten.

Christian Brandt trainiert beim SV Grünwald Fechten.

(Foto: Claus Schunk)

Christian Brandt ist 14 Jahre alt und gehört zu den drei besten Fechtern seiner Altersklasse in Bayern. Trainiert wird er beim TSV Grünwald von seinem Vater Thorsten, der mal deutscher Meister war. Eine harte Schule.

Von Christina Hertel, Grünwald

Auf dem Boden liegen Stäbe, Ringe, Hütchen, immer in einem anderen Abstand. So schnell, wie es geht, sollen die Kinder da durch - ohne ein Hindernis umzustoßen, selbstverständlich. Aber dann, krach, landet ein Junge auf seinem Hintern. Und Thorsten Brandt schüttelt den Kopf, halb belustigt, halb schockiert. Er leitet die Abteilung Fechten beim TSV Grünwald. "Unseren Sport, den kann man sich nicht so vorstellen wie früher bei den Piraten."

Fechten heute, das ist Disziplin. Das ist Kontrolle über den eigenen Körper und Geist. Eine Fechtbahn ist 14 Meter lang, zwei Meter breit. Gefochten wird dreimal drei Minuten - nicht viel Platz und vor allem nicht viel Zeit, um zu zeigen, was man kann. "Und worauf kommt's dann an?", sagt Brandt und tippt sich an die Stirn. "Auf die Birne kommt's an, das ist doch klar. Fechten, das ist Schach auf zwei Beinen." Die Sportler müssen schauen, denken, handeln - und möglichst alles gleichzeitig. "Wer das nicht trainiert, wird niemals ein guter Fechter." Mindestens die Hälfte jedes Trainings hat niemand einen Säbel in der Hand. Da werden, wie mit solche Hindernisläufen, die Motorik und die Reaktionsfähigkeit trainiert.

Christian muss heute nicht über Stöcke springen und um Hütchen laufen. Der blonde Junge steht etwas abseits in der Halle. Heute hat er Einzeltraining mit Thorsten Brandt, seinem Vater. Alle tragen Weiß, auch Christian, nur Thorsten Brandts Maske ist schwarz, sein Anzug braun. Bevor Vater und Sohn zu fechten beginnen, heben sie die Waffen. "Die Begrüßung - wir Fechter sind höfliche Menschen", erklärt Brandt. Und dann geht es los. Christian übt heute Angriff und Verteidigung. Jede Aktion dauert vielleicht ein paar Sekunden. Immer wenn die Säbel aneinander klackern, immer wenn der eine den anderen getroffen hat, gehen sie wieder auseinander.

Mit Piraten, die über das Deck springen, hat das wirklich nichts zu tun. "Christian, lass die Hand oben!" Durch die Maske klingt die Stimme des Vaters dumpf. Christian kommentiert die Anweisung nicht, er macht es einfach. Wenn der Arm nicht gestreckt ist, zählt der Treffer nicht. Eine von vielen Regeln beim Fechten. Eine weitere: Ein Bein ist immer vorne, das andere immer hinten. Deshalb sieht es nie so aus, als würden die Fechter einfach nur über die Bahn gehen. Die Schritte wirken immer elegant, fast tänzerisch.

"Ich bin schon gut, aber nicht so gut"

Christian Brandt ist 14 Jahre alt. Momentan ist er Dritter in der bayerischen Rangliste für sein Alter. In seiner Sporttasche liegt die Silbermedaille von den oberbayerischen Meisterschaften. Stolz wirkt er darüber nicht. "Zu den Meisterschaften darf sowieso jeder hinfahren", sagt er. Auf gut Deutsch: In Bayern gibt es keine Konkurrenz. Wirklich gut werden könne man eigentlich nur bei einem Verein, sagt Christian Brandt: beim TSV Bayer Dormagen in Nordrhein-Westfalen. Dort fechten auch Maximilian Hartung und Matyas Szabo, die Deutschland in Rio bei den Olympischen Spielen vertreten. Ob Christian eines Tages auch bei Olympia antritt? "Ich bin schon gut, aber nicht so gut", sagt er.

"Er müsste viel mehr trainieren", sagt sein Vater. Er selbst war deutscher Meister, das ist fast 30 Jahre her. Ehrgeizig ist er aber immer noch. Und das erwartet er auch von anderen. Wer nicht versichern kann, zwei Mal in der Woche zum Training zu kommen, braucht sich gar nicht erst anmelden. Trotz dieser klaren Ansage hätten viele Eltern falsche Erwartungen. "Sie schicken ihr Kind hierher, weil sie denken, es sei eine Sportart für die Elite und erwarten gleich Erfolge." Bis die aber kommen, dauere es oft Jahre. Man müsse beißen, kämpfen - und Sachen machen, die so gar nicht nach Spaß klingen.

Wer beim Fechten zögert, verliert

Alle Kinder stehen in einer Reihe. Rechter Fuß vorne, linker Fuß hinten, rechter Arm mit Säbel ausgestreckt nach vorne, linker Arm hinten. Thorsten Brandts ältester Sohn Florian steht vor der Gruppe und klopft mit seinem Säbel auf den Boden. Einmal heißt einen Schritt nach vorn, zweimal zwei Schritte und so weiter. "Irgendwann müssen sie nicht mehr überlegen, wie oft geklopft wurde. Sie können das Ganze einfach abspulen", erklärt Thorsten Brandt. Denn wer beim Fechten überlegt, verliert - dazu ist keine Zeit.

SZ-Serie "In den Startlöchern": Christian Brandt fechtet nicht nur, er spielt auch noch Fußball.

Christian Brandt fechtet nicht nur, er spielt auch noch Fußball.

(Foto: Claus Schunk)

Alle seine drei Söhne, Christian, Florian und Julian, fechten. Und alle hat er trainiert. "Sie sind irgendwann selbst auf mich zugekommen und wollten mit", sagt Thorsten Brandt. "Manchmal ist es für mich schlimmer, ihnen zuzuschauen, als selbst zu fechten - weil man nichts machen kann." Und wie ist es als Kind, wenn der Papa immer zuschaut, der noch dazu so erfolgreich war? "Während des Wettkampfs denke ich daran nicht", sagt Christian.

Auch Florian fühlt sich nicht unter Druck gesetzt. Er sagt selbst von sich, dass er für eine Karriere zu spät mit dem Fechten angefangen habe - nämlich mit zwölf, besser wäre acht gewesen. Ans Aufhören hat er trotzdem nie gedacht - es war immer sein Hobby. Mittlerweile trainiert der 19-Jährige Fechtgruppen im TSV Grünwald, genauso wie sein drei Jahre jüngerer Bruder Julian. Einen Fechtlehrer, der nicht Brandt mit Nachnamen heißt, gibt es in dem Verein momentan nicht. Dass sie alle miteinander verwandt sind, merkt man auch. Wenn sie Anweisungen geben, klingt es immer bestimmt, manchmal vielleicht ein bisschen ruppig und man versteht: Eine Fechtgruppe ist kein Kuschelklub. Oder wie Florian sagt: "Mit ein bisschen Spaß wird man nicht erfolgreich."

Zu streng dürfen die Brandts aber wohl auch nicht sein. So richtig populär ist Fechten schließlich ohnehin nicht. Von denen, die mit Florian vor neun Jahren angefangen haben, ist niemand mehr mit dabei. In München gibt es gerade mal drei Fechter in seinem Alter, mit denen er sich regelmäßig trifft, manchmal kommen zehn zusammen. Viele seien weggezogen, manche hätten aufgegeben - für andere Sportarten, Fußball zum Beispiel. "Eine Zeit lang kann man vielleicht beides machen. Aber irgendwann muss man sich entscheiden", sagt Florian. Sein Bruder Christian hat die Entscheidung noch vor sich. Momentan steht auch er nicht nur auf der Fechtbahn, sondern auch auf dem Fußballplatz.

Fechten

So sportlich wie heute ging es beim Fechten nicht immer zu. Fechtkämpfe und spezielle Schulen gab es zwar schon in der Antike, aber eigentlich nutzten Menschen das Schwert, um sich gegen Feinde zu verteidigen. Mit der Erfindung des Schießpulvers im 15. Jahrhundert jedoch verlor das Schwert an Bedeutung. Nun kam das Fechten mit leichteren Waffen auf, es wurden einheitliche Regeln und Lehrbücher entwickelt. Gesichtsmasken machten es schließlich gefahrloser. Der Franzose Henri Saint Didier prägte um 1570 die meisten Fechtausdrücke, die auch heute noch verwendet werden.

In Deutschland fochten zu der Zeit vor allem Studentenbewegungen gegeneinander - in Form der sogenannten Mensur und mit scharfen Waffen. Heute ist Fechten freilich nicht mehr blutig. Im heutigen Sportfechten kommen Florett, Degen oder Säbel zum Einsatz. Gefochten wird auf einer 14 Meter langen und bis zu zwei Meter breiten Fechtbahn. Wegen dieser Abmessungen ist der Sport vor allem durch Vorwärts- und Rückwärtsbewegungen geprägt. Fechten hat eine lange olympische Tradition: Schon bei den ersten modernen Olympischen Spiele in Athen 1896 war die Sportart vertreten. chrh

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema