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SZ-Serie: Ausgeschieden, Folge 3:Rentnerstress statt Entzugserscheinungen

Der Garten ist für Ursula Mayer ein wichtiger Ort geworden, in dem sie nach Lust und Laune arbeitet und zu sich findet. Sie hat viele Hühner, dazu Schafe und sogar ein Pferd, um das sie sich intensiv kümmert.

(Foto: Claus Schunk)

Nach dem Abschied von der Politik genießt Ursula Mayer, die langjährige Bürgermeisterin von Höhenkirchen-Siegertsbrunn, die frei gewordene Zeit. Zu tun hat sie aber trotz weniger Termine genug und sie engagiert sich nach wie vor im Ortsleben

Von Bernhard Lohr, Höhenkirchen-Siegertsbrunn

18 Jahre lang war Ursula Mayer das Gesicht von Höhenkirchen-Siegertsbrunn. Sie war die omnipräsente Frau aus dem Rathaus und auch die Person, die sich für quasi alles verantwortlich fühlte. Das hat sich geändert: "Ich habe seit 1. Mai keinen Abendtermin wahrgenommen", sagt Mayer. Und sie wirkt dabei wie befreit. "Ich genieße wirklich meinen Ruhestand." Der Beruf als Bürgermeisterin sei ein "Knochenjob" gewesen, bei dem nicht viel Freiräume für einen selber blieben. Die meisten Termine setze man sich ja gar nicht selber. Andere bestimmten, wo man wann zu sein habe. Das gehe auf die Dauer an die Substanz.

Mayer trat bei der Wahl im März nicht noch einmal an und verabschiedete sich, wie ihr immer wichtig ist zu betonen, kurz vor ihrem 65. Geburtstag "selbstbestimmt" aus dem Rathaus. Manch Außenstehender hätte der temperamentvollen Lokalpolitikerin aus den Reihen der CSU sechs weitere Jahre im Amt zugetraut. Andererseits war auch in den vergangenen Jahren das zu spüren, was Mayer jetzt beklagt: dass der Job im Rathaus in der von starkem Wachstum und massiven Veränderungen geprägten Gemeinde aufreibend ist. Es sei schon härter geworden, sagt Mayer. Die Ansprüche seien hoch ans Rathaus. Wenn es gut laufe, sei das für viele normal. Und bei Problemen sei die Bürgermeisterin verantwortlich.

Jetzt kann Mayer von der anderen Seite auf die Verantwortlichen im Rathaus schauen und das Ganze genießen oder - wie es nun mal so ist in einer Gemeinde - sich über "die da" im Rathaus wundern oder ärgern. Natürlich hat Ursula Mayer, deren im Jahr 2017 verstorbener Mann als Kreisrat, Bundestags- und Landtagsabgeordneter ein Vollblutpolitiker war, das Interesse an der Politik und den Ereignissen zumal in der Gemeinde keineswegs abgelegt. Sie ist weiter Mitglied im Kreistag, verfolgt jetzt aus der Zeitung die Geschehnisse und mischt sich auch mal per Leserbrief in eine Diskussion ein. Realschule, Tieferlegung der S-Bahn und, und, und. Wer mit Mayer darüber diskutieren will, findet eine engagierte Gesprächspartnerin, aber eben nicht mehr im Gemeinderat, sondern jetzt auf der Straße und am Gartenzaun.

Und wer dort der früheren Bürgermeisterin begegnet, die bis vor kurzem noch "minutiös getaktet", wie sie sagt, von Termin zu Termin hetzte, trifft auf jemanden, der plötzlich auch Zeit hat. So wie letztens, als Mayer durch den Ort ging, weil sie ihr Auto von der Werkstatt abholen musste. Da war sie zwei Stunden unterwegs, weil ihr immer jemand zum Ratschen begegnete. Es seien viele Freundschaften entstanden, in den vielen Jahren, sagt Mayer. In der Gemeinde selbst, mit den Leuten vom Bauhof und besonders mit den Mitarbeitern im Rathaus. Die Arbeitsbelastung war dort zuletzt hoch, seit zentrale Stellen in der Verwaltung vakant waren und Mayer vieles stemmen musste. Die Zusammenarbeit habe zusammengeschweißt, sagt sie. "Es war eine schöne Gemeinschaft."

Heute genießt sie es, auch mal für sich zu sein. Der Garten ist für Mayer ein wichtiger Ort geworden, in dem sie nach Lust und Laune arbeitet und zu sich findet. Mayer hat "einen riesigen Haufen Hühner", dazu Schafe und ein Pferd, um das sie sich intensiv kümmert. Die ehemalige Bürgermeisterin, die früher gerade auch abends selten zuhause war, genießt es jetzt, im Haus und im Garten für sich zu sein. Sie war aber auch mit Freunden schon auf Reisen und fuhr, als es noch möglich war, nach Südtirol. Dazu kommt die Familie mit sechs Enkelkindern. Die Oma wird da auch schon mal eingespannt, wenn die Kinder betreut werden müssen. Und Mayer hat lernen müssen, dass man auch nach dem Ausscheiden aus dem Berufsleben gefragt und gefordert sein kann. "Ich glaube tatsächlich, es gibt einen Rentnerstress."

Manches läuft aber heute noch so wie früher. Wenn Mayer ein dringliches Thema erkennt, engagiert sie sich. Als etwa ihr Mann starb, gründete sie einen Witwen- und Witwerstammtisch am Ort, an dem die Trauernden zusammenkommen, Erfahrungen austauschen und wieder Gemeinschaft erleben. Dafür ist mehr Zeit, sobald es die Corona-Pandemie zulässt, um dann auch wieder Ausflüge zu unternehmen. Außerdem ließ sich Mayer zur stellvertretenden Vorsitzenden des Hospizkreises Ottobrunn wählen, weil sie mit ihrer Erfahrung und ihren vielen Kontakten der Organisation nützlich sein kann. "Mir geht es gut", sagt sie. Und: "Ich glaube, dass ich zum richtigen Zeitpunkt aufgehört habe."

Sie sehe manche Bürgermeisterkollegen in ihrem Alter, die unter der Last der Arbeit litten und zusammenbrächen. Sie habe "keine Entzugserscheinungen" wegen des Abschieds von der Politik. Jetzt dürften die Jungen ran, sagt Mayer, und ihre eigenen Fehler machen. Da immer ruhig nur zuzuschauen, das fällt ihr allerdings nicht leicht. Das merkt man schon auch.

© SZ vom 09.11.2020

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