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SZ-Schulratgeber:Morgens Schüler, nachmittags Profi

1899 Hoffenheim v 1. FSV Mainz 05 - Bundesliga

Volltreffer: Kevin Volland, einst Absolvent der Fußball-Eliteschule in Taufkirchen, nun Profi in Hoffenheim.

(Foto: Getty)

An der Taufkirchner Walter-Klingenbeck-Realschule und an der Mittelschule Unterhaching gibt es in jedem Jahr eine Leistungssportklasse. Hoffnungsvolle Nachwuchskicker werden dort in Kooperation Vereinen gefördert - einige spielen mittlerweile in der Bundesliga.

Von Stefan Galler

Ein Vorzeigeschüler sei er gewesen, sowohl die schulischen Leistungen als auch das Sozialverhalten vorbildlich, die sportlichen Fähigkeiten zudem unumstritten. Wenn Rudolf Galata über Fußballprofi Kevin Volland spricht, dann tut er das in den höchsten Tönen. Volland spielte noch beim TSV 1860 München, als er an der Walter-Klingenbeck-Realschule in Taufkirchen die Mittlere Reife ablegte. Mittlerweile kickt der gebürtige Münchner beim Bundesligisten TSG Hoffenheim und gehört zum erweiterten Kreis der Nationalmannschaft.

Er ist eines der Beispiele, bei denen es perfekt geklappt hat mit der parallelen Ausbildung an einer "Eliteschule des Fußballs" und der Planung und Realisierung einer Karriere als bezahlter Balltreter. Andere sind Christian Träsch (heute VfL Wolfsburg), Moritz Leitner (VfB Stuttgart) oder aktuell Gianluca Gaudino oder Lucas Scholl vom FC Bayern. Nachdem die deutsche Elf bei der Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich im Viertelfinale sang- und klanglos an Kroatien gescheitert war, wurde die Formung der jungen Fußballer in Deutschland komplett neu strukturiert.

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) schuf das Zertifikat für die Eliteschulen und verlieh es einzelnen Lehranstalten, die sich der gleichzeitigen sportlichen und schulischen Ausbildung von Jugendspielern an Schulen im kooperativen Verbund mit Vereinen und Verbänden widmeten. In Stadt und Landkreis München betrifft dies das Theodolinden-Gymnasium in Harlaching, die Walter-Klingenbeck-Realschule und die Mittelschule Unterhaching, die das Prädikat 2014 von der Mittelschule Taufkirchen übernahm, wofür es vor allem zwei Gründe gab.

Mit der Rektorin wechselte das Projekt den Ort

Einerseits zog die Schule innerhalb Unterhachings vom engen Gelände an der Fasanenstraße auf das weitläufige Areal am Sportpark um. Und zweitens wechselte auch Rektorin Gabriela Heckenstaller in die Nachbargemeinde - und nahm das DFB-Schildchen gleich mit, um es am Eingang zum Lehrertrakt anschrauben zu lassen: "Wir haben hier in Unterhaching optimale Bedingungen für die Leistungssportklassen", sagt Heckenstaller, der es auch darum geht, die Kinder im Bereich Sozialkompetenz zu schulen. "Wir haben sie ja zwischen 7.30 und 16.05 Uhr fast durchgehend im Auge", sagt die Pädagogin, insofern könne man Einfluss nehmen.

35 Prozent der Schüler sind Kicker, der Rest betreibt andere Sportarten

In jedem Jahrgang der Mittelschule gibt es eine Leistungssportklasse, genauso wie an der Taufkirchner Realschule. Und doch gibt es einen gravierenden Unterschied: Während in Taufkirchen bis auf einzelne Tennistalente lediglich junge Fußballer anzutreffen sind, beträgt der Anteil der Kicker in Unterhaching nur 35 Prozent. Der Rest sind "Polysportive", wie es in der Fachsprache heißt, im Fall der Unterhachinger Mittelschule handelt es sich dabei um Turner, Handballer, Basketballer, Judoka und die aktuell Zweite der bayerischen Meisterschaften im Einradfahren. "Durch diese Mischung haben wir bei den Leistungssportlern einen steigenden Mädchenanteil", sagt Heckenstaller. Und das tue dem Klassengefüge gut. Denn die Schülerinnen seien die "Weichmacher" in jenen Klassen, deren Atmosphäre stark von Wettkampf und Konkurrenzdenken geprägt seien.

Das Konzept ist in beiden Schulen stimmig: So haben Realschüler der Leistungssportklassen jede Woche vier Basisstunden Sport und zwei Stunden Theorie. Dazu kommen vier Stunden in ihrer Spezialsportart, die außerhalb der Schule stattfinden: Montags, dienstags und donnerstags werden die Elitesportler je nach Vereinszugehörigkeit zum FC Bayern, zum TSV 1860 oder - für alle, die nicht den beiden Großklubs angehören - in die Sportschule Oberhaching gefahren.

An der Mittelschule läuft es ähnlich, hier setzt man zudem in der neunten und zehnten Jahrgangsstufe darauf, berufsorientierte Bereiche intensiver zu schulen und die Heranwachsenden konkret an spezielle Berufe wie Physiotherapeut, Fitnesskaufmann, Groß- und Einzelhandelskaufmann Sport oder Sportlehrer im freien Beruf heranzuführen. Die Schüler sollen, wenn es die Noten zulassen, den M-Zug durchlaufen, an dessen Ende der Mittlere Schulabschluss steht, sagt Heckenstaller. Das sei auch im Interesse der Vereine, die lieber Spieler beschäftigen, die in die Schule gehen, als solche, die einen Beruf erlernen und körperlich erschöpft zum Training kommen.

Die Auswahl der Eliteschüler treffen die Vereine

Die Auswahl der Eliteschüler des Sports nehmen in erster Linie die Vereine, beziehungsweise die Sportverbände vor. "Die meisten Plätze in den Leistungssportklassen sind nach den entsprechenden Sichtungen durch den Bayerischen Fußball-Verband schon abgegrast", sagt Realschul-Rektor Galata. Die wenigen Restplätze vergibt dann die Schule, aber auch erst nach einem entsprechenden Leistungstest.

Ein weiterer Nachweis ihrer sportlichen Fähigkeiten erwartet die Sportschüler am Ende der siebten Jahrgangsstufe. Wenn es dann von der Athletik nicht mehr reicht, müssen sich die Heranwachsenden neu orientieren. "Deshalb stimmen wir unsere Lehrpläne in den Sportklassen bis zur siebten Klasse auf den gymnasialen Lehrplan ab", sagt Galata, "dann können sich die Kinder neu entscheiden". Bei anderen Realschülern gilt eine solche Abstimmung nur bis zur sechsten Klasse. Auch in der Unterhachinger Mittelschule gibt es einen doppelten Boden für jene Fußballer, die von ihren Klubs aussortiert werden: "Sie wechseln in den polysportiven Bereich, damit ist die Schulzeit von der fünften Jahrgangsstufe bis zum Abschluss gesichert", sagt Gabriela Heckenstaller.

Beide Schulleiter rühmen den Kontakt mit den Vereinen in den höchsten Tönen. "Es geht locker zu, es funktioniert", sagt Galata. Manfred Schwabl, Präsident des Drittligisten SpVgg Unterhaching, sei immer gleich da, wenn etwas anliege. "Er trägt auch unsere pädagogischen Konzepte voll mit." Gleiches gelte für den früheren Profi Harald Cerny, der die Zusammenarbeit mit dem FC Bayern koordiniert. Auch mit Wolfgang Schellenberg vom TSV 1860 habe es nie Probleme gegeben.

Denn manchmal sei es schon wichtig, dass der Draht zu den Vereinen kurz ist, betont der Realschulrektor, vor allem, wenn es disziplinarische Probleme gebe: "Manche der jungen Fußballer wissen gar nicht zu würdigen, was ihnen hier angeboten wird. Da fehlt es dann auch am Sozialverhalten", so Galata. Nicht jeder ist eben ein Musterschüler wie Kevin Volland.

© SZ vom 18.03.2015/wkr

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