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SZ-Schulratgeber:Lernen im Liegen

Taufkirchen, Walter-Klingenberg-Realschule

Offenbar macht es Spaß, im Liegen Hausaufgaben oder Gruppenarbeiten zu erledigen.

(Foto: Angelika Bardehle)

Die Architektur der Walter-Klingenbeck-Realschule in Taufkirchen bietet Schülern und Lehrern viele Freiräume. Die neue Pädagogik zieht auch Kinder an, die den Notendurchschnitt fürs Gymnasium erfüllen.

Von Iris Hilberth

Die Tische sind dreieckig, die Wände aus Glas, Tafeln mit Kreide und nassen Schwämmen sind längst Vergangenheit. Auf den Fluren liegen Schüler mit ihren Matheaufgaben am Boden herum, kleine Grüppchen beugen sich über Aufgabenblätter und auf der Couch kann man es sich mit einem Buch bequem machen. Klingt für Vertreter der alten Schule reichlich chaotisch, vielleicht auch ein bisschen nach Anarchie. Doch was in der Taufkirchner Walter-Klingenbeck-Realschule seit vier Jahren praktiziert wird, gilt für viele inzwischen als pädagogisches Konzept der Zukunft.

In Hinblick auf ein neues Schulhaus hatten sich Schulleitung und Lehrerkollegium gemeinsam mit den Zweckverband bereits an der alten Wirkungsstätte für flexible Lernlandschaften entschieden. Was dort als Provisorium für die jüngeren Klassen im Schuljahr 2010/2011 begann und nur mit viel Improvisation umgesetzt werden konnte, ist seit dem Umzug in das moderne Schulhaus im Februar 2014 für alle Schülerinnen und Schüler der einzigen Realschule im Hachinger Tal zur Normalität im Schulalltag geworden.

Vorbild war eine Schule in Öttingen

Begonnen hatte alles mit einer Informationsfahrt zum Gymnasium in Öttingen. Kein architektonisch herausragender Bau, ein von außen durchschnittliches Schulhaus aus den Siebziger- oder Achtzigerjahren, dessen Innenleben sich aber bis in den Landkreis München herumgesprochen hatte: eine neue Lernkultur, die Kinder ermöglichen soll, Potenziale besser zu entwickeln, Teamarbeit statt Frontalunterricht. Auf der Rückfahrt sei Lehrern wie Planer und Zweckverbandvertreter bereits klar gewesen sein: Das machen wir auch.

So erinnert sich Schulleiter Rudolf Galata an den Beginn einer kleinen Revolution, der ursprünglich nur der Wunsch nach einem Ganztagsschulkonzept vorausgegangen war. "Lernen statt unterrichten", hat Galata das neue Miteinander in seiner Realschule als Motto ausgerufen. Zwar habe es durchaus auch Bedenken und Ängste gegeben. "Doch das Engagement der Lehrer und die Bereitschaft zur Innovation war groß", sagt er.

Anders als beim Vorbild Öttingen hat Taufkirchen inzwischen auch die architektonischen Rahmenbedingungen für die pädagogisch neuen Wege erhalten. Ein nicht unwesentlicher Baustein für innovatives Lernen, wie die Taufkirchner bestätigen können. Sie wissen inzwischen, warum Konzeptentwicklerin für das Taufkirchener Modell, Karin Doberer, die seit mehr als zehn Jahren Schulen in Deutschland, Österreich und der Schweiz zum Thema "Neue Lernkultur" berät, eine gute Architektur einer Schule als "dritten Pädagogen" bezeichnet.

Der innovative, 30 Millionen Euro teure Schulhausbau zu Taufkirchen mit seinen Clustern, den sogenannten Marktplätzen, um die sich die transparenten Klassenräume einer jeden Jahrgangsstufe gruppieren, hat sich herumgesprochen. Jetzt kommen die Besucher zu Galata und seinem Lehrerkollegium, um zu schauen, wie sich Flure im Halbkreis statt lange Gänge mit geschlossenen Türen im Schulalltag machen.

Ob Schüler nicht ständig durch Glasfronten auf den Flur schauen statt in die Arbeitshefte. Und was der Lehrer macht, wenn er kein Pult mehr besitzt und sich stattdessen höchstens mal zwei Dreieckstische zusammenschieben kann. Wie so ein Medienwagen mit Laptop, Beamer und Anschlüssen für sämtliche neue technische Lernhilfen ausschaut, den sich die Taufkirchner eigens von einem Schreiner haben konzipieren lassen.

Unterrichtet wird in Doppelstunden

Unterrichtet wird nach dem Doppelstundenprinzip. Und das biete gleich mehrere Vorteile für Lehrer und Schüler, fühlt sich Galata bestätigt. Die Vorbereitung auf den nächsten Tag falle kürzer aus, weil weniger Fächer auf den Stundenplan stünden. Auch müssten die Schüler dadurch weitaus weniger Material mitschleppen. Zudem biete diese Taktung eine andere Möglichkeiten des Lernens, wenn nicht alle 45 Minuten der Lehrer wechsele.

Für die Gruppenarbeit seien die Doppelstunden unerlässlich. "Sonst muss man ja mit der Stoppuhr unterrichten", findet Galata. Als sehr erfolgreich bezeichnet der Schulleiter zudem das "Open-Learning"-Angebot am Nachmittag. "Das ist keine Nachhilfe, doch ist für jedes Kernfach immer ein Lehrer anwesend, der Fragen beantwortet und Hilfestellung gibt bei Problemen", so Galata.

Die 65 Lehrer der Walter-Klingenbeck-Schule haben ihre Arbeitsplätze in ihren jeweiligen Clustern. Statt des altbekannten, oftmals überfüllten Lehrerzimmers gibt es in Taufkirchen Zweier- und Viererzimmer. Ins Schwärmen kommt Galata auch, wenn er über die große Aula der Schule spricht, über die fest installierte Bühne und den großen, hohen Raum, den man betritt sobald man durch die Eingangstür der Schule kommt.

Auch Kinder, die aufs Gymnasium gehen könnten, gehen auf die Schule

Mit 24 bis 25 Schülern starten die fünften Klassen in der Taufkirchner Realschule. Von der sechsten Klasse an seien es dann aber meist über dreißig, da in jedem Jahr rund 40 Schüler und Schülerinnen aus den Gymnasien in Unterhaching und Oberhaching auf die Realschule wechselten. "Aber immer mehr Eltern schicken ihre Kinder nach der vierten Klasse zu uns, auch wenn sie einen Notendurchschnitt von 2,0 haben", berichtet der Schulleiter.

Ein Umdenken habe stattgefunden, seit die Fachoberschule eine Alternative zum Gymnasium biete. Selbst aus München gebe es immer mehr Anmeldungen, und nicht nur aus den nahen Stadtteilen. Er führt diese Entwicklung auch auf das neue pädagogische Konzept zurück, das ständig weiterentwickelte würde. Denn Galata ist überzeugt:"Schule ist ein lernendes System."

© SZ vom 16.03.2015/wkr

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