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SZ-Adventskalender:Ein Zimmer reicht nicht

Ottobrunn, Adventskalender, Caritas-Zentrum, Thema Wohnungslosigkeit

Mit ihrem Papa leben die beiden Mädchen in einem Zimmer in einer Männerpension im südlichen Landkreis. Unterstützung finden sie, wie auf diesem Bild, bei der Caritas in Ottobrunn.

(Foto: Angelika Bardehle)

Ein alleinerziehender Vater lebt mit seinen beiden Töchtern in nur einem Raum in einer Männerpension. Der Neuanfang fällt ihnen sichtlich schwer.

Hätte Ana ein eigenes Zimmer, sie wüsste genau, wie sie es einrichten würde: Mit einem blauen Schreibtisch, der ganz viele Schubladen hat, und ein Fach für Stifte. Davor ein Stuhl, wie Sekretärinnen ihn haben, der sich drehen und in der Höhe verstellen lässt.

"Ich möchte das auch", sagt Vanessa. Und dazu noch so ein Schminktischchen, mit kleinen Bürsten und Haarklammern. "In Lila", sagt Vanessa und zwirbelt eine Haarsträhne, "das ist meine liebste Farbe."

Ana und Vanessa Wünsche zu entlocken, ist gar nicht so leicht. Die beiden Schwestern, neun und sieben Jahre alt, sind nämlich etwas schüchtern und zurückhaltend. Das eigentliche Problem ist aber ein anderes: Von einem eigenen Zimmer können die kleinen Mädchen derzeit nur träumen. Vanessa und Ana kamen in Bulgarien zur Welt. Ein korruptes, armes Land, wie Stoyan Nikolov (alle Namen geändert) erzählt, der Vater. 69 Jahre ist er alt, vor vier Jahren kam er mit seinen Töchtern nach Deutschland, seither leben sie in einer Pension im südlichen Landkreis München.

Aus der Perspektive einer Neunjährigen ist das offenbar gar nicht mal so schlecht. "Wir haben zwei Zimmer", sagt Ana, "eines für alles, und eine Toilette". Für Eva Gruber, die als Sozialpädagogin beim "Unterstützten Wohnen" der Caritas im Landkreis arbeitet, ist die Wohnsituation so nicht länger tragbar. "Die müssen da raus", sagt Gruber. Denn in Wahrheit sind es natürlich nicht zwei Zimmer. Die kleinen Familie lebt zu dritt in nur einem Zimmer mit Dachschrägen. Es gebe keine gemütliche Sofaecke, sagt Gruber, die sich seit Kurzem um die Familie kümmert. Keine richtige Küche, und auch keinen Platz für die Lagerung der Lebensmittel.

Auch braucht man kein ausgemachter Menschenkenner zu sein, um zu verstehen, dass eine Pension, in der vor allem alleinstehende Männer leben, kein Ort ist, an dem zwei kleine Mädchen aufwachsen sollten. Wo es keine Nachbarskinder zum Spielen gibt. Und, was noch schwerer wiegt: kaum Frauen. Jemanden, der auch einmal Mädchensachen mit den Kindern macht. Zöpfchen flechten, Fingernägel lackieren, Prinzessinnenbücher vorlesen.

Neustart mit 65 Jahren in Deutschland

Denn die beiden Schwestern haben keine Mama, zumindest nicht in München. Die Mutter ist in Bulgarien geblieben. Die Geschichte von Ana, Vanessa und ihrem Vater Stoyan Nikolov ist nicht nur die Geschichte einer Scheidung. Es ist auch die Geschichte eines Gerichtsprozesses, an dessen Ende der Richter dem Vater das Sorgerecht für die Kinder zusprach. Über 30 Jahre hinweg habe er als Lastwagenfahrer gearbeitet, erzählt Nikolov in gebrochenem Deutsch, in ganz Europa war er unterwegs.

Als er seinen Job aufgab, um für seine Töchter zu sorgen, ging er zum Amt: Helfen Sie mir, bitte. Aber in Bulgarien halfen sie ihm nicht. Also wagte er, mit damals 65 Jahren, den Neustart in Deutschland. Über einen Bekannten bekam er den Kontakt zu der Pension. Und da sind sie nun.

Eva Gruber versucht in diesen Tagen einiges, um die Situation der Familie zu verbessern. Sie hilft Herrn Nikolov mit der Post der Behörden, deren anspruchsvolle Formulierungen er nicht so gut versteht. Sie hilft beim Ausfüllen von Anträgen und Formularen. Und natürlich bei der Wohnungssuche. Aber freie Wohnungen sind im Landkreis München nun einmal Mangelware, und offenbar reißen sich Vermieter nicht unbedingt um Alleinerziehende. Dabei sei die Miete ja gesichert. Die Familie erhält ihre Grundsicherung über das Landratsamt. "Und das Landratsamt ist ja der Garant, dass die Miete direkt überwiesen wird", sagt die Sozialpädagogin.

Überhaupt erlebe sie Stoyan Nikolav als äußerst zuverlässig. Ein Mann, der pünktlich zu vereinbarten Terminen erscheine, sich liebevoll um seine beiden inder kümmere. Und davon träumt, einen kleinen Imbisswagen zu betreiben. Gerne sähe Gruber die Drei bei einer älteren Dame untergebracht, vielleicht sogar in einem Haus mit Garten. Herr Nikolov könnte dort dann auch Hausmeistertätigkeiten übernehmen, und Ana und Vanessa hätten jemanden für Mädchensachen. Keine Mutter zwar. Aber immerhin eine weibliche Bezugsperson.

© SZ vom 27.12.2017/belo
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