SZ-Adventskalender Ein Gefühl von Heimat

Es geht nicht um Pflege, jedenfalls nicht um körperliche. Der Seele aber tut es sehr gut, wenn demente Senioren, die in ihrer Jugend in ein fremdes Land kamen, mit ihren ehrenamtlichen Helferinnen auf Türkisch sprechen können.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Die kultursensible Altenarbeit der Nachbarschaftshilfe Taufkirchen kümmert sich um türkische Senioren mit Demenz. Bei dem Projekt spielt vor allem die Muttersprache der Klienten eine wichtige Rolle - und die Musik aus ihrer Vergangenheit.

Von Claudia Wessel, Taufkirchen

"Tante, wie geht's dir?" Mit diesen Worten kann die ehrenamtliche Helferin der kultursensiblen Altenhilfe viel ausrichten, wie die Leiterin des Projekts, Selma Tetik, verrät. Denn so angesprochen fühlt sich die türkische Seniorin, als würde sie von einer Familienangehörigen betreut. Und das, so Tetik, empfänden viele immer noch als normal. Wenn sie dagegen von Fremden, die von einer Einrichtung zu ihnen ins Haus geschickt werden, versorgt werden, ist ihnen das eher unheimlich. Und sie wären die Letzten, die eine solche Hilfe anfordern würden.

Selma Tetik, selbst Türkin, die das Projekt bei der Nachbarschaftshilfe Taufkirchen leitet, wird trotz der Skepsis ihrer Landsleute nicht müde, Werbung für das Angebot zu machen. Die Flyer in türkischer und deutscher Sprache verteilt sie überall. Einer ihrer Lieblingsorte ist der Kiosk an der Taufkirchner S-Bahnstation. Denn dort arbeitet ebenfalls eine Türkin. Und diese hat tatsächlich schon mehrere Klienten an die kultursensible Altenhilfe vermittelt.

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Was bedeutet kultursensibel? Zum einen sollten die ehrenamtlichen Helfer für die oftmals dementen Senioren deren Sprache sprechen. Denn: "Die fremde Sprache ist eines der ersten Dinge, die ein Mensch bei Demenz vergisst", sagt die Geschäftsführerin der Nachbarschaftshilfe Taufkirchen, Andrea Schatz. Doch es geht nicht allein um die Sprache, sondern eben auch um ein Wissen um die Kultur und ein Gefühl dafür. Die Helferin sollte sich nicht wundern, wenn sie mit "Tochter" angesprochen wird - ein gutes Zeichen, denn dann ist sie akzeptiert. Sie sollte "die alten Lieder kennen", wissen, wie es früher in der Türkei war, als die heutigen Senioren als junge Leute in ein fremdes Land aufgebrochen sind.

Selma Tetik kam im Alter von 30 Jahren nach Deutschland, weiß also aus eigener Erfahrung, wie es ist, sich einzuleben. Und sie weiß, was in ihrem Heimatland wichtig ist. Worauf es ankommt, gibt sie ihren ehrenamtlichen Helferinnen weiter. Diese, alle Türkinnen, sind nicht viele, nur sieben Frauen - sie betreuen erst vier Familien - sie sind zwischen 30 und 66 Jahre alt. Sie erhalten vor ihrem Einsatz eine 40-stündige Ausbildung. Um Pflege geht es bei der Betreuung der türkischen Senioren nicht, das ist Aufgabe des Pflegedienstes. Es geht ums Gesellschaftleisten, ums Reden, ein Mittel gegen die Einsamkeit. Ums Zuhören, wenn die alten Damen von früher erzählen, was die meisten tun, so Tetik. Alles, was in jüngster Zeit geschehen ist, ist ihnen meist nicht mehr präsent.

Warum richtet sich die kultursensible Altenhilfe nur an Türken? "Weil das die größte ausländische Community in Taufkirchen ist", so Schatz. Natürlich würde man gerne für andere Nationalitäten da sein, was im Rahmen der normalen Betreuung der Nachbarschaftshilfe auch möglich ist. Doch allein, die türkischen Familien mit Senioren aus der Reserve zu locken, bedeute schon viel Arbeit. "Auf einen Sohn habe ich vier Monate lang eingeredet", so Tetik. Denn nicht nur die alte Generation sei skeptisch, sondern auch die junge. Bei ihnen herrsche ebenfalls der Gedanke vor, dass sich die Familie um die Alten kümmern müsse. "Da werden die Eltern lieber monatsweise von einem Haushalt in den anderen geschoben als Hilfe von einer Institution anzunehmen", so Tetik. "Die Kinder haben auch Angst, dass man ihnen innerhalb der Familie Vorwürfe macht, dass sie sich nicht selbst kümmern."

Mit viel Geduld und Überredungskunst jedoch gelingt es immer wieder, Familien zu überzeugen. Drei weitere sind quasi in der Überzeugungsphase. Die Spenden des SZ-Adventskalenders helfen, das Projekt auch nach der Anschubförderung durch Bund und Landkreis München zu erhalten und etwa den Minijob von Selma Tetik zu bezahlen.

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