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Suchtberatung:Im virtuellen Casino reale Leben verzocken

Andreas Ammer würde gerne auch Heranwachsenden aus ihrer Sucht helfen - er darf aber nicht. Der Sozialpädagoge leitet in Garching die Fachambulanz der Caritas für Suchterkrankte.

(Foto: privat)

Immer mehr Jugendliche leiden unter Spielsucht - Corona fördert diese sogar noch. Doch Hilfen gibt es für sie kaum

Während seine Klassenkameraden eine Zeit der ersten Male durchlebten - erster Kuss, erste Party, erster Urlaub, erster Rausch - wiederholten sich für Bastian Neumeier die Tage. Er schaltete den Computer an, betrat ein Casino in einer virtuellen Welt und spielte, oft neun, zehn Stunden am Stück. Manchmal gewann er ein paar Tausender, doch meistens verlor er. Als er entschied, dass sein Leben so nicht weitergehen könne, hatte er 30 000 Euro Schulden. Damals war er 23, hatte keine Ausbildung, keine Freunde, als er Andreas Ammers Nummer wählte.

Der Sozialpädagoge leitet in Garching die Fachambulanz der Caritas für Suchterkrankte und erzählt Bastian Neumeiers Geschichte am Telefon. Der Name seines Klienten ist erfunden, ansonsten sei die Geschichte wahr und vor allem sei sie typisch. Dass sich gerade junge Menschen aus dem Alltag in Spiele im Internet flüchten, erlebe er immer häufiger, sagt Ammer. Das Problem: Eigentlich dürfte er Menschen unter 18 Jahren gar nicht beraten. Seine Stelle, in der insgesamt zwei Psychologen und zwei Sozialarbeiter tätig sind, ist nur für Erwachsene zuständig. Auch nur für diese Arbeit bekommt sie vom Landratsamt Geld. Jugendliche weise er dennoch nicht ab, sagt Ammer. Voriges Jahr suchten um die 20 Minderjährige bei ihm Rat. "Ich stehe dann in einem enormen Rechtfertigungsdruck. Das ist ja alles schön und gut, heißt es dann. Aber das ist leider nicht ihr Job."

Ammer begrüßt es deshalb, dass die Grünen im Kreistag zwei Vollzeitstellen für die Beratung von suchtkranken Jugendlichen fordern. Sie sollen bei der Caritas in Garching oder beim Blauen Kreuz in Ottobrunn angegliedert und auch für Präventionsarbeit zuständig sein. Die Kosten solle der Landkreis übernehmen, schreibt Grünen-Fraktionschef Christoph Nadler. Weil es keine geeigneten Anlaufstellen gebe, würden sich viele Betroffene an die Suchtberatung der Landeshauptstadt wenden. Doch die sei ohnehin überbelegt.

Der Antrag ist bereits ein paar Monate alt, doch gerade sei er besonders aktuell, meint Suchtberater Ammer. Denn er rechnet damit, dass während der Corona-Krise mehr Menschen süchtig oder rückfällig werden könnten. "Wenn bei den Menschen wieder Normalität eingekehrt ist, bemerken viele, dass sie ein Problem entwickelt haben und melden sich bei den Beratungsstellen", sagt Ammer. Er warnt davor, dass zu Hause alleine trinken akzeptierter werden könnte - ein Risiko für Suchtgefährdete und trockene Alkoholiker. Auch Jugendliche, die während der Ausgangsbeschränkungen und Kontaktsperren noch mehr Zeit als sonst am Smartphone verbringen, seien gerade besonders gefährdet. Ammer empfiehlt Eltern deshalb, ihre Kinder im Teenager-Alter nicht länger als eine Stunde am Tag auf solchen Geräten spielen zu lassen. Mehr als drei Stunden jeden Tag sind aus seiner Sicht gefährlich.

Momentan mache Mediensucht noch einen relativ geringen Teil der Beratung aus. Von den 180 Klienten insgesamt sei mehr als die Hälfte alkoholsüchtig, danach folgen illegale Drogen wie Cannabis und Amphetamine. Doch in den vergangenen drei Jahren, seit die Suchtberatung in Garching eröffnete, stellte Ammer fest, dass immer mehr Menschen nicht von ihrem Smartphone oder Computer loskommen. Momentan berate er etwa zehn Klienten, die nicht aufhören können, Spiele im Internet zu spielen. Früher seien die meisten seiner Klienten, die ihr Geld an Spielautomaten im Casino verzockten, älter als 30 Jahre gewesen. Weil es im Internet keinen Türsteher gibt, weil viele Spiele zunächst harmlos wirken und weil es heutzutage normal sei, schon Grundschülern ein Smartphone in die Hand zu drücken, würden die Betroffenen immer jünger: "Die meisten fangen mit 13,14 Jahren zu spielen an und realisieren mit Anfang 20, dass sie ein Problem haben", ist Ammers Erfahrung.

So sei es auch bei Bastian Neumeier gewesen. Um an Geld zu kommen, habe er sogar die Kontodaten der Eltern abgegriffen. Der Vater war selbst alkoholabhängig, die Mutter tablettensüchtig, beide sahen nicht, dass ihr Sohn ein Problem hatte. "Er hatte das Gefühl, nichts wert zu sein. Bei den Spielen holte er sich ein Erfolgserlebnis, das er im echten Leben nicht bekam." Das ist für Ammer die Grenze zwischen problematischem Verhalten und Sucht: Wenn der Drang zu spielen jeden Tag größer ist als alles andere, wenn der Betroffene das Zimmer nicht mehr verlässt, wenn Schule und Freunde immer unwichtiger werden, wenn nichts zählt außer dem Spiel.

Ein paar Mal habe Bastian Neumeier versucht, sich aus diesem Kreislauf zu befreien, aber keine Beratungsstelle gefunden und aufgegeben. Erst mit 23 und erst als er eine Frau kennenlernte, die ihn davon überzeugte, habe er bei Ammer angerufen. Bastian Neumeier machte eine Therapie, heute spielt er nicht mehr, dafür fing er eine Ausbildung an. Hätte es eine Beratungsstelle für Jugendliche schon vor ein paar Jahren gegeben, glaubt Ammer, wäre das Leben des jungen Mannes anders verlaufen.

Die Fachambulanz der Caritas berät während der Corona-Krise am Telefon unter 089 / 32 70 89 69-0.

© SZ vom 15.04.2020

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