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Mit einer guten Diagnostik beginnt alles: Fortschritte ermöglichen es, heute zu erkennen, welche Gehirnregionen noch gerettet werden können.
Mit einer guten Diagnostik beginnt alles: Fortschritte ermöglichen es, heute zu erkennen, welche Gehirnregionen noch gerettet werden können. (Foto: IMAGO/YAY)
  • Am Isar-Amper-Klinikum in Haar werden jährlich etwa 600 Schlaganfallpatienten in einer spezialisierten Stroke Unit behandelt.
  • Fortschritte in der Diagnostik ermöglichen es heute, auch zehn bis zwölf Stunden nach einem Verschluss noch Gehirnareale zu retten.
  • Mit Kathetern können Blutpfropfen aus verschlossenen Gehirngefäßen geholt werden, was seit 2007 zur nahezu standardisierten Behandlungsmethode wurde.
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Am Isar-Amper-Klinikum wird Schlaganfallpatienten in einer spezialisierten Notfall-Einheit geholfen. Fortschritte in der Diagnostik und Behandlung erhöhen die Heilungschancen erheblich. Etwa 600 Patienten jährlich profitieren von modernster Technologie und einem engagierten Team.

Von Bernhard Lohr, Haar

Es ist Feierabend. Der Stress ist vorbei. Man hat es sich vor dem Fernseher gemütlich gemacht. Doch plötzlich wundert sich die Frau, dass ihr Mann verwaschen spricht. Er klagt über Taubheitsgefühle im Arm. In dem Moment sollten beide nicht lange fackeln. Sie können höchstens noch die „Fast“-Checkliste der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft durchgehen. Hängt beim Lächeln ein Mundwinkel herab? Streiken die Arme beim Versuch, sie nach vorne zu strecken und die Handflächen nach oben zu drehen? Gelingt auch der einfache Satz nicht mehr fehlerfrei? Wenn ja, dann: Ran ans Telefon und die 112 wählen. Es handelt sich wohl um einen Schlaganfall.

Dabei warnt die Deutsche Hirnstiftung, bei Frauen auch auf andere Symptome wie Übelkeit, Schwindel, Verwirrtheit oder kurzzeitige Bewusstlosigkeit zu achten. Diese könnten die bekannten, klassischen Anzeichen überlagern. Gleich nach dem Anruf in der Rettungsleitstelle bekommt jedenfalls das Team der für die Region zuständigen „Stroke Unit“ Bescheid.

Eine solche Notfall-Einheit befindet sich als eine von sechs in der Region München am Isar-Amper-Klinikum (IAK) in Haar. Etwa 600 Patienten aus dem Osten der Landeshauptstadt und den angrenzenden Landkreisen kommen im Jahr dort bei Martin Marziniak und seinem Team an. „Time is Brain“, sagt Marziniak und betont, wie wichtig schnelles Handeln ist. Er wird es noch öfter sagen, bei diesem Besuch der Notfall-Einheit, die viele Menschenleben rettet.

Chefarzt Martin Marziniak am Eingang zur Stroke-Unit. Dort kommen die Patienten an, denen dann flott mit eingespielten Abläufen geholfen wird.
Chefarzt Martin Marziniak am Eingang zur Stroke-Unit. Dort kommen die Patienten an, denen dann flott mit eingespielten Abläufen geholfen wird. (Foto: Claus Schunk)

An diesem Freitag ist es gerade ruhig oben im Eingangsbereich von Haus 56 A. Kein Notfall im Moment. Und so hat der Chefarzt der Neurologie am IAK Zeit, den Weg der Patienten zu beschreiben. An der Tür würden sie empfangen, erzählt er beim Gang durchs Haus, dann gehe es per Aufzug zügig ins Untergeschoss und rein in den Raum, von dem aus der angrenzende Computertomograf (CT) gesteuert wird.

Dort herrscht auf einmal großer Betrieb. Plötzlich ist Marziniak umringt von Klinikpersonal in weißer und blauer Kluft. Radiologie-Assistent Alexander Langbein erklärt, wie er Patienten erst ein Kontrastmittel spritzt, bevor sie in das CT geschoben werden, um mithilfe von Röntgenstrahlen Schichtaufnahmen der Blutgefäße zu machen. Gerade erst habe man das Gerät auf den neuesten Stand gebracht, sagt er. Ein Behandlungszimmer weiter stehe auch ein Magnetresonanztomograf zur Verfügung, der mit Magnetfeldern und Radiowellen ergänzend exakte Bilder liefere.

Die Diagnostik hat sich stark weiterentwickelt. Mitarbeiter sitzen in dem Steuerzentrum an Bildschirmen mit Aufnahmen von Gehirnen. Marziniak erläutert, dass zunächst abzuklären sei, ob nicht etwas anderes hinter den Symptomen stecke. Es gebe Schlaganfall-Mimics, sagt Marziniak; also Krisensituationen, in denen Symptome ähnlich einem Schlaganfall aufträten, ohne dass es sich um einen solchen handele. Krisenhafte starke Ausschläge beim Blutdruck könnten dahinterstecken – oder auch ein Hirntumor. Zudem sei herauszufinden, ob es sich um einen ischämischen Schlaganfall mit einem Verschluss eines Blutgefäßes handele oder um eine Hirnblutung. Die Therapie unterscheide sich dann grundlegend.

Die Stroke-Unit wird in Kooperation mit Profis des Klinikums Rechts der Isar in München betrieben. Oberarzt Dominik Sepp ist der Fachmann für die Behandlung und macht auf eine Aufnahme eines Gehirns aufmerksam, die eine gelb eingefärbte Region zeigt. Dank fortschrittlicher Diagnostik, sagt er, könne man so erkennen, dass dieser Bereich trotz einer längeren Unterversorgung des Gehirns noch zu retten sei. Zeit sei immer noch ein entscheidender Faktor. Aber früher habe man gedacht, dass nach einigen Stunden betroffene Gehirnareale unwiederbringlich geschädigt seien. Heute mache man sich manchmal zehn, zwölf Stunden nach einem Verschluss noch an eine Therapie.

Mit Kathetern können heute Blutpfropfen aus verschlossenen Gefäßen im Gehirn geholt werden. Alexander Langbein liefert dafür als Radiologieassistent die Informationen und Oberarzt Dominik Sepp (von links) setzt den Eingriff um.
Mit Kathetern können heute Blutpfropfen aus verschlossenen Gefäßen im Gehirn geholt werden. Alexander Langbein liefert dafür als Radiologieassistent die Informationen und Oberarzt Dominik Sepp (von links) setzt den Eingriff um. (Foto: Claus Schunk)

Viele Menschen können somit hoffen, dass ein Schlaganfall wenigstens ein Stück weit an Schrecken verliert. Das Deutsche Schlaganfall-Register der Universität Erlangen geht pro Jahr von etwa 270 000 neuen Schlaganfällen in Deutschland aus und zählt die Erkrankung nach Herz- und Krebserkrankungen mit jährlich 63 000 Toten zur dritthäufigsten Todesursache. Die Erkrankung sei zudem die häufigste Ursache für eine lebenslange Behinderung bei Erwachsenen.

Nach Zahlen vom Gesundheitsatlas Bayern der AOK waren im Jahr 2023 insgesamt 182 700 Menschen in Bayern an einem Schlaganfall erkrankt, das heißt, dass sie in den vergangenen zehn Jahren eine solche Krise durchlebt haben. In der Stadt München waren es 14 900 Menschen, im Landkreis München 4300, im Landkreis Ebersberg 1900 und im Landkreis Erding 1800.

Ist ein Verschluss diagnostiziert, bekommt der Patient in der Stroke-Unit in Haar eventuell eine Lyse-Behandlung, bei der versucht wird, den Pfropfen aufzulösen. Oder es geht den Gang vom CT-Raum runter in einen Behandlungsraum gegenüber, wo sich Oberarzt Sepp mit seinem Team an einem Gerät mit einem etwa eineinhalb Meter langen Katheter von der Leiste aus durchs Blutgefäß bis an den Verschlusspunkt herantastet. Dort könne dann der Arzt an der Spitze der haardünnen Faser ein Netz ausfahren lassen, erläutert Sepp, und den Thrombus einfangen, um diesen herauszuholen. Auch ein Absaugen mit einem Absaugkatheter sei möglich – oder beides in Kombination.

Sobald die Blutzufuhr frei sei, könne das betroffene Gewebe wieder mit Blut und Sauerstoff versorgt werden. Erst im Jahr 2007 sei es erstmals einem Team in Stuttgart und kurz darauf am Klinikum Rechts der Isar gelungen, einen Thrombus, also einen Blutpfropf, mithilfe eines Katheters aus einem Gefäß zu ziehen. Mittlerweile sei das nahezu eine Standardbehandlung.

Das Thrombektomie-Verfahren mittels sogenanntem Stent-Retriever sei mittlerweile ausgereift und werde häufig angewendet, sagt Sepp. „Man schaut auch, dass man kleinere Gefäße aufbringt.“ Dominik Sepp erzählt von bewegenden Behandlungserfolgen, wie bei einem Patienten mit Mitte 20. „Er hatte einen ganz schweren Verschluss. Er ist wach geworden, und hat High-Five gegeben.“ Er hat also das ärztliche Personal mit einer Siegergeste mit der Hand abgeklatscht. Von einem „kleinen Wunder“ spricht Sepp. Einige Studien hätten nach anfänglicher Skepsis in der Fachwelt den Nutzen der Methode mehr und mehr belegt, sagt Marziniak. „Seitdem fliegt das Ding.“

Heidi Mader betont, wie wichtig ein gut eingespieltes Pflegeteam ist.
Heidi Mader betont, wie wichtig ein gut eingespieltes Pflegeteam ist. (Foto: Claus Schunk)

Die Stroke-Unit in Haar existiert seit Jahrzehnten. Aber seit einigen Jahren wird das System immer weiter verbessert und ausgebaut. Die Einheit ist durch die Deutsche Schlaganfall-Gesellschaft zertifiziert und erfüllt genau definierte Standards. Die Behandlungen würden noch weiter ausgebaut, sagt Oberarzt Sepp. Und Marziniak erklärt, dass seit Jahren Rettungswagen bei Verdacht auf Schlaganfall keine anderen Krankenhäuser mehr ansteuerten. Die Klinik Neuperlach oder das Rotkreuzkrankenhaus etwa seien außen vor. Man setze auf die Spezialisierung, in dem Wissen, dass diese Leben rette.

Manche Patienten können relativ schnell wieder nach Hause, wenn eine kurzzeitige Durchblutungsstörung diagnostiziert wurde.  Zur Stroke-Unit gehört aber auch ein Klinikbereich mit zwölf Betten, in dem akute Fälle liegen, deren Zustand permanent mit Geräten überwacht wird. Die Daten werden auf Bildschirme in den Pflegestützpunkt übertragen. Ebenfalls angegliedert ist ein Bereich mit 20 Betten der neurologischen Frührehabilitation, wo also kurz nach der Akutbehandlung bereits versucht wird, die Patienten wieder zu mobilisieren und Funktionen anzustoßen.

Pflegedienstleiterin Heidi Mader betont den Wert eines gut eingespielten und qualifizierten Teams auch hier. „Jeder weiß Bescheid, es muss nicht viel gesprochen werden.“ In der Reha, in der Patienten zwischen sechs Wochen und auch mal sechs Monaten seien, gebe es oft beachtliche Erfolge. „Es ist faszinierend zu sehen, was man wieder herstellen kann.“

Chefarzt Marziniak sagt, die Arbeit sei mitunter belastend. Es gehe um Leben oder Tod. Und nicht immer gehe es gut aus, was einen vor allem bei jüngeren Patienten natürlich beschäftige. Aber mit professionellen Behandlungsmethoden, auch in der weiteren Versorgung werde viel erreicht, man lege bei Schluckbeschwerden Trachealkanülen, also eine Versorgung über einen Luftröhrenschnitt, was Lungenentzündungen vermeiden helfe. Ein gutes Blutdruckmanagement stabilisiere die Patienten. Bei jungen Patienten würden routinemäßig Risikofaktoren wie Gerinnungsstörungen abgeklärt. Nicht jeder Patient werde wieder hergestellt. Aber: „Ein relevanter Anteil wird so, dass er ein selbstbestimmtes Leben führen kann.“

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