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Straßlach-Dingharting:Zu schnell gebremst

Straßlach, Straße zum Gasthaus Zur Mühle bereitet den Radfahrern und Autos Ärger, Foto: Angelika Bardehle

Auf der Mühlenstraße zum Gasthaus Zur Mühle gibt es immer wieder Konflikte - und auch schon Tote.

(Foto: Angelika Bardehle)

Gemeinderat hebt das Tempolimit auf der Mühlstraße von 20 auf 30 an - für Autos. Radler müssen bergab weiter schieben

Für ambitionierte Rennradfahrer ist die stark abschüssige Mühlstraße in Straßlach-Dingharting eine Steilvorlage für waghalsige Schussfahrten. Mit Tempo 50 und mehr brettern sie die bis zu 16 Prozent steile Abfahrt hinunter ins Isartal, wo nahe der Floßrutsche das Gasthaus zur Mühle nebst Biergarten zum Verweilen einlädt. Nicht jeder kommt heil an, es hat auch schon Todesfälle gegeben, so etwa 2014, als ein 77-Jähriger, der den Abhang ohne Helm hinabfuhr, stürzte und starb. Dabei dürfen Radfahrer auf dem steilsten, etwa 400 Meter langen Abschnitt nachweislich eines Verbotsschilds gar nicht im Sattel sitzen, und das schon seit vielen Jahren.

Mit einer Entscheidung im Juni glaubten Bürgermeister Hans Sienerth (parteilos) und der Gemeinderat, das Problem gemeistert zu haben. Laut dem Beschluss durften Radfahrer weiterhin das steile Teilstück nur bergauf, aber nicht bergab fahren, und galt für Autofahrer generell Tempo 20 ab Höhe des Friedhofs bis zum Waldrand.

Es ist noch gar nicht so viel Wasser die Isar hinunter gelaufen, da hat der Gemeinderat seinen Beschluss wieder korrigiert. In seiner jüngsten Sitzung verständigte er sich mehrheitlich auf eine Anhebung der Höchstgeschwindigkeit für motorisierte Fahrzeuge auf 30 Stundenkilometern. Mit dieser Entscheidung, die nur Sabine Hüttenkofer und Leonhard Schlickenrieder nicht mittragen wollten, reagierte der Gemeinderat auf kritische Stellungnahmen von zwei in der Mühlstraße wohnenden Bürgerinnen sowie des örtlichen Försters. Alle drei monierten dieselbe Schwäche der Tempo-20-Begrenzung: Diese geringe Geschwindigkeit an steilen Stellen nicht zu überschreiten, ist nach ihrer Meinung gar nicht so einfach. Der Förster, der täglich die Mühlstraße runter fährt zu seiner Wohnstätte im Ortsteil Epolding, hat laut Bürgermeister Sienerth gar Angst, dass ihm die Regelung irgendwann den Führerschein und damit auch seinen Jagdschein kosten werde.

"Der Gemeinderat wollte das Tempo drosseln, aber 20 war vielleicht zu weit gesprungen", sagte Sienerth der Süddeutschen Zeitung. Mit der Entscheidung im Juni habe man dem Allgemeinen Deutschen Fahrradclub (ADFC) ein "Zuckerl" geben wollen. "Ich habe mich von diesem Gedanken leiten lassen und hab' dabei übersehen, an die Belange der Autofahrer und Anlieger zu denken", gestand der Bürgermeister freimütig ein. Die Korrektur der 20er-Regelung war dabei eine freiwillige Entscheidung, denn rechtlich war die Gemeinde auf der sicheren Seite, wie das Landratsamt München laut Sienerth bestätigt hat. Der Behörde lagen nach seiner Darstellung zu diesem Fall eine Dienstaufsichtsbeschwerde zweier auswärtiger Radfahrer auf dem Tisch, die der Gemeinde aber ein rechtmäßiges Verhalten attestierte. Sienerth verschweigt auch nicht, dass seiner Meinung nach das Problem nicht auf dem Fahrersitz, sondern im Sattel sitzt. Die Autofahrern würden sich weitgehend an die Tempobeschränkung halten, viele Radfahrer aber nicht an das Fahrverbot bergab auf dem steilen Abschnitt. Kaum einer schiebe sein Rad dort runter. "Die rasen mit 50 an den Autos vorbei, klopfen aufs Wagendach und beschimpfen die Autofahrer", sagt Sienerth. Und so lange es keine Nummernschilder für Fahrräder gebe, sei eine Strafverfolgung daher nicht möglich.