Am südlichen Ortsausgang von Straßlach, kurz nach dem Gasthaus zum Wildpark und noch bevor man das kleine Gewerbegebiet am Oberfeld erreicht, hängt seit einiger Zeit ein großes Plakat: Wir suchen Erzieherinnen! Der kleinen Gemeinde geht es nicht anders als den größeren Nachbarn. Personal ist knapp, Wohnungen auch, die Mieten sind teuer. "Wir schreiben Stellen nur noch mit Wohnungen aus", sagt Bürgermeister Hans Sienerth. "Ohne geht es nicht."
Aber wie findet man passenden und vor allem bezahlbaren Wohnraum in einem Ort, in dem man sich architektonisch bereits mitten im Oberland fühlt, in dem auf den ersten Blick jeder ein eigenes Haus oder wenigstens eine Doppelhaushälfte bewohnt und eine dazugehörige Doppelgarage nichts Besonderes ist? In einer Gemeinde mit kleinen ländlich strukturierten Ortsteilen, in denen man Geschosswohnungsbau und Mietwohnungen wirklich suchen muss? Die Antwort lautet: Die Gemeinde baut selbst.
25 Mehrfamilienhäuser zählt der parteifreie Bürgermeister zwar in seiner 3400 Einwohner-Gemeinde. Nie mehr als sechs bis acht Parteien wohnen darin, oft sind aufgelassene Höfe in den vergangenen zwanzig Jahren umgebaut worden. Und doch reicht das nicht. Straßlach-Dingharting ist keine Ortschaft irgendwo im Nirgendwo, sie ist beliebt bei jungen Familien, es gibt Zuzug so wie überall rund um München. Man darf nicht vergessen: Der Münchner Marienplatz ist nur knapp zwanzig Kilometer entfernt, Grünwald erreicht man mit dem Auto in fünf Minuten.
Daher hat die Gemeinde vor einigen Jahren vorausschauend mit der Raiffeisenbank einen Grundstücksdeal ausgehandelt. Das Geldinstitut wollte die ursprünglich zwei Standorte in Straßlach und Dingharting in einer Filiale zusammenfassen. So tauschte man die beiden bisherigen Grundstücke der Bank gegen ein Areal im Gewerbegebiet. Dort steht das neue Gebäude der Raiffeisenbank seit vier Jahren. Das alte Haus an der Ludwig-Thoma-Straße, unweit von Rathaus, Bürgerhaus und Kinderhaus wurde diesen April abgerissen. Hier entsteht jetzt das neue Mehrfamilienhaus der Gemeinde mit sechs Wohnungen für Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen aus Betreuung und Pflege. Anfang Mai war Grundsteinlegung.
Statt 7,50 Euro kosten die neuen Wohnungen 12 bis 13 Euro pro Quadratmeter
Straßlach-Dingharting besitzt bereits ein anderes Haus mit günstigen Wohnungen, doch dort sind die ehemaligen Mieter inzwischen fast alle Eigentümer, ihre Vermögensverhältnisse haben sich im Laufe der Jahre verbessert, nur zwei Wohnungen würden dort aktuell noch für 7,50 Euro pro Quadratmeter vermietet. Damit es mit dem neuen Haus nicht ähnlich läuft und die Wohnungen dauerhaft für Leute mit wenig Geld zur Verfügung stehen, werden im Mietvertrag diesmal zwölf bis 13 Euro pro Quadratmeter stehen und die Mieter bis zu einer festgelegten Vermögensgrenze einen Zuschuss von der Gemeinde erhalten, den sie allerdings alle zwei Jahre neu beantragen müssen, erläutert Bürgermeister Sienerth das neue Modell.
Gebaut werden sechs Wohnungen in verschiedenen Größen zwischen 45 und 80 Quadratmeter groß, verteilt auf drei Geschosse. 3,5 Millionen Euro kostet das Projekt, der Freistaat Bayern beteiligt sich mit 70 Prozent. Was Sienerth zusätzlich entspannt: Nach den ersten Ausschreibungen der Gewerke hat er festgestellt, dass die Preise moderater geworden sind. "Teilweise 50 Prozent weniger als noch vor eineinhalb Jahren", sagt der Bürgermeister. Auch gebe es wieder mehr Angebote, teilweise acht Firmen meldeten sich bei der Gemeinde, zuvor hatte es oft nur einen Interessenten gegeben.
Sienerth erklärt sich das mit den gestiegenen Zinsen, "Privatleute können sich das nicht mehr leisten", sagt er, Baufirmen hätten aber ihr Personal aufgestockt und nun wieder mehr Kapazitäten. Ihn freut das vor allem auch in Hinblick auf weitere bevorstehende Baustellen in der Gemeinde: das Heizkraftwerk und eine Seniorenwohnanlage mit 68 Wohnungen. Diese sind vorgesehen für Bewohner über 60 Jahre sowie Schwerbehinderte ohne Pflegebedarf. 2026 soll das Haus am Marienweg fertig sein.
Anschließend will die Gemeinde das zweite ehemalige Raiffeisen-Grundstück überplanen, um auch in Großdingharting weiteren Wohnraum zu schaffen. Mit 3000 Quadratmetern ist das Areal dreimal so groß wie das Grundstück an der Ludwig-Thoma-Straße.

