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Stellenstreichung:Airbus will in Ottobrunn abrüsten

Ottobrunn, Taufkirchen, IABG, Airbus-Gelände an der Willy-Messerschmitt-Straße

Am Airbus-Standort Ottobrunn sind Mitarbeiter von Stellenabbau bedroht.

(Foto: Angelika Bardehle)

Von den 2500 Mitarbeitern am Standort könnten etwa 170 in den kommenden zwei Jahren ihren Job verlieren

Von Martin Mühlfenzl, Ottobrunn

Eigentlich greifen sie hinter der wenig schmucken Fassade mit den sechs großen Buchstaben auf dem Dach nach den Sternen. Nicht nur gedanklich, sondern sehr real. Die etwa 2500 Mitarbeiter bei Airbus in Ottobrunn erforschen das All, den Weg dorthin und vor allem die Betrachtung der Welt von oben mit neuester Satellitentechnik. Und natürlich, das steckt auch im Namenszusatz Defence and Space, wird hier an modernstem Kriegsgerät gefeilt.

In diesen Tagen aber beschäftigt die Angestellten des Luft- und Raumfahrtkonzerns ein sehr weltliches Thema: Airbus plant in den kommenden zwei Jahren mehr als 2300 Stellen in der Rüstungs- und Raumfahrtsparte abzubauen. Am Standort Ottobrunn/Taufkirchen könnten etwa 170 Mitarbeiter ihren Job verlieren. Derzeit arbeiten dort um die 2500.

"Es herrscht momentan schon eine ungute Stimmung am Standort", sagt ein Airbus-Mitarbeiter, der namentlich nicht genannt werden will. "Keiner weiß, was wirklich kommt, ob das nur der Anfang ist oder vielleicht doch nicht ganz so schlimm wird." Diese Unsicherheit erhält auch durch Aussagen seitens der Unternehmensführung Nahrung. Ein Unternehmenssprecher sagte am Donnerstag, im Moment könnten betriebsbedingte Kündigungen nicht ausgeschlossen werden, der Konzern werde aber "alle anderen Möglichkeiten ausschöpfen", ehe es soweit komme. In einem Schreiben an die Belegschaft hat der Betriebsrat angekündigt, um jeden Arbeitsplatz zu kämpfen. Zudem müssten betriebsbedingte Kündigungen ausgeschlossen werden, so die Arbeitnehmervertretung. "Jeder, der bleiben will, muss bleiben dürfen."

Kündigungen sind nicht ausgeschlossen. Die Politik ruft nach sozialverträglicher Lösung

Der Putzbrunner CSU-Bundestagsabgeordnete Florian Hahn bedauert die angekündigte Stellenstreichung bei Airbus. Der Verteidigungsexperte ist nach eigenen Worten von der Ankündigung überrascht worden. Airbus habe in den vergangenen Jahren zahlreiche Aufträge des Bundes erhalten. Ob unternehmerische Fehler zu der Schieflage geführt hätten, wolle er nicht beurteilen, so Hahn auf Nachfrage.

Airbus selbst begründet die Streichung von mehr als 800 Stellen in ganz Deutschland mit einem "zu geringen Neugeschäft". Seit drei Jahren schrumpfe der Auftragsbestand, dadurch sei das Unternehmen zum Handeln gezwungen, heißt es. Es gebe eine Stagnation auf dem Raumfahrtmarkt sowie "verzögerte Vertragsabschlüsse im Verteidigungsgeschäft", heißt es aus dem Konzern.

Thomas Pretzl, der Betriebsratschef der Airbus-Rüstungssparte, verweist noch auf ein weiteres Problem: das in die Jahre gekommene Kampfflugzeug Tornado, das bis 2030 ausgemustert werden soll. Die Bundesregierung wird demnächst entscheiden, ob der Eurofighter oder das US-amerikanische Flugzeug F-18 als Nachfolger bestellt wird. Sollte sich die Regierung für den F-18 entscheiden, würde die Zukunft der europäischen Luft- und Raumfahrt aufs Spiel gesetzt, warnt Betriebsratschef Pretzl.

Welche langfristigen Folgen der Stellenabbau für den Standort Ottobrunn/Taufkirchen haben wird, ist noch nicht abzusehen. Ottobrunns Bürgermeister Thomas Loderer (CSU) sagt, er bedauere die Entscheidung des Konzerns. Damit würden Lebenspläne von vielen Menschen "stark beeinträchtigt". Er erhoffe sich eine sozial verträgliche Lösung für die Mitarbeiter. "Die Erfahrungen haben aber auch gezeigt, dass Entwicklungen bei Airbus zyklisch verlaufen", sagt Loderer. "Ich glaube, dass es vor allem bei der zivilen Nutzung wieder aufwärts gehen wird und das Know-how der Mitarbeiter gefragt sein wird."

Enge Hoffnungen verknüpft Ottobrunns Rathauschef mit dem Aufbau von Europas größter Fakultät für Luft- und Raumfahrt am Ludwig-Bölkow-Campus. "Es werden hier sicher auch neue Arbeitsplätze entstehen", so Loderer. Darauf setzt auch CSU-Mann Hahn. Die Fakultät sei das "entscheidende Zukunftsprojekt" in Ottobrunn und Taufkirchen. Im Bereich Luft- und Raumfahrt werde Bayern eine globale Führungsrolle einnehmen. "Der Standort wird sich positiv weiter entwickeln", versichert Hahn. "Wir haben hier Airbus, IABG und Start-ups. Hier spielt die Zukunft."

© SZ vom 22.02.2020/case
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