Stadtradeln Boykott stößt auf Verständnis

Fest im Sattel: Gräfelfings Bürgermeisterin Uta Wüst (in der Mitte) bei der Aktion Stadtradeln 2018.

(Foto: Privat)

Nachdem die Gräfelfinger Grünen beim Stadtradeln ausscheren, bekunden auch andere Parteimitglieder Kritik an dem bloß symbolischen Charakter der Aktion. Sie machen dennoch mit.

Von Stefan Galler und Annette Jäger

Einmal im Jahr, wenn die bundesweite Aktion Stadtradeln ansteht, rühren die Gemeinden die Werbetrommel fürs Radfahren. Die Bürger sind dann aufgefordert, das Auto stehen zu lassen und für mehr Klimaschutz auf das Fahrrad umzusteigen. Die gefahrenen Kilometer werden gezählt und auf dem Projektportal im Internet gemeldet oder über die Stadtradeln-App auf dem Mobiltelefon. In diesem Jahr findet die Aktion von 29. Juni bis 19. Juli statt. Wer geglaubt hat, dass insbesondere die Grünen an dieser bundesweiten Aktion vorbehaltlos Gefallen finden, sieht sich nun getäuscht. Während beispielsweise in Taufkirchen der Grünen-Bürgermeisterkandidat David Grothe die Kampagne zum Anlass nimmt, 21 Tage lang keinen Meter mit dem Auto zurückzulegen, geht man in Gräfelfing den gegenteiligen Weg: Dort boykottieren die Grünen heuer den Wettbewerb. Der Ort sei eine "durch und durch autogerechte" Gemeinde, monieren sie.

Beim Stadtradeln sind Vereine, Schulen, Firmen, Praxen und Privatleute aufgefordert, alleine oder in Teams in drei Wochen möglichst viele Kilometer zu radeln, Die Gräfelfinger schafften 2018 mit 117 Teilnehmern knapp 30 000 Kilometer. Doch diese Marke dürfte ohne die tatkräftige Mithilfe des Ortsverbands der Grünen/Unabhängige Liste nicht leicht zu toppen sein. Durch seine Haltung will der Ortsverband darauf aufmerksam machen, dass eine relevante Verlagerung des Verkehrs auf das Fahrrad mit den bestehenden Mehrheiten im Gemeinderat nicht zu machen ist, heißt es in einer Mitteilung des Ortsverbands. Er beklagt die schlechte Infrastruktur für Radfahrer. "Symbolische Aktionen ohne entschiedenes Handeln für die Verkehrswende bringen uns da nicht weiter", sagt der Bürgermeisterkandidat der Grünen/Unabhängigen Liste, Martin Feldner, der im Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) engagiert ist.

"Es handelt sich nur um eine Werbemaßnahme."

Der Landtagsabgeordnete und Kreisrat Markus Büchler aus Oberschleißheim hat für die Entscheidung seiner Parteikollegen "Verständnis", wie er sagt. Und das, obwohl er den Beitrag der Aktion Stadtradeln zu einem Umdenken in der Gesellschaft als wertvoll erachtet: "Aber man darf nicht vergessen, dass es sich um eine Werbemaßnahme, eine Marketingkampagne handelt. Und wenn eine Gemeinde bis auf diesen kurzen Zeitraum des Stadtradelns immer nur Verkehrspolitik zugunsten des Autos macht, dann kann ich nachvollziehen, dass man sich ausklinkt", so Büchler. Er selbst habe einen solchen Boykott auch schon einmal für seinen eigenen Ortsverband in Oberschleißheim erwogen, dann aber wieder verworfen.

Dabei gibt es offensichtlich verschiedene Ansichten darüber, ob eine Gemeinde eine den Radlern zugewandte Politik macht. Roland Strecker, Radverkehrsbeauftragter der Gemeinde Gräfelfing, sagt etwa, dass sich in der Würmtal-Kommune zu 98 Prozent gut mit dem Rad fahren lasse. Am Rest werde gearbeitet. Bis Ende Juni rüste die Gemeinde etwa die Fahrradabstellplätze im Bereich Rößlweg am Bahnhof um und schaffe insgesamt 32 vom ADFC zertifizierte überdachte Abstellmöglichkeiten. Strecker geht davon aus, dass aus dem vom Gemeinderat beschlossenen Verkehrskonzept weitere Verbesserungen für Radfahrer resultieren.

Auch in anderen Landkreisgemeinden bestehe dringender Handlungsbedarf, wie Christoph Nadler, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Kreistag, erläutert. Er müsse etwa als Taufkirchner mit vielen Defiziten leben: "Am Hohenbrunner Weg passen nicht mal zwei Autos nebeneinander, da ist es für Radler lebensgefährlich und an vielen anderen Stellen ebenso." Deshalb wird es am Samstag, 6. Juli, eine von den Grünen organisierte "Radldemo" geben, Treffpunkt ist um 14 Uhr am Rathausplatz.

"Die Infrastruktur wird nicht angepasst."

"Immer mehr Menschen nutzen Fahrräder oder E-Bikes, doch die Infrastruktur wird nicht daran angepasst", heißt es in der von Bürgermeisterkandidat David Grothe unterzeichneten Pressemitteilung. Und weil ein vor Jahren beschlossenes Radverkehrskonzept immer noch nicht fertig ist, sei es nun nach 2015 wieder an der Zeit, für ein radlfreundliches Taufkirchen zu demonstrieren, so Grothe. Christoph Nadler verweist in diesem Zusammenhang noch einmal auf das Stadtradeln: "Sich nur in eine Datenbank einzutragen, hat keine nachhaltige Wirkung."

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Das sieht auch Claudia Köhler so. Die Landtagsabgeordnete aus Unterhaching kann den Gräfelfinger Boykott deshalb ebenfalls nachvollziehen: "Auch in unserer Gemeinde ist bisher noch wenig für die Radfahrer getan worden, aber wir Grüne betonen, dass sich das ändern muss." Ein Boykott des Stadtradelns ist für die Politikerin kein Thema: "Ich gehe es positiv an. Und immerhin spart die Aktion ja CO₂ ein, auch wenn das natürlich bei weitem nicht ausreicht."