Stadt am Rand In weiter Ferne

Ohne einen Bahntunnel gibt es keinen neuen Stadtteil

Von Ulrike Steinbacher

Für Bogenhausens nordöstliche Ecke gilt weiterhin der feste Rahmen, den das Instrument der Städtebaulichen Entwicklungsmaßnahme (SEM) vorgibt. Anders ausgedrückt: Die Leitplanken sind dort fest verankert. Doch stattdessen zerbröselt womöglich gerade das Fundament der SEM. Grundvoraussetzung für den neuen Stadtteil mit 30 000 Einwohnern ist ein Bahntunnel zwischen Daglfing und Johanneskirchen, sodass die Bahnübergänge dort verschwinden und vernünftige Straßen angelegt werden können. Das Tunnelprojekt aber kostet nach jüngsten Schätzungen 2,3 Milliarden Euro - gut dreimal so viel wie ursprünglich angenommen.

Ein Blick zurück: Ausgangspunkt für die SEM Nordost war die Idee, die S 8 als Express-S-Bahn zum Flughafen zu führen und dafür zwischen Daglfing und Johanneskirchen die Schienenstränge von Güterzügen und S-Bahnen zu entflechten. Vier statt zwei Gleise also und damit eine noch breitere Bahnschneise, vom Zuglärm mal ganz abgesehen. Daher entschieden sich SPD und CSU im Münchner Stadtrat 2012 für einen Tunnel, der zugleich den Weg für einen neuen Stadtteil im Nordosten freimachen sollte, für die SEM. Vor sechs Jahren war noch von 500 Millionen Euro Extra-Kosten für das Tunnelprojekt die Rede, die allein aus dem Stadtsäckel bezahlt werden müssen. Der viergleisige Ausbau an der Oberfläche plus Lärmschutz - die so genante Amtslösung - wurde seinerzeit auf 170 Millionen Euro geschätzt, verteilt auf Freistaat, Bahn und Stadt. Grüne, FDP und Linke im Stadtrat brachten eine dritte Variante ins Spiel: einen offenen Trog für die Züge samt Lärmschutzbauten und begrünten Landschaftsbrücken. Zusatzkosten für die Stadt: 125 bis 200 Millionen Euro.

In Bogenhausen selbst stieß die Trog-Idee auf geschlossene Ablehnung, auch bei den Grünen. Weder würde damit die Barrierewirkung der Bahnstrecke beseitigt noch die Lärmbelastung, hieß es. Für Lokalpolitiker aller Couleur kommt bis heute nur ein Tunnel in Frage, wenn das Großquartier im Nordosten gebaut werden soll. Der Stadtrat sah das lange Zeit genauso. Er bestätigte seinen Beschluss von 2012 zuletzt im Juni 2016. Doch die jüngste Kostenschätzung scheint dies in Frage zu stellen.

Die Amtslösung schlägt danach mit 757 Millionen Euro zu Buche, die Tunnel-Variante mit 2,27 Milliarden. Sie besteht genau genommen aus drei Tunneln: in der Mitte eine Röhre mit zwei Gleisen samt Bahnhöfen für die S-Bahnen und seitlich in jede Richtung je ein Tunnel für Güterzüge und Express-S-Bahnen. Das ist die billigere Variante. Sollte aber die U 4 bis Englschalking verlängert und mit der S 8 verknüpft werden, müssen auch die Expresszüge in Englschalking halten und durch die mittlere Röhre rauschen. Dafür wären Weichen notwendig, die das Projekt laut Planungsreferat "deutlich verteuern".

"Am Ende ist das sicher eine enorme Summe", sagt Stadtbaurätin Elisabeth Merk. Eine Unterführung des Hauptschienenstrangs ist aber ihrer Meinung nach "auch die nächsten hundert Jahre sinnvoll". Dennoch ist aus der Stadtrats-CSU zu hören, man wolle die Landtagswahl abwarten. Xaver Finkenzeller, CSU-Fraktionssprecher im Bezirksausschuss Bogenhausen, rechnet sogar damit, dass sich eine Entscheidung bis nach der Kommunalwahl 2020 verzögert. Der Tunnel sei "so weit weg wie schon lange nicht mehr". Doch ohne ihn könne es keine SEM geben, sagt Finkenzeller.