Bundestagswahl im Landkreis München:Neue Lust aufs Anbandeln mit der SPD

Bundestagswahl im Landkreis München: Korbinian Rüger im Gespräch mit Bürgern. Der altgediente Sozialdemokrat Volker Panzer (Mitte) hat verdrießlichere Zeiten erlebt.

Korbinian Rüger im Gespräch mit Bürgern. Der altgediente Sozialdemokrat Volker Panzer (Mitte) hat verdrießlichere Zeiten erlebt.

(Foto: Claus Schunk)

Lange litten die Sozialdemokraten unter Häme und Verliererimage. Zum Ende des Bundestagswahlkampfs erfährt Kandidat Korbinian Rüger an Infoständen ungeahnten Zuspruch. Mancher Parteifreund kann es gar nicht fassen.

Von Iris Hilberth, Unterhaching

Jede Menge Taschentücher hat der SPD-Ortsverein an diesem Donnerstagmittag auf dem Stehtisch seines Wahlkampfstands im Unterhachinger Ortszentrum gestapelt. "Nicht weinen, wählen!" steht auf den Packungen. Nach vielen Wahlen in den Jahren zuvor hatten die Sozialdemokraten ihre eigenen Werbemittel wohl nutzen müssen, um Tränen zu trocknen. Diesmal glaubt man, sie dafür am Sonntag nicht zu brauchen. Alles fühlt sich plötzlich ganz anders an. So gar nicht zum Heulen. Die Stimmung ist gelöst, es wird viel gelacht, auch mit den Passanten. Die greifen tatsächlich zu, wenn die Wahlkämpfer ihnen Flyer anbieten. Sie kommen mit konkreten Fragen. Sie wollen den Kandidaten kennenlernen. Und dann radelt auch noch einer vorbei, der laut ruft: "Es lebe die SPD!"

Kann das sein? Volker Panzer, einst Zweiter Bürgermeister in Unterhaching, und mittlerweile 80 Jahre alt, stellt erstaunt fest: "Dass ich das noch erleben darf." Für einige, die hier am Stand für die Sozialdemokraten werben, ist ein solcher Zuspruch eine ganz neue Erfahrung. "Da weiß man fast gar nicht, wie man reagieren soll", sagt Ramona Greiner, die das Wahlkampfteam leitet. Die Partei ist im Aufwind und mit ihr der eigene Kandidat. Korbinian Rüger, dem man zu Beginn des Wahlkampfs kaum Chancen im direkten Vergleich mit CSU-Mann Florian Hahn und dem Grünen Anton Hofreiter eingeräumt hat, gilt plötzlich als dritter möglicher Sieger im Wahlkreis München-Land. Eine Umfrage hat jüngst alle drei eng beieinander gesehen. Es fühlt sich auch so an, als sei noch alles möglich, bestätigen die Wahlkämpfer in der Unterhachinger Fußgängerzone.

"Ist er das?", fragt eine ältere Dame, die sich dem Stand mit dem roten Sonnenschirm nähert. Ja, das ist er, Korbinian Rüger, der Mann vom Plakat vorne auf dem Rathausplatz. Inzwischen wird er erkannt, obwohl noch vor drei Monaten außerhalb der Partei kaum einer etwas mit dem Namen des 32 Jahre alten Universitätsdozenten aus Planegg anfangen konnte. "Es war richtig, in allen Gemeinden früh und viel zu plakatieren", stellt Greiner fest.

Rüger war aber auch außerordentlich fleißig unterwegs, hat bei vielen Veranstaltungen diskutiert und an etwa 5000 Haustüren geklingelt, um sich und seine Themen vorzustellen. "Er ist dabei zugewandt, fröhlich und ruht zugleich so in sich, dass der Funke überspringt", beschreibt die Landtagsabgeordnete Natascha Kohnen den Kandidaten. Den Erfolg bei den Menschen, die Sympathien, die ihm entgegen gebracht werden, erklärt sie so: "Man merkt, er macht das aus Überzeugung."

Wie anders auch sollte man in einen Wahlkampf gehen, bei dem alle sagen, man komme eh nicht in den Bundestag. Noch nicht einmal über die Liste, denn auf der steht Rüger gar nicht drauf. Will man, dass er den Landkreis zukünftig in Berlin vertritt, muss man ihm die Erststimme geben. Das erklärt er den Leuten im Gespräch. Viele wissen das gar nicht. Und einige lassen sich überzeugen. Von seiner Art, seiner Argumentation, auch von seinem Alter. "Es gibt viele, die wollen einen jungen Abgeordneten", hat Kohnen festgestellt.

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"Ja, es war ein ziemlich aussichtsloser Kampf", gibt Rüger zu. Doch obwohl er nicht all zu viel auf besagte Umfrage geben will, spürt auch er, wie die Kurve für die SPD und für ihn nach oben gegangen ist. Es freut ihn, dass der Wahlkampf im Landkreis inzwischen als Dreikampf gesehen wird. Die Gespräche mit den Wählern seien oft sehr positiv, berichtet er. Die Leute bekunden ihm ihre Sympathien. Manch einer bedauere nach einem Kennenlernen sogar, schon gewählt zu haben. So war das auch bei einer Begegnung mit einem Ehepaar aus Sauerlach. Das hatte auch schon die Briefwahlunterlagen ausgefüllt, als es mit Rüger sprach. "Ein paar Tage später haben sie mir dann eine Mail geschrieben, sie hätten die Unterlagen weggeworfen und neue beantragt. Sie haben dann mich gewählt", erzählt Rüger, und man merkt, wie sehr ihn das gefreut hat.

Solche Erlebnisse geben ihm weiter Motivation. Genauso wie die Aussage einer Bekannten seiner Wahlkampfleiterin, die im Landkreis zwar nicht wählen kann, häufig aber an seinen Plakaten vorbeikommt und denkt: "Der sieht nicht nur gut aus, mit dem will man auch reden." So etwa ging es auch den Seniorinnen, die bei der Unterhachinger Radl-Ambulanz mit Rüger ins Gespräch kamen. Es wurde klar: Der Kandidat gefällt ihnen. Und er hat etwas zu sagen. Über Gerechtigkeit, über Klimawandel, über Mindestlohn, viel über Europa.

Die neue Anbandelung mit der SPD hat aber auch viel mit den Kanzlerkandidaten zu tun. "Man hat das vor allem seit dem Lacher von Laschet in der Flutkatastrophe gemerkt", sagt Greiner. Von diesem Zeitpunkt an seien die Leute vermehrt auf ihre Partei zugekommen, hätten sich informiert, über Olaf Scholz und darüber, was die SPD so zu sagen hat. Zunehmend waren deren Kandidaten interessant. "Es hatte bei der letzten Wahl kurz einen Schulz-Hype gegeben. Aber an Infoständen habe ich das so noch nie erlebt", sagt sie. Und die Taschentücher? Ortsvereinsvorsitzende Sabine Schmierl ist zuversichtlich: "Die heben wir für die Freudentränen auf."

© SZ vom 24.09.2021/hilb
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