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Sozialdemokraten:Ein Talent weniger

Hofbräuhaus SPD, Wahlkampfauftakt der SPD-Bundestagskandidatin von München-Land, Bela Bach aus Planegg

Abgang: Bela Bach kandidiert nicht mehr für den Vorsitz der SPD München-Land.

(Foto: Florian Peljak)

Nach dem überraschenden Rückzug der Planeggerin Bela Bach als Vorsitzende der Kreis-SPD muss sich die Partei an der Spitze neu sortieren. Annette Ganssmüller-Maluche schließt eine Kandidatur nicht aus.

Von Martin Mühlfenzl

Ob der "Dreistufenplan" noch eingehalten wird, ist seit vergangenem Mittwoch mehr als fraglich. Das Modell der drei Etappen hatten einst Natascha Kohnen und Peter Paul Gantzer entworfen. Es besagt, dass Bela Bach - die von der Chefin der Bayern-SPD und dem ehemaligen Landtagsabgeordneten aus Haar stets protegiert worden war - drei Anläufe brauchen wird, um ein Bundestagsmandat zu erringen. Die Wahl zur Vorsitzenden des SPD-Unterbezirks München-Land im März 2015 sollte Bach helfen, an Popularität zu gewinnen, eigene Strukturen innerhalb und außerhalb der Partei aufzubauen - für den Sprung nach Berlin - als eine der jüngsten Abgeordneten.

Am vergangenen Mittwoch hat die 28-jährige Planeggerin Bach in der Vorstandssitzung der Kreis-SPD nun aber einen teilweisen Rückzug aus der Politik vollzogen. Bach kündigte an, beim Parteitag des Unterbezirks, der voraussichtlich im Juni stattfinden wird, nicht mehr für den Vorsitz zu kandidieren. Mit ihr, bestätigte Bach der Süddeutschen Zeitung, werden sich auch der stellvertretende Vorsitzende Rainer Oesmann aus Ismaning und Kassier Albert Kirnberger aus Unterföhring aus dem Vorstand zurückziehen.

"Sie war ein echter Lichtblick."

"Weil es für jede Situation das passende Zitat gibt", kommentierte Bach auf Instagram ihren eigenen Post am Donnerstagabend. "We're done here" ist auf einem Bild des Charakters Lyanna Mormont aus der Serie Game of Thrones zu lesen - "Wir sind hier fertig". Lyanna Mormont, die als Kind Herrscherin eines der mächtigsten Häuser der Kultserie wird, die Auseinandersetzung mit Lords und den Kampf nicht scheut; Entscheidungen aber nicht einem Impuls folgend, sondern nach klarer Abwägung trifft. Und zwar meist sehr kluge. Ist Bach nur ein Game of Thrones-Fan oder erkennt sie persönlich Parallelen zu der mutigen kleinen Frau aus der Serie?

Landesparteitag der SPD Bayern - Natascha Kohnen

Fordert Jugend und Erfahrung: Natascha Kohnen.

(Foto: Daniel Karmann/dpa)

Sie sei das größte politische Talent, das wir im Landkreis München haben, hat ihr großer Förderer Peter Paul Gantzer stets über Bach gesagt - und sieht das noch heute so. "Sie hat wirklich Talent. Und zwar ein Talent, das man fördern muss. Davon gibt es in der SPD nicht so viele", sagt Gantzer, als er am Freitag vom angekündigten Rückzug Bachs erfährt. "Das macht mich schon traurig. Sie war ein echter Lichtblick." Gantzer und Kohnen waren es, die Bach stets unterstützt haben, ihr zur Kandidatur für den Bundestag geraten haben - mit der Aussicht, dass die Kreis-SPD nach dem Ausscheiden Otto Schilys aus dem Parlament im Jahr 2009 endlich wieder einen Abgeordneten stellen könnte.

Bei der Bundestagswahl 2009 scheiterte Ingrid Lenz-Aktas, vier Jahre später versuchte es erstmals Bela Bach - im Alter von 22 Jahren. Bei Stufe eins kam sie auf respektabele 20,3 Prozent der Erststimmen, verpasste aber aufgrund eines schlechten Listenplatzes den Einzug in den Bundestag. Im Jahr 2017 rechnete sich die Planeggerin dann ernsthafte Chancen aus, Listenplatz 20 in Oberbayern sollte doch reichen und Stufe drei eigentlich verzichtbar machen, so der Irrglaube. Denn die SPD stürzte dramatisch ab, Bach selbst erhielt lediglich 16,3 Prozent der Erststimmen. Seitdem sitzen nur noch 18 oberbayerische Sozialdemokraten im Bundestag. Womöglich war dieser frustrierende Abend der Auslöser für ein Umdenken bei der angehenden Juristin, die nach dem Tod des Ebersbergers Ewald Schurer erste Nachrückerin auf der Liste ist.

Fünf in 45 Jahren

25 Jahre lang hatte Peter Paul Gantzer den Unterbezirk geführt, von 1974 bis 1999. Als er das Feld für den damals 30-jährigen Marcel Schaller räumte, war nicht absehbar, dass der große dominante Mann der Kreis-SPD nur acht Jahre später maßgeblich am Ende der politischen Karriere seines Nachfolgers beteiligt sein würde: Schaller wäre gerne Landtagskandidat geworden - und scheiterte krachend an Gantzer. Womit die Verantwortung im Unterbezirk 2007 an Ingrid Lenz-Aktas überging, doch auch sie kam in einer Nominierungsversammlung für den Landtag an Gantzer nicht vorbei. Und machte 2013 Platz für Natascha Kohnen, die wegen ihrer immer exponierteren Stellung in der Bayern-SPD 2015 das Zepter an Bela Bach weitergab. stga

Bela Bach ist am Freitag in Innsbruck, als sie über ihren Entschluss vom Mittwoch spricht. Die Berge sind eine ihrer großen Leidenschaften - und hier ganz nah. "Es sind berufliche Gründe", sagt Bach. "Meine Dissertation steht an, ich will und muss das in einer bestimmten Zeit schaffen und ich will auch einen Forschungsaufenthalt im Ausland machen." Gerade mit Blick auf die so wichtige Kommunalwahl im Frühjahr 2020 sei es elementar, sagt Bach, dass jemand die Organisation und den Wahlkampf in die Hand nehme, der "die Zeit hat und vor Ort ist". Sie werde sich weiter kommunalpolitisch engagieren, sagt Bach, als Kreisrätin und auch im Kommunalwahlkampf. "Aber jeder Tag hat eben nur 24 Stunden." Ihre beruflichen Ambitionen seien mit dem Amt der Kreisvorsitzenden nicht mehr vereinbar.

Es müssen Gräben zugeschüttet werden

Der Unterbezirk München Land muss sich nun in einer entscheidenden Phase neu aufstellen - und es müssen wohl auch Gräben zugeschüttet werden. Nach dem verheerenden Ergebnis bei der Landtagswahl am 14. Oktober vergangenen Jahres entbrannte in der Partei nicht nur ein Streit um die künftige Ausrichtung, sondern auch um die Rolle der Vorsitzenden der Bayern-SPD, Natascha Kohnen. Dass mögliche Nachwehen dieses Streits bei Bachs Entscheidung eine Rolle gespielt haben, glaubt die Neubibergerin Kohnen nicht. "Für mich sind die Debatten seit dem Parteitag beendet und wir haben alles geklärt", antwortet Kohnen auf die Frage, ob atmosphärische Störungen im Binnenverhältnis Bela Bach zu ihrem Schritt bewogen haben könnten. Bach hatte nach der Landtagswahl ein Thesenpapier mit unterschrieben, das Kohnens Landtagswahlkampf massiv kritisierte, der SPD-Chefin die Hauptverantwortung für nur noch 9,7 Prozent im Freistaat gab und ihr den Rücktritt als Parteichefin nahelegte. Auf das Verhältnis zu Kohnen angesprochen, sagt Bach nur: "Ich habe das Thesenpapier unterschrieben. Das steht für sich."

Für die meisten in der Partei kommt der Schritt Bachs überraschend, doch rundum äußern Genossen Verständnis. "Der Beruf muss im Vordergrund stehen, in dieser Phase muss ein Mensch auch egoistisch sein, und eine Dissertation schreibt sich nicht von selbst", sagt die SPD-Fraktionssprecherin im Kreistag, Ingrid Lenz-Aktas. "Ich war selbst SPD-Vorsitzende, ich weiß, was für ein Aufwand mit dem Amt verbunden ist." Grasbrunns Bürgermeister und Kreisrat Klaus Korneder sagt, er wisse, dass es kaum möglich ist, das politische Engagement mit beruflichen Herausforderungen zu vereinbaren, das müsse akzeptiert werden.

Auch Annette Ganssmüller-Maluche, die Bela Bach im internen Kandidatenrennen 2015 unterlegen war, sagt, sie bedauere Bachs Entscheidung sehr, könne sie aber verstehen. Sie war über Bachs Schritt zwar informiert, konnte aufgrund eines Marderschadens am Auto aber nicht an der Vorstandssitzung teilnehmen. "Ich muss mich jetzt erst noch umfassend informieren", sagt sie. Nach ihrer Niederlage wurde Ganssmüller-Maluche Bachs Stellvertreterin im Unterbezirk; das war keine Selbstverständlichkeit angesichts der Ereignisse rund um die Wahl der Vorsitzenden im Jahr 2015, die von persönlichen Anfeindungen und Attacken begleitet worden war. Seitdem sei ihr Verhältnis "von Jahr zu Jahr" besser geworden, sagt die Ismaningerin, "wir verstehen uns sehr gut". Bach sagt, Ganssmüller-Maluche sei "meine Freundin " geworden.

Annette Ganssmüller-Maluche.

(Foto: Claus Schunk)

Natascha Kohnen lobt Ramona Greiner

Wird sie nun auch ihre Nachfolgerin? Ganssmüller-Maluche schließt das nicht kategorisch aus. Sie sagt, es wäre komisch, wenn sie nach ihrer Kandidatur vor vier Jahren nicht zur Verfügung stehen würde. "Mir liegt der Kreisverband sehr am Herzen." Einer erneuten Kampfkandidatur aber werde sie sich nicht stellen, sagt die stellvertretende Landrätin. Wichtig sei jetzt "Stabilität und Ruhe" in den Unterbezirk hineinzubekommen - im Schulterschluss mit den SPD-Bürgermeistern. "Die sind die Basis für unseren Erfolg im Landkreis", sagt Ganssmüller-Maluche. Einen "geordneten Prozess", bei dem "Junge und Erfahrene" einbezogen werden müssen, fordert auch Natascha Kohnen. Sie lobt etwa die bisherige Schriftführerin im Kreisverband, Ramona Greiner aus Taufkirchen. Die gehört mit 31 Jahren noch zu den Jusos - wie auch Bela Bach.

Ramona Greiner aus Taufkirchen ist Schriftführerin im SPD-Kreisverband.

(Foto: OH)

Für die SPD steht viel auf dem Spiel, die Kommunalwahl wird zum Härtetest für die Sozialdemokraten, die noch eine Macht sind. Sie stellen in zehn von 29 Kommunen den Bürgermeister - die CSU nur in neun. Noch ist die SPD mit 16 Kreisräten zweitstärkste Fraktion im Kreistag. Mit Bela Bach. Ob sie mit dem Ende ihrer Zeit als Vorsitzende auch all ihre politischen Ambitionen aufgibt? "Diese Frage stellt sich nicht. Ich habe den Vorsitz ja nicht wegen eines möglichen Mandats übernommen, sondern um Politik zu gestalten", sagt sie. "Und ich bereue nichts."

© SZ vom 27.04.2019/hilb
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