Solln-Prozess in München:Dominik B. und die Spur der Wahrheit

Die juristische Aufarbeitung des Solln-Prozesses lässt das Drama um Dominik Brunner in neuem Licht erscheinen. Zunehmend relativiert sich das Bild vom makellosen Helden. Ein Fiasko? Nein, eine Chance.

Tobias Dorfer

Die Öffentlichkeit schafft sich ihre Helden und Versager unentwegt selbst. Im Fall von Dominik Brunner und der Bluttat von Solln waren die Rollen schon vor dem Prozess klar verteilt.

Brunner starb an Herzstillstand - Anklage bleibt bei Mord

Das Grab von Dominik Brunner in Ergoldsbach: Das Denkmal des Helden bekommt vor Gericht Grautöne - und das tut dem Bild von Dominik Brunner in der Öffentlichkeit gut.

(Foto: dpa)

Auf der einen Seite zwei Jugendliche, Markus Sch. und Sebastian L., junge Männer ohne Zukunft und mit erhöhtem Gewaltpotential. Zwei "Loser", die vom Rest der Gesellschaft längst abgehängt sind und die ihrerseits vom Leben nicht viel mehr erwarten als den nächsten Joint oder eine Flasche Bier, um die Widrigkeiten des Alltags zu ertränken.

Als "Killer-Pack" hat Bild die Täter Markus Sch. und Sebastian L. bereits abgestempelt - lange bevor der Prozess überhaupt begann.

Und dann ist da Dominik Brunner, 50 Jahre alt, der Prototyp des engagierten Bürgers. Ein Mann mit Gewissen. Einer, der nicht wegschaut, wenn in der S-Bahn Schüler "abgezogen" werden. Einer der den Mund aufmacht. Der mühelos in jedem Gewalt-Präventions-Video der Polizei auftreten könnte. Ein Held. Das Schicksal hat es gewollt, dass ihm sein Mut und seine Hilfsbereitschaft zum Verhängnis wurden.

Wer gut ist und wer böse, das war bereits vor diesem Prozess klar. Medien und Beobachter sehnen sich nach solchen Geschichten, sie bilden sich ihre Meinung schnell - und waren lange nicht bereit, die Grautöne in dem Drama von Solln zu sehen. Weil alles doch so einfach war.

Zu einfach?

Sechs Verhandlungstage ist der Prozess vor dem Münchner Landgericht alt und grob gesagt stimmt die Formel noch immer: Dominik Brunner hat sich vorbildlich schützend vor die Jugendlichen gestellt, es kam zu einer Prügelei und hätte der Manager keine Schläge einstecken müssen, wäre er heute wohl noch am Leben.

Wer hat zuerst geschlagen?

Doch dann verschwimmt das Bild und gibt den Blick frei auf ein Drama, das mit schwarzen und weißen Farben nur unzureichend gezeichnet werden kann. Während der Verhandlungen ist herausgekommen, dass Dominik Brunner an einer Herzerkrankung litt, von der er selbst allerdings nichts gewusst haben soll. Letztlich ist er an einem Herzstillstand gestorben und nicht unmittelbar an den Folgen der Schläge. Es hat nicht wenige verwundert, dass diese - der Staatsanwaltschaft bekannte Tatsache - erst während des Prozesses zur Sprache kam.

Zeugen haben beschrieben, dass der "Held von Solln" - ein begeisterter Kampfsportler - selbst zuerst geschlagen haben soll. "Herr Brunner ist mit zwei Schritten auf die beiden jungen Männer zugegangen und hat zugeschlagen", hat der Fahrer der S-Bahn gesagt. Seine Schlussfolgerung: Brunner "hätte einfach nur gehen müssen". Dann wäre nichts passiert.

Es gilt inzwischen als unstrittig, dass Brunner am Bahnsteig von Solln eine Kampfposition einnahm. Dass er die Hände anhob, dass er tänzelte wie ein Boxer, sich mit einem Ausfallschritt auf Sebastian und Markus zubewegte - und Letzterem einen Faustschlag ins Gesicht verpasste. Erst danach sei Markus Sch. "ausgetickt" - er hatte Tränen in den Augen.

War Dominik Brunner also selbst schuld an der Eskalation des Streits? Auch das wäre zu einfach. Denn die Zeugen widersprechen einander. Wolfgang A., 49, wird an diesem Mittwoch vernommen. Er saß in jener S-Bahn, er schaute - mit dem Rücken zur Fahrtrichtung - direkt durch das Fenster auf die Szenerie am Bahnsteig. A. bestreitet nicht, dass Dominik Brunner die beschriebene Haltung eingenommen hat, er spricht jedoch von einer "Verteidigungshaltung". Markus Sch. habe beiläufig einen Schlüsselbund aus der Hosentasche gezogen und zwischen die Finger geklemmt. Sein Blick sei dabei "kalt" gewesen, "beängstigend" und "voller Verachtung". Die Tat selbst hat Wolfgang A. nicht gesehen, denn der Zug fuhr weiter. Er hat sich nicht getraut, auszusteigen.

Jene, die die Schlägerei sahen, berichten davon, wie Markus Sch. auf den am Boden liegenden Brunner eingetreten hat. Die Zeugin Maria F. hat am Dienstag erzählt, der Täter habe beim Weggehen eine Siegerpose eingenommen und die Faust in die Höhe gereckt - als wäre er ein siegreicher Gladiator im Kolosseum von Rom.

Ein Bild in Grautönen

Hier unterscheiden sich die Aussagen. Maria F. will nur Markus Sch. auf Dominik Brunner eintreten sehen haben. Sebastian L. sei währenddessen hin und her gelaufen. Der Schüler Marcel L. jedoch, der bereits in der S-Bahn von den beiden Angeklagten bedroht wurde, hat beschrieben, dass beide auf Dominik Brunner eingetreten und eingeschlagen haben. So gibt ein Polizist die Vernehmung des Zeugen bei der Verhandlung am Mittwoch wieder. Auch zwei Freundinnen der Clique, die am Mittwoch befragt werden, beschreiben Sebastian L. als ruhig und besonnen - auch wenn er getrunken oder Marihuana geraucht hatte.

Wer hat recht? Die nächsten drei Verhandlungstage sollen möglicherweise auch diese Frage beantworten. Die Antwort ist vor allem wichtig, wenn es um das Strafmaß geht. Dass Sebastian L. und Markus Sch. Schuld auf sich geladen haben, dass Dominik Brunner ohne ihre Einwirkung noch leben würde, darum geht es ohnehin schon seit dem ersten Prozesstag nicht mehr.

Die kommenden Tage werden jedoch auch klären, wie die Öffentlichkeit Dominik Brunner in Erinnerung behalten wird. Viele haben ihr Urteil längst gefällt. Seine Heimatstadt Ergoldsbach wird ihm ein Denkmal aufstellen, eine Straße soll nach ihm benannt werden und eine Stiftung für Zivilcourage, die seinen Namen trägt, ist bereits ins Leben gerufen worden.

Wird der 50-Jährige als "Held von Solln" in den Köpfen der Menschen bleiben? Oder muss auch die Rolle des Opfers differenzierter betrachtet werden? Nicht nur im Zuschauerraum des Landgerichts München I gibt es Menschen, die sich gegen eine grenzenlose Verehrung von Dominik Brunner wehren, die ihm den Heldenstatus nicht ohne weiteres gewähren wollen. Und doch: Dominik Brunner wird immer ein Beispiel für Zivilcourage bleiben, als einer der aufsteht. Sein Einsatz für die bedrängten Jugendlichen wird auch in Zukunft als vorbildlich gepriesen werden.

Das Bild jedoch, das in Zukunft von ihm gezeichnet wird, kann nicht nur schwarz und weiß sein. Jeder Held vereinigt Grautöne in sich. Sie geben einer Persönlichkeit Tiefe und sind zutiefst menschlich. Das Denkmal von Dominik Brunner verträgt diese Grautöne.

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