Bundestagswahl:Tiktok ist nicht die neue Taktik

Social-Media-Manager sind Strategen für Klicks und Likes

Auf Facebook, Instagram und Twitter sind fast alle Kandidaten unterwegs.

(Foto: dpa-tmn)

Soziale Medien spielen im Wahlkampf eine wichtige Rolle, doch die meisten Kandidaten schöpfen die Möglichkeiten noch nicht aus. Die Grünen setzen sogar ganz bewusst auf ein altmodisches Mittel, um junge Wähler zu erreichen.

Von Conie Morarescu, Landkreis

Yannick Rouault steht vor einem großen Plakataufsteller. Acht nummerierte Rechtecke befinden sich auf diesem, einige mit Wahlplakaten behangen. Hippe Musik läuft scheinbar im Hintergrund. "Einmal legal ein AfD-Plakat überkleben, das wär's doch oder?", lautet die Einblendung, die Rouaults Worte visuell untermalt. Der 28 Jahre alte Direktkandidat der ÖDP im Landkreis München erklärt, die AfD-Plakatierer hätten nicht einmal bis sieben zählen können, denn sie hätten ihr Plakat auf den Platz seiner Partei gehängt. Mit sichtlichem Vergnügen klebt er das eigene Wahlplakat über das der AfD: "Sieht gleich viel besser aus."

Das 30-sekündige Video ging auf Tiktok viral, wie man so schön sagt, wenn ein Social-Media-Beitrag in kurzer Zeit sehr viele Menschen erreicht. Es wurde innerhalb von 24 Stunden mehr als 100 000 Nutzern angezeigt. Tiktok wird überwiegend von jungen Menschen genutzt. Kochvideos, Tiervideos, witzige Beiträge aus dem Alltag, aber auch Videoausschnitte aus dem Bundestag findet man dort. Möchte man als Politiker möglichst viele Erstwähler ansprechen, dann ist diese Plattform wahrscheinlich die richtige Wahl.

Bundesweit wird Tiktok vor allem von der AfD genutzt, auch die SPD hat den Kanal für sich entdeckt. Aus dem Wahlkreis München-Land ist keiner der Direktkandidaten auf Tiktok vertreten. Das Video von Rouault hat die Jugendorganisation seiner Partei veröffentlicht. Doch welche Rolle spielen solche Beiträge für das Wahlergebnis? Bringen Likes tatsächlich Stimmen?

Das sei unmöglich festzustellen, betont Jasmin Siri. Sie ist Professorin für Politische Soziologie an der Universität Erfurt und beschäftigt sich wissenschaftlich mit dem Thema Digitalisierung in der Politik. Warum ein Beitrag eine hohe Reichweite erzielt, könne niemand sagen: "Der Algorithmus der Anbieter, der entscheidet, wie vielen Menschen ein Post gezeigt wird, ist ein großes Geheimnis. Die Reichweite ist abhängig von sehr vielen Faktoren."

Die sozialen Medien als Wahlkampfinstrument spielen für die Forschung erst seit der Bundestagswahl 2017 eine bedeutende Rolle, wie die Expertin erklärt. Während der Corona-Pandemie habe es in Deutschland zwar einen Digitalisierungsschub gegeben. Aber: "Wir stehen hier immer noch am Anfang", sagt Siri über die Rolle der Sozialen Medien bei der diesjährigen Wahl.

Das Thema wird denn auch teilweise noch stiefmütterlich behandelt. Facebook und Instagram gehören zwar bei den meisten Parteien zum Standard, doch auf Trends aufzuspringen, fällt sichtlich schwer. Bei der Bundestagswahl spielen die persönlichen Kanäle der Direktkandidaten eine übergeordnete Rolle. Nicht jeder oder jede von ihnen hat die Zeit oder ist motiviert, sich in den Sozialen Medien zu engagieren. Es fehle in vielen Fällen an Knowhow, stellt Jasmin Siri fest. Der Wahlkampf ist zudem größtenteils ehrenamtlich organisiert. Der zeitliche Aufwand, um die Kanäle regelmäßig mit Inhalt zu speisen, ist groß.

Selbst der CSU-Bundestagsabgeordneter Florian Hahn, der viel Unterstützung bei seinem Wahlkampf genießt, verrät, dass hinter seinem Social Media-Auftritt keine professionelle Strategie steckt. Natürlich würden einige Inhalte, gerade die Video-Posts, zusammen mit seinem Wahlkampf-Team erstellt, doch gebe es keine festgelegte Leitlinie. "Die Ideen und Aussagen stammen alle von mir selbst", sagt Hahn. Das gilt auch für seine teils sehr scharf formulierten Tweets. "Das ist selbst für einen AFDeppen unterirdisch", lautet ein Kommentar über einem Zitat. Auch seine Einstellung gegenüber der Linken macht er mehr als deutlich. "Der dümmlichste Tweet des Tages - noch dazu von einer Partei, die SED-Nachfolgerin ist", kommentiert Hahn. "Twitter lebt vom Schlagabtausch", antwortet Hahn, auf den Tonfall seiner Tweets angesprochen. Wenn die Linke Sachverhalte verharmlose, dann könne man dort durchaus abfällig werden.

Diesen Weg möchte Ramona Greiner nicht gehen: "Was Hans über Sabine sagt, sagt mehr über Hans aus als über Sabine", findet die Wahlkampfmanagerin des SPD-Direktkandidaten Korbinian Rüger. Beruflich hat sie viel Erfahrung im Digitalen Marketing gesammelt und ist der Meinung, bei einer Social-Media-Strategie solle man auf negative Inhalte möglichst verzichten: "Bei Kritik an anderen sollte zumindest nie der Humor fehlen." Ihre Strategie für den digitalen Wahlkampf beschreibt sie so: "Wir haben eine Mischung aus persönlichen Inhalten über den Kandidaten und inhaltlichen Aussagen der Partei zusammengestellt. Ein guter Mix ist uns da wichtig."

Mit Abstand die meisten Follower unter den Direktkandidaten kann der Grünen-Bundestagsabgeordnete Anton Hofreiter für sich verzeichnen. Auf Facebook folgen ihm rund 32 400 Abonnenten. Zur Einordnung: Zweitplatzierter im Follower-Ranking ist Florian Hahn (CSU) mit 5900 Facebook-Abonnenten. Hofreiters Beliebtheit in den sozialen Medien spiegelt zum einen seinen hohen Bekanntheitsgrad als Fraktionschef seiner Partei im Bundestag wider, ist aber auch das Ergebnis jahrelanger Arbeit. Seit acht Jahren ist er bereits bei Facebook aktiv. Seit fünf Jahren pflegt er seinen Instagram-Account. Auf Twitter verzichtet er nach eigener Aussage bewusst: Er bevorzuge inhaltsstarke Beiträge, die in der stark verkürzten Form der Tweets nicht möglich seien.

Für Grünen-Kreisvorsitzend Sabine Pilsinger sind die sozialen Medien im Wahlkampf ein wichtiges Mittel: "Wir erreichen hier zusätzliche Zielgruppen." Eine wichtige Zielgruppe sind natürlich die Erstwähler, gerade für eine Partei, die mit Aufbruch und Veränderung für sich wirbt. Warum die Grünen bislang nicht auf Tiktok vertreten sind? "Wir versuchen es in diesem Wahljahr auf dem klassischen Weg", kündigt Pilsinger an. Bald würden alle Erstwählerinnen und Erstwähler im Landkreis einen personalisierten Brief von den Grünen erhalten. "Unsere Inhalte sind wichtig. Mit der Post kommen nur noch die wichtigen Briefe", begründet sie die Maßnahme.

Die AfD dagegen setzt stark auf Social Media und hat zumindest auf Bundesebene auch Tiktok für sich entdeckt. Im Landkreis München liegt ihr Kreisverband bei den Facebook- und Instagram-Abonnentenzahlen vor allen anderen Parteien. Der AfD-Abgeordnete und Direktkandidat Gerold Otten rangiert mit rund 4600 Facebook-Abonnenten auf Platz drei hinter Florian Hahn. Von einem stiefmütterlichen Umgang mit den Sozialen Medien kann hier nicht die Rede sein. Wollen die anderen Parteien diesem Einfluss etwas entgegensetzen, reichen Angriffe in einzelnen Beiträgen auf Dauer sicher nicht aus.

© SZ vom 06.09.2021
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