SZ-Serie: Oh, mein Gott! Zwischen Himmel und Erde

Stephanie Lemke glaubt, Christen sprächen ihre Botschaft manchmal nicht aktiv genug aus. "Dabei haben wir eine super Botschaft."

(Foto: Claus Schunk)

Als Pastoralassistentin ist Stephanie Lemke quasi das Bindeglied zwischen Pfarrer und Gläubigen in Ismaning. Ihren Glauben erlebt die Seelsorgerin als ein "Plus im Leben", das viel mit Freiheit zu tun hat

Von Irmengard Gnau, Ismaning

Im kleinen Büro von Stephanie Lemke gleich gegenüber der katholische Kirche St. Johann Baptist stapeln sich die Arbeitsmaterialien. Die Erstkommunionvorbereitung läuft bereits auf vollen Touren, im April wird Lemke 122 junge Ismaninger und Unterföhringer begleiten, wenn diese zum ersten Mal das Sakrament der Kommunion empfangen. An der Wand neben einem Kreuz aus Holz hängen bunte Kinderzeichnungen.

Eine schöne Symbolik für Lemkes Aufgabe im Pfarrverband Ismaning und Unterföhring: Als Pastoralassistentin ist sie quasi ein Bindeglied zwischen Pfarrer und Gemeinde. "Man kennt die normale Welt, aber man hat eine besondere Ausbildung", so umschreibt es die 42-Jährige. Anders als Priester, die in der katholischen Kirche zölibatär leben, kann Lemke die Erfahrungen aus dem Familienleben mit ihrem Mann und den vier Kindern in ihre Arbeit einbringen.

Stephanie Lemkes Lieblings-Bibelstelle: 

"Seid fröhlich in der Hoffnung, geduldig in der Bedrängnis und beharrlich im Gebet." (Brief des Paulus an die Römer, 12,12)

Dem Glauben stand sie immer nah

Da passt es gut, dass Lemke in Ismaning und Unterföhring neben der Erstkommunionvorbereitung und Religionsunterricht unter anderem zuständig ist für die Familiengottesdienste. Dass die gebürtige Garchingerin einmal für die Kirche arbeiten würde, war nicht von Anfang an klar. Dem Glauben stand sie aber immer nah, erzählt Lemke.

Pastoralreferent

Die Entstehungsgeschichte des Berufs illustriert den langwierigen Prozess der Öffnung der katholischen Kirche gegenüber Laien in ihrem Dienst. Erst im Jahr 1969 traf die katholische Ordinariatskonferenz München und Freising die Entscheidung, neben Priestern und Diakonen auch Laientheologen als Seelsorger in den Pfarreien einzusetzen. Zwei Jahre später erhielten die ersten sieben Männer vom damaligen Kardinal Julius Döpfner die kirchliche Sendung als Pastoralassistenten. Die erste weibliche Kollegin folgte ihnen 1977. Heute sind in der Erzdiözese München-Freising knapp 330 Pastoralreferentinnen und -referenten beschäftigt. Nach dem Theologiestudium und der begleitenden Berufsausbildung beginnen Anwärter als Pastoralassistenten in einer Gemeinde ihre Berufseinführungszeit. Diese dauert drei Jahre und schließt mit der zweiten Dienstprüfung ab. Von da an dürfen sich die Seelsorger Pastoralreferenten nennen. gna

Die Garchingerin stammt aus einem katholischen Elternhaus, über Religion wurde immer offen diskutiert, "man durfte jede Frage stellen", erinnert sich Lemke. Das hat wohl auch ihr späteres Verhältnis zur Kirche geprägt. "Manche Menschen empfinden Glauben als etwas Einengendes - ich erlebe ihn als etwas Bereicherndes", erklärt Lemke und lächelt. "Ich hatte immer das Gefühl, ich habe ein Plus im Leben."

Das heißt nicht, dass der Glauben den Menschen vor allem Leid bewahren kann oder ihm Entscheidungen einfach abnimmt. "Als Christin muss ich mir mein Gewissen bilden und danach leben, ich bin stark selbst verantwortlich", sagt Lemke. Doch der Glaube ist der hochgewachsenen Frau dabei eine moralische Stütze - "und er macht Vieles leichter".

Die Auseinandersetzung mit der Kirche ist ihr Beruf

Gerade die enge Beziehung des Menschen zu Gott als Vaterfigur im Christentum schätzt die Pastoralassistentin. Ebenso beeindruckt sie die zentrale Bedeutung der Vergebung im christlichen Glauben. "Es ist schön zu wissen, dass ich immer neu anfangen kann, auch wenn ich einmal einen Fehler mache." In der öffentlichen Wahrnehmung werden diese Inhalte häufig überlagert von Entscheidungen und Taten der Institution Kirche. Dabei, findet Lemke, ist der Glauben viel weiter. "Wer oder was ist Gott, ist Jesus für mich? Das ist eine sehr persönliche Frage. Diese Aspekte gehen in der Diskussion oft unter."

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Lemke selbst hat diese Auseinandersetzung schließlich zum Beruf gemacht. Nachdem sie bei der Suche nach einem Studienfach weder in der Sozialpädagogik, noch im Lehramt das Richtige fand, kam die Garchingerin zur Theologie. Sie entschied sich für ein Studium in München und belegte zusätzlich die studienbegleitende praktische Berufsausbildung für künftige Pastoralreferenten. Ihre Wahl hat sie nicht bereut. "Man kriegt wahnsinnig viel zurück in diesem Beruf", sagt sie mit Überzeugung. "Und ich habe das Gefühl, ich mache etwas Sinnvolles."

Wenn andere erfahren, wo Lemke arbeitet, muss sie häufig erklären, was genau sie denn da tut, denn geläufig ist der Beruf der Pastoralassistentin vielen nicht. Zu Studentenzeiten gab die Antwort "Theologie" auf die Frage nach dem Studienfach sogar häufig den Anstoß zu intensiven Gesprächen über Gott und Glauben, erinnert sich die 42-Jährige. Auch das gehört gewissermaßen schon zu Lemkes Job: Durch ihr Auftreten gibt sie dem Glauben ein Gesicht.

"Wir haben eine super Botschaft."

Dass die Kirche im Alltag vieler Menschen eine immer geringere Rolle spielt, führt Lemke auf verschiedene Ursachen zurück. "Nach meiner Erfahrung interessieren sich die Leute durchaus für theologische Überlegungen", sagt sie. Eine gewisse Sehnsucht, eine Suche nach dem Sinn sei in jedem veranlagt. Ein Indiz dafür sieht sie darin, dass viele Menschen gerade in Situationen, wo es im wahrsten Sinne um Leben oder Tod geht wie die Geburt des ersten Kindes oder der Tod eines geliebten Menschen, Situationen, die die eigene Entscheidungskraft übersteigen, Glauben für sich entdecken.

Allerdings sieht Lemke ein kleines Manko quasi in der Vermittlungsarbeit: "Ich glaube, wir Christen sprechen unsere Botschaft manchmal nicht aktiv genug aus. Dabei haben wir eine super Botschaft!"

Die starke Identifikation birgt auch ein gewisses Verletzungspotenzial

Obgleich ihr Beruf sie erfüllt, erlebt Lemke auch Enttäuschungen. Dass sie manche Menschen mit der Botschaft, die sie selbst im Glauben gefunden hat, nicht erreichen kann, dass Menschen Religiöses völlig ablehnen oder sich bewusst von der katholischen Kirche abwenden etwa. Die außergewöhnlich starke Identifikation mit ihrem Arbeitgeber birgt in solch einem Fall auch ein großes Verletzungspotenzial. Trotzdem, betont Lemke, sei die Entscheidung für oder gegen den Glauben immer eine ganz persönliche, die sie zum Beispiel auch ihren Kindern offen lassen will.

"Ich denke, das macht den Glauben schön, dass man die Freiheit hat", sagt Lemke. Traurig wäre sie wohl dennoch, wenn sie einmal dem Glauben den Rücken kehren sollten. "Weil er mir so viel Kraft gibt", sagt sie und lächelt.