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SZ-Schulratgeber:Der lange Weg zur Lieblingsschule

Das Unterrichtsangebot an Schulen in München und dem Umland ist vielfältig - und manchmal weit weg von Zuhause. Viele pendeln daher - und nehmen mitunter weite Strecken in Kauf.

Von Melanie Staudinger

Romana weiß viel über die Beziehungsprobleme anderer Menschen und sie kennt die schlechtesten deutschen Gangsta-Rapper und deren manchmal frauenverachtenden Lieder. Und sie wundert sich beizeiten über die Absurditäten im menschlichen Leben. Warum zum Beispiel setzt sich ein erwachsener Mann mit Taucherbrille und Schnorchel in die S-Bahn?

Wer täglich mehr als eine Stunde im Zug sitzt, erlebt einiges. Romana tut das freiwillig. Die 17-Jährige aus dem Landkreis Starnberg besucht seit diesem Schuljahr das Luisengymnasium in der Nähe des Münchner Hauptbahnhofs. 35 Minuten dauert die Fahrt einfach, um 7.03 Uhr fährt die Bahn jeden Tag in der Früh ab. Vor 14 Uhr, manchmal auch 17 Uhr ist die Schülerin nicht wieder daheim. "Am Anfang war der Weg schon lang, aber mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt", sagt Romana. Außerdem habe sie Glück, erzählt die Schülerin. Würde sie eine Station später zusteigen, müsste sie immer stehen. So bleibt genügend Zeit, um noch einmal einen Hefteintrag anzuschauen oder Vokabeln zu büffeln.

Romana ist kein Einzelfall. Viele Schüler in München und Umgebung nehmen täglich lange Wege auf sich, um zu ihrer Wunschschule zu kommen. Genau gezählt hat die jungen Pendler noch niemand, die meisten Behörden verfügen jedoch über Statistiken, wie vielen Kindern und Jugendlichen sie eine Fahrkarte bezahlen. Spitzenreiter ist wenig überraschend die Stadt München: 7147 Schüler besuchen Bildungseinrichtungen in anderen Landkreisen, darunter 2435 Gymnasiasten und 492 Realschüler. 24 682 fahren täglich in die Stadt, die meisten davon sind Berufsschüler. Mehr Auspendler als Einpendler haben die Landkreise Ebersberg und Freising - ein Zeichen, dass viele Eltern in ihrem Heimatlandkreis nicht die passende Schule für ihr Kind finden. Anders ist das im Landkreis Fürstenfeldbruck. Dort existieren sieben Gymnasien - dementsprechend gering ist die Zahl der Gymnasiasten, die aus dem Landkreis hinausfährt (257).

Das Schulangebot dürfte der Hauptgrund fürs Pendeln sein. Die Schullandschaft ist mittlerweile so vielfältig geworden, dass nicht jeder Landkreis alle Angebot vorhalten kann. Zum Beispiel gibt es in Bad-Tölz Wolfratshausen drei Gymnasien, in denen die Schüler zwischen allerlei Fachrichtungen wählen können: naturwissenschaftlich-technologisch, musisch, sprachlich und sogar humanistisch. Ein wirtschafts- oder sozialwissenschaftliches Gymnasium gibt es allerdings nicht - ein solches findet sich wiederum zum Beispiel in Planegg, München oder Dachau.

Die Finanzierung des Schulwegs ist eine durchaus komplizierte Angelegenheit. Geregelt ist es im bayerischen Schulfinanzierungsgesetz, dem Gesetz über die Kostenfreiheit des Schulwegs und der Verordnung über die Schülerbeförderung. Demnach sind die Kommunen dafür zuständig, dass die Schüler verlässlich zu ihrer Schule kommen. Sie bekommen aber einen Zuschuss vom Freistaat - und der ist nicht gering. 318 Millionen Euro stellt die Staatsregierung in diesem Jahr bereit, was in etwa 60 Prozent der Gesamtkosten entspricht.

"Schüler öffentlicher und staatlich anerkannter Schulen haben grundsätzlich bis zur Jahrgangsstufe zehn einen Anspruch auf Schülerbeförderung zur nächstgelegenen Schule", sagt eine Sprecherin des Kultusministeriums. Sie erhielten in der Regel eine Fahrkarte für den öffentlichen Nahverkehr, die den Weg von zu Hause bis zur Bildungseinrichtung abdeckt. Die Strecke muss allerdings bei Erst- bis Viertklässlern mindestens zwei, von der fünften Jahrgangsstufe an drei Kilometer betragen. Von der elften Klasse an bekommen Familien nicht mehr alle Fahrtkosten erstattet. 420 Euro müssen sie pro Schuljahr selbst bezahlen. Diese Regelung, so sagt die Sprecherin, gilt jedoch nicht, wenn Eltern für drei oder mehr Kinder Kindergeld beziehen oder für sozial schwache Familien, die den Betrag nicht aufbringen können.

So eindeutig diese Vorgaben klingen mögen, in der Praxis führen sie immer wieder zu Problemen und zu Auseinandersetzungen vor Gericht. Strittig ist etwa der Ausnahmepassus, dass staatliche Stellen auch die Kosten für kürzere Wege übernehmen, wenn die Strecke besonders beschwerlich oder gefährlich ist. So zog kürzlich ein Vater aus München vor Gericht. Seine Familie wohne etwas weniger als drei Kilometer von der Realschule entfernt. Für seine Tochter bedeute das, dass sie mit einem etwa sieben Kilo schweren Rucksack zu Fuß zur Schule laufen müsse. Dabei habe sie mehrere gefährliche und viel befahrene Kreuzungen zu überqueren. Aus Sicht des Vaters wäre der Schulweg mit der U-Bahn einfacher und sicherer - die Stadt sah das anders und bekam vor dem Verwaltungsgericht recht. Der Familie bleiben nun zwei Alternativen: selbst zahlen oder eben doch der Fußweg.

Zu Schulbeginn und am Nachmittag ist am Echinger Bahnhof jede Menge los.

(Foto: Marco Einfeldt)

Diskutiert wird zudem, was eigentlich genau unter "nächstgelegene Schule" zu verstehen ist. Das Kultusministerium legt fest, dass die Entfernung vom Wohngrundstück des Schülers bis zum nächstgelegenen Zugang zum Schulareal ausschlaggebend ist. Das kann zu kuriosen Auswüchsen führen, wie ein Beispiel aus dem Landkreis Dachau gezeigt hat. Dort müssen Jugendliche und junge Erwachsene, die eine Fachoberschule (FOS) oder eine Berufsoberschule (BOS) besuchen und einen Zuschuss zu ihrer Fahrkarte wollen, nach Unterschleißheim oder Fürstenfeldbruck pendeln. Dorthin ist die Strecke an sich zwar kürzer, wegen der schlechteren Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr brauchen die Schüler aber länger. Würde jemand von Dachau aus in die Robert-Bosch-FOS in der Lindwurmstraße in München fahren, bräuchte er mit der Bahn gut 35 Minuten - nach Fürstenfeldbruck dauert es mehr als eine dreiviertel Stunde und nach Unterschleißheim im Durchschnitt immerhin noch 40 Minuten.

Bevor Eltern ihren Sohn oder ihre Tochter auf eine weiter entfernte Schule schicken, sollten sie sich das gut überlegen. Ihre Kinder sind morgens und nachmittags nicht nur länger unterwegs als ihre Altersgenossen, die fünf Minuten mit dem Fahrrad zur Schule fahren. Auch der Freundeskreis ändert sich. Die Mitschüler wohnen nicht mehr in der Nähe. Spontane Treffen sind eher selten möglich, die Nachmittagsgestaltung erfordert mehr Planung.

Dennoch können Eltern die Schule frei wählen. Dies allerdings gilt nur bei Realschulen, Gymnasien, FOS und BOS: Grund- und Mittelschulen sind sogenannte Sprengelschulen. Kinder besuchen in der Regel die Schule, die ihnen aufgrund ihres Wohnortes zugewiesen wird.

Pendeln zu viele Schüler, kann das schnell teuer für die Stadt oder Gemeinde werden, in der die Kinder leben. Die Wohnsitzkommune muss Gastschulbeiträge an die Schulkommune bezahlen. Die Summe liegt bei Gymnasien bei 775 Euro pro Schüler, bei Realschulen fallen 675 Euro an und bei Wirtschaftsschulen 1200 Euro. Ein Grund- oder Mittelschüler kostet 1450 Euro - allerdings nur, wenn er von seinem Schulamt einer Schule außerhalb seiner Gemeinde zugewiesen wurde, etwa weil es dort passendere pädagogische Angebote gibt. Entscheiden sich Eltern hier freiwillig für eine andere Schule als ihre Sprengelschule, fallen keine Kosten an.

Romana aus Gilching hat ihren Entschluss für das Luisengymnasium bisher nicht bereut. Sie fühle sich sehr viel wohler dort als an ihrer alten Schule und habe bereits viele neue Freunde gefunden. Einziges Ärgernis für die 17-Jährige: "Ich habe das Gefühl, dass die Bahnen immer nur nachmittags ausfallen, wenn ich heim will. In der Früh jedenfalls bin ich noch nie zu spät gekommen", sagt sie.

© SZ vom 20.03.2015

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