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SZ-Schulratgeber:Auf Achse

Auch wenn es viele Schüler nicht weit haben - der Weg zum Gymnasium in Höhenkirchen-Siegertsbrunn ist wegen schlechter Busanbindungen recht lang.

(Foto: Claus Schunk)

Jeder sechste Gymnasiast oder Realschüler aus dem Landkreis München fährt in die Stadt oder ins weitere Umland. Noch viel mehr pendeln an hiesige Schulen.

Von Ruth Eisenreich, Landkreis

Mathias liebt den Fußball. Einige Zeit lang hat er bei den Junioren von 1860 München mitgespielt, insgeheim habe er gern Profifußballer werden wollen, sagt seine Mutter. Kein Wunder, dass er sich, als es um die Wahl der Realschule ging, für die Walter-Klingenbeck-Schule in Taufkirchen entschied - eine "Eliteschule des Fußballs", an der talentierte Spieler in "Leistungssportklassen" gefördert werden. Das Problem: Mathias, der heute in die zehnte Klasse geht, wohnt in Weiding bei Ebersberg. Jeden Morgen müssen seine Eltern ihn also mit dem Auto zum Bahnhof in Ebersberg oder Kirchseeon bringen, von dort fährt er mit der S-Bahn und dem Bus noch etwa eine Stunde, um zur Schule zu gelangen.

Wie in der gesamten Region müssen auch im Landkreis München viele Kinder und Jugendliche für ihren täglichen Schulweg reichlich Geduld aufbringen. Bei manchen liegt das an einer schlechten Abstimmung der öffentlichen Verkehrsverbindungen. Andere nehmen wie Mathias freiwillig weite Wege in Kauf, um eine ganz bestimmte Schule besuchen zu können, etwa die Montessori-Schule in Neubiberg oder eine spezifische Berufsschule.

18 918 Schüler besuchen den Zahlen des Landratsamtes zufolge die Gymnasien und Realschulen des Landkreises München (andere Schulformen sowie Privatschulen sind in diesen Statistiken nicht berücksichtigt). 3505 von ihnen kommen aus der Stadt München oder aus einem anderen Landkreis, das ist beinahe jeder fünfte. Umgekehrt gibt es 3073 Schüler, die im Landkreis München leben, aber anderswo in die Schule gehen - sie machen etwa ein Sechstel der im Landkreis lebenden Gymnasiasten und Realschüler aus. Fast drei Viertel aller Einpendler leben in der Landeshauptstadt München, knapp zwei Drittel der Auspendler gehen dort zur Schule. In beiden Gruppen gibt es deutlich mehr Gymnasiasten als Realschüler.

Obwohl Mathias über den vielen Sportunterricht an der Walter-Klingenbeck-Realschule glücklich ist - die Leistungssportklassen haben hier jeden Vormittag zwei Stunden Sport, drei dieser Trainings sind "fußballspezifisch" -, habe die Familie immer wieder über einen Schulwechsel nachgedacht, sagt Mathias' Mutter Christina G.: "Aber in einer regulären Realschule hätte er sich für einen anderen Zweig entscheiden und die verlorene Zeit nachholen müssen. Das wäre ihm zu viel Lernstress gewesen." Also vertreibt sich Mathias jeden Tag zwei Stunden Zug- und Busfahrt mit Musikhören, Handyspielen oder Lernen. "Wir haben uns daran gewöhnt, aber es bleibt natürlich sehr viel Privatleben auf der Strecke", sagt seine Mutter.

An Mathias' Schule kommt den Zahlen des Landratsamts zufolge nur jeder dritte Schüler direkt aus der Gemeinde; jeder fünfte kommt aus der Stadt München oder aus anderen Landkreisen. Noch beliebter bei auswärtigen Schülern ist das Gymnasium Pullach: Hier kommt jeder zweite Schüler nicht aus dem Landkreis München. An den Gymnasien Haar, Planegg und Gräfelfing ist es jeweils mehr als jeder dritte. Am Gymnasium Oberhaching hingegen stammt nur ein Prozent, in Ottobrunn und Grünwald je vier Prozent der Schüler von außerhalb.

Die umgekehrt bei den Auspendlern aus dem Landkreis München beliebtesten Schulen sind das Gymnasium Icking (Landkreis Bad Tölz - Wolfratshausen), das Humboldt-Gymnasium Vaterstetten (Ebersberg) sowie das Albert-Einstein-Gymnasium und das Gymnasium Fürstenried West in der Stadt München. Jedes von ihnen zieht mehr als 200 Schüler aus dem Landkreis an. Noch populärer sind die Berufsschulen in der Stadt: Die Schule für Großhandels- und Automobilkaufleute besuchen 491 Schüler aus dem Landkreis, jene für Bürokommunikation und Industriekaufleute 330.

Auch wer zum Schulbesuch nicht den Landkreis verlässt, kann lange Wege haben, nämlich dann, wenn er in einer fremden Gemeinde zur Schule geht. An der Realschule Neubiberg etwa kommen drei von vier Schülern aus anderen Gemeinden innerhalb des Landkreises, auch an den Realschulen Aschheim und Ismaning sowie am Gymnasium Ottobrunn ist es mehr als die Hälfte.

Im Gegensatz zu Mathias' Schulweg dauert jener von Nina nur 20 Minuten, 13 davon verbringt sie im Bus. Theoretisch zumindest. Aber wenn Nina Nachmittagsunterricht hat und um 16.15 Uhr das Gymnasium Höhenkirchen-Siegertsbrunn verlässt, ist sie erst um 17.40 Uhr zu Hause. Über eine Stunde lang muss die 13-Jährige dann auf den Bus warten, der sie in den Brunnthaler Ortsteil Otterloh bringt, denn den früheren Bus verpassen sie und ihre Mitschüler um zehn Minuten. "Manchmal fahren die Busse im Abstand von fünf Minuten, dann wieder fährt ganz lang keiner", sagt Ninas Mutter Marion E.; die Kinder könnten während der Wartezeit am Nachmittag nicht einmal im Schulgebäude bleiben.

In den letzten Jahren gab es hier bereits Verbesserungen: Die Unterrichts- und die Buszeiten wurden aufeinander abgestimmt, die Busfahrerinnen angewiesen, auf die Schüler zu warten, sagt Marion E. In der Früh funktioniere jetzt alles "wunderbar", auch die "Kernzeit" um 13 Uhr herum sei nicht das Problem. Was die späteren Busse betrifft, hätten die Eltern die Behörden über den Bürgermeister um eine Änderung gebeten - erfolglos. "Offenbar sprechen wir nicht dieselbe Sprache", sagt Marion E. Die Schulleitung habe angeboten, die betroffenen Kinder früher gehen zu lassen, "das finden aber wiederum die Lehrer nicht witzig, weil in manchen Klassen dann die Hälfte fehlt". Familie E. hat sich nun mit zwei anderen Elternpaaren zusammengetan, um das Abholen der Kinder am späteren Nachmittag einigermaßen effizient zu organisieren.

Beim zuständigen Landratsamt München kann man das Problem durchaus nachvollziehen. "Aber wir müssen mehrere Nutzergruppen berücksichtigen, nicht nur die Schüler, sondern auch die Berufspendler, bei denen es um den Anschluss zur S-Bahn geht", sagt Behördensprecherin Christine Spiegel. Würden die Busse später fahren, würden die Berufspendler ihre S-Bahn verpassen. Zudem würden die Schulen ihre Unterrichtszeiten häufig ändern, während die Busfahrpläne stabil bleiben sollten.

© SZ vom 20.03.2015

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