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SZ-Serie: Kaum zu glauben, Folge 6:"Glaube bewegt nicht so sehr"

Anuschka Ptacek und Martin Salfer gestalten jedes Jahr den Pullacher Jugendpfarrbrief. Die jüngste Ausgabe wird in diesen Tagen verteilt.

(Foto: Cateherina Hess)

Anuschka Ptacek und Martin Salfer gestalten in Pullach einen eigenen Pfarrbrief von Jugendlichen für Jugendliche. Die Themen sind überwiegend weltliche - weil das die Leser so wollen.

Eigentlich studieren Anuschka Ptacek und Martin Salfer beide an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Sie arbeitet nebenbei in einer Bäckerei, er hilft in einer Anwaltskanzlei bei Literaturrecherchen. Von September bis Ende Dezember aber sind die Pfarrjugendleiter der Heilig-Geist-Kirche in Pullach Chefredakteure in Vollzeit.

An Weihnachten werden in den beiden Kirchen des Pfarrverbands Pullach-Großhesselohe 750 Exemplare des Jugendpfarrbriefs verteilt. "Vom Fünfjährigen bis zur 85-Jährigen erreichen wir so ein breites Publikum", betont Salfer. Bis dahin müssen 68 Seiten mit Artikeln und Bildern gefüllt worden sein. Jede einzelne wird redigiert, geprüft und notfalls überarbeitet, das Layout muss stimmen und Anfang Dezember alles pünktlich in den Druck gehen. Für einen allein sei das früher eine kaum zu bewältigende Mammutaufgabe gewesen. "Das ging nur mit Nachtschichten und unter Vernachlässigung anderer Lebensbereiche", erzählt Martin Salfer.

Dass selbst bei akribischer Planung noch etwas schief gehen kann, musste seine Kollegin im vergangenen Jahr miterleben. Mit einer Freundin übernahm Ptacek 2018 die Chefredaktion, das heißt Layout und Redaktion, um Salfer zu entlasten. Und obwohl sie alle Deadlines zum Teil buchstäblich in letzter Minute einhalten konnten, wurden die Briefe erst eine Woche später verschickt. Eine Druckerpresse war kaputtgegangen. Sie hätten die Briefe dann einfach den Sternsingern mitgegeben, erzählt die Lehramtsstudentin. Trotzdem sei die Hiobsbotschaft zuerst ein ganz schöner Schock gewesen.

Heuer kümmert sich Salfer, der Buchwissenschaft und Deutsch als Fremdsprache studiert, um das Layout, während Ptacek die Texte redigiert und so manchem Autor hinterläuft, der die Abgabe seines Texts ein wenig zu sehr hinauszögert. "Ich mag Harry Potter, ich habe einen Gecko, im Sommer war ich windsurfen", zählt Ptacek auf. Jedes Thema habe Potenzial für einen Artikel. "Man weiß ja nie, wo die Resonanz am größten ist." Wer gerne schreiben möchte, aber keine zündende Idee hat, könne sich jederzeit an die beiden Chefredakteure wenden.

"Wir bieten Schreibwerkstätten an, ganz zwanglos im Garten mit Plätzchen", erzählt die 21-Jährige. Manchmal reiche es, einfach mal nachzuhaken, welches Thema den Autor in spe gerade umtreibe. Insgesamt könnten sie aus einem möglichen Autorenpool von bis zu 80 Leuten schöpfen, von denen ungefähr 20 am Ende Artikel verfassten.

In den vergangenen Monaten und in der Ausgabe von 2018 ist das vor allem die "Fridays for Future"-Bewegung gewesen. Einer spontanen Idee folgend habe eine Autorin einen Selbstversuch unternommen und viermal Spaghetti Bolognese gekocht. Einmal mit handelsüblichen Discounterprodukten, einmal nur mit Bio-Zutaten, dann noch eine Version mit unverpackten Lebensmitteln und zum Abschluss kaufte sie nur regionale Produkte.

Die Auflage wird reduziert - der Nachhaltigkeit wegen

Der Nachhaltigkeit ist auch die kommende Ausgabe gewidmet. Dieses Mal wird Umweltpapier verwendet und im Vergleich zum Vorjahr erscheint der Pfarrbrief in einer reduzierten Auflage, um nicht zu viel Wegwerfmaterial zu produzieren. "Wenn wir schon über Nachhaltigkeit schreiben, müssen wir das auch beim Drucken umsetzen", findet Martin Salfer. Als Symbol dafür, nicht allzu viele ökologische Spuren hinterlassen zu wollen, sind auch auf dem Titelbild Fußspuren zu sehen.

Der Jugendpfarrbrief erscheint seit 2013 und hat bereits zwei Jahre später vom St. Michaelsbund, dem katholischen Medienhaus der Erzdiözese, den Sonderpreis für Jugendpfarrbriefe erhalten. Teilnahmeberechtigt waren Redaktionen von Pfarrbriefen sowie Publikationen von Pfarreien, Pfarrverbänden und Stadtkirchen aus dem Erzbistum. Der "JuPfBri" aus Pullach war der einzige im Rahmen des Wettbewerbs eingeschickte explizite Pfarrbrief von Jugendlichen und für Jugendliche.

Fester Bestandteil jeder Ausgabe des Pullacher Jugendpfarrbriefs ist die Vorstellung der Pfarrjugendleiterrunde und als "Kirsche auf der Sahne", so Chefredakteur Salfer, ein Jahresrückblick über die Aktivitäten der Pfarrjugend. Neue Kirchenglocken, Prozessionen, Gottesdiensttermine - die üblichen Themen eines Pfarrbriefs sucht man allerdings vergeblich in dem bunten Heft. "Bei uns kommen eher weltliche, praktische Themen vor", erklärt Anuschka Ptacek. Spirituelles werde weniger nachgefragt. "Glaube bewegt nicht so sehr."

Sie selbst identifiziere sich nicht allzu sehr mit der Kirche. Die christlichen Werte, die ihr wichtig seien, könnten ebenso gut als humanistische Werte bezeichnet werden. Ihr sei "gelebtes Christentum" wichtiger als der sonntägliche Gottesdienstbesuch, sagt die zukünftige Lehrerin. Außerdem könne Engagement in der Kirche nicht damit gleichgesetzt werden, militant gläubig zu sein.

Pfarrer Wolfgang Fluck ist als Leiter des Pfarrverbands Pullach-Großhesselohe presserechtlich für den Jugendpfarrbrief verantwortlich, was bedeutet, dass jede Ausgabe vor der Veröffentlichung noch einmal von ihm gelesen wird. "Er lässt uns viel Handlungsspielraum", versichert Martin Salfer. Andere Meinungen, beispielsweise zum Thema Ökumene, seien kein Problem. "Mir ist es wichtig, Denkanstöße zu geben, die Artikel müssen nicht meine Meinung widerspiegeln", betont Wolfgang Fluck. Dass junge Leute sich hinsetzten, sich Gedanken machten und ihre Erfahrungen zu Papier brächten, sei wunderbar erfrischend.

Auch über die Grenzen von Pullach hinaus hat es der Jugendpfarrbrief geschafft. Martin Salfer drückte vor zwei Jahren nach einem Firmgottesdienst Kardinal Reinhard Marx kurzerhand ein Exemplar in die Hand. Der Erzbischof bedankte sich mit einem Brief für ihr Engagement. Der Pfarrbrief sei ein Beispiel für das Herzblut und Verantwortungsbewusstsein der zahlreichen jungen Menschen in der kirchlichen Jugendarbeit, sagt auch Diözesanjugendpfarrer Domvikar Richard Greul.