Schulpatenschaft:So fern und doch so ähnlich

Schulpatenschaft: Theater als Zoom-Konferenz. Schüler aus Haar und Ilembula agierten gleichzeitig in Zweiergruppen auf der virtuellen Bühne.

Theater als Zoom-Konferenz. Schüler aus Haar und Ilembula agierten gleichzeitig in Zweiergruppen auf der virtuellen Bühne.

(Foto: Screenshot)

Schüler aus Haar und Tansania führen gemeinsam ein Theaterstück auf - via Zoom, weil ein Besuch der Partnerschule aus Ilembula immer noch nicht möglich ist

Von Yannik Schuster, Haar

"Wir alle haben Wünsche und Träume." Oder auf Suaheli: "Wote tuna matarajio na ndoto." Diese Textzeile bringt auf den Punkt, worum es bei der interkontinentalen Theateraufführung des Ernst-Mach-Gymnasiums in Haar und der Ilembula Secondary School gehen sollte: Gemeinsamkeiten statt Unterschiede.

Die Schulen aus Haar und Ilembula pflegen seit 2017 eine Schulpatenschaft. Das Stück "Connected" sollte eigentlich im Rahmen eines Besuchs der Schüler aus Tansania in Haar aufgeführt werden. Pandemiebedingt wich man auf zwei virtuelle Vorstellungen am Montag und Dienstag via Zoom aus.

"Sie sehen 16 junge Menschen. Sie tun, was sie so tun. Sie existieren. Sie stehen, sie laufen, sie rennen." So leiteten die Darsteller beider Schulen das Stück ein. In einer fast schon spirituellen Reise stellten die Schüler ihre gegenseitige Beziehung dar. Sie tanzten, führten koordinierte Bewegungen aus, stellten fröhliche und traurige Gesten gegenüber. Eindrucksvoll war zudem eine Szene aus Ilembula. Zu sehen: Ein Klausurszenario. Der Lehrer verlässt das Klassenzimmer, in Tansania ist das aufgrund des Lehrermangels nicht unüblich. Was entsteht ist eigentlich unspektakulär: Kinder und Jugendliche, die sich ganz alltäglich verhalten. Es wird rumgealbert, Hänseleien finden statt. Die Szene zeigt ein Bild des Schulalltags, wie es auch in Deutschland vorstellbar wäre. Laut Edwin Busl, Vorsitzender des Vereins Schupa Tansania, der Schulpatenschaften wie die zwischen dem Ernst-Mach-Gymnasium und der Ilembula Secondary School organisiert, ist die Szene eine von vielen, die direkt von den Schülern entwickelt worden sind. Teile des Stücks basieren demnach auf intimen Fragebögen, die von den Schülern anonym ausgefüllt wurden. Die Theaterpädagogen Farina Simbeck und Thomas Ritter betreuten die Entwicklung und die Proben des Theaterstücks.

Insgesamt sechs Tage lang übten die Schüler im digitalen Raum ihre Performance. Busl berichtet: "Am zweiten Tag ist bei den Schülern aus Tansania der Knoten geplatzt. Sie haben Vertrauen gewonnen und sind richtig aus sich heraus gekommen." Man habe bei der Erarbeitung des Stücks darauf geachtet, eine lockere Atmosphäre mit viel Musik, Tanz und Bewegung zu schaffen um es den Jugendlichen möglichst einfach zu machen. Genau diese Atmosphäre wurde schließlich auch in der Aufführung deutlich. Lockerheit, viel Musikeinsatz und ein Schwerpunkt auf Bewegungen. Ein Videoeinspieler stellte zusätzlich die unterschiedlichen Lebensrealitäten der etwa 6500 Kilometer auseinander lebenden Schüler dar. Schulwege aus Deutschland wurden denen aus Tansania gegenübergestellt. Trotz massiver Unterschiede offenbarten sich auch wieder Gemeinsamkeiten, wie etwa die Benutzung des Fahrrads.

Eine virtuelle Theateraufführung von zwei verschiedenen Kontinenten bringt aber natürlich auch Probleme mit sich. Ursprünglich habe man geplant, jeden Schüler alleine vor einer Kamera zu platzieren. Dabei sei man jedoch an die Grenzen des Internets gestoßen. Wegen wiederholter Stromausfälle musste in Tansania ein Generator angeschafft werden. Probleme wie Zeitverzögerungen und Lags über Zoom erschwerten die Proben. Solche Hindernisse habe es aber keineswegs nur auf tansanischer Seite gegeben, so Busl. Trotzdem verbuchten die Beteiligten die Aufführungen als Erfolg. Die entwickelte Solidarität sei eindrucksvoll zur Schau gestellt worden. "Ich fand es sehr rührend, dass auch Gruppen anderer Schüler aus Tansania zugeschaut haben und sich im Nachgang zu Wort gemeldet haben", sagt Busl.

Claudia Funke-Mandelli vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, einem Förderer des Projekts, war unter den rund 70 Zuschauern und fand lobende Worte für die jungen Schauspieler: "Es war mir eine große Freude." Auf einer Online-Pinnwand konnten Zuschauer weiteres Feedback für die Schüler und Veranstalter dalassen. "Die Entfernung zwischen Haar und Ilembula mag groß sein. Klein aber ist die Entfernung um sich gegenseitig kennzulernen", schreibt ein Nutzer. Andere zeigten sich gerührt und beeindruckt vom interkontinentalen Theater.

Edwin Busl kann sich eine Wiederholung der Aktion durchaus vorstellen. Dann hoffentlich wieder gemeinsam auf einer Bühne, wenn die tansanische Delegation in Haar zu Gast sein kann.

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