Schulen und Pandemie:1, 2 oder 3

Schulen und Pandemie: In den beiden Grundschulen von Neubiberg sind Luftfilter bereits das ganze Jahr im Einsatz, andere Gemeinden zögern dagegen mit der Anschaffung.

In den beiden Grundschulen von Neubiberg sind Luftfilter bereits das ganze Jahr im Einsatz, andere Gemeinden zögern dagegen mit der Anschaffung.

(Foto: Claus Schunk)

Kommunalpolitiker im Landkreis ringen mit der Frage, ob sie für alle Klassenzimmer mobile Luftreiniger anschaffen sollen. Neben der Erwartung der Eltern spielen Kosten und Nutzen eine Rolle

Von Klaus Bachhuber, Martin Mühlfenzl und Patrik Stäbler

Kaum eine Frage treibt Eltern, Lehrer, Schüler und Kommunalpolitiker derzeit mehr um als jene, ob zum Start des neuen Schuljahres nach den Sommerferien in den Klassenzimmer Luftreiniger stehen sollen. Bei der Beantwortung dieser Frage, gehen die Kommunen sehr unterschiedlich vor - manche zeigen sich hart in der Sache, andere aufgeschlossen und eine ungewöhnlich kreativ.

Ottobrunn

In Ottobrunn gibt es drei Grundschulen, die der Einfachheit halber einfach durchnummeriert werden. Weniger einfach aber gestaltete sich in der Sitzung des Gemeinderats am Mittwochabend die Debatte darüber, ob einem Antrag der SPD-Fraktion zufolge alle Räume in den drei Schulen, die noch nicht mit mobilen Luftreinigern ausgestattet sind, eben solche erhalten sollten - betroffen wären 73 Klassenzimmer und Fachräume. Bürgermeister Thomas Loderer (CSU) wiederholte wie schon mehrmals im Kreistag seine Haltung, Lüften reiche aus. In den Ottobrunner Grundschulen seien eben alle Räume "lüftbar", und jene die es nicht sind, hätten schon Luftreiniger. Zudem gebe es keine Erkenntnisse, dass die Geräte einen "zusätzlichen Mehrwert" hätten. Vielmehr wolle er, dass "nachhaltige Lösungen" wie fest verbaute Lüftungsanlagen geprüft werden.

Loderer erhielt in der Debatte Gegenwind. SPD-Gemeinderätin Sabine Athen sagte, es müssten "zeitnah" Entscheidungen getroffen werden; aus ihrer Sicht sei die "Studienlage eher so, dass die Geräte einen Zusatznutzen" brächten. Dietrich Zeh (Grüne) warf Loderer vor, er leide "unter selektiver Wahrnehmung". "Ich höre den Experten zu, und es ist keineswegs so, dass negative Bewertungen überwiegen", sagte er. Positiv wurde aber die Idee des Bürgermeisters aufgenommen, fest installierte, sogenannte Raumlufttechnische Anlagen (RLT) prüfen zu lassen.

Nur für welche Schule? 1, 2 oder 3? Loderer machte sehr schnell deutlich, dass dies bei der Grundschule 1 nicht möglich sei, da bei dieser die Generalsanierung bevorsteht. Für die Schulen 1 und 2 indes sei dies eine Möglichkeit. Aus dieser Erkenntnis heraus und nachdem der Antrag, alle 73 Räume der drei Schulen nachzurüsten, abgelehnt worden war, stellte Ariane Wißmeier-Unerricht (SPD) den Antrag, eine Anzahl an mobilen Luftreinigern zu bestellen, die "zufällig" der Anzahl der Räume in der Grundschule 1 entspreche - nämlich 28. Der Rathauschef wollte diesen Weg nicht mitgehen: "Aus Gründen der Gleichbehandlung würde ich nicht sagen, wir statten eine Schule aus und die anderen nicht."

Dennoch votierte eine Mehrheit aus Grünen, SPD, Bürgervereinigung Ottobrunn und FDP für den Vorschlag, die CSU geschlossen dagegen. Wo die Geräte letztendlich tatsächlich zum Einsatz kommen, soll noch geklärt werden. Der Antrag von Wißmeier-Unverricht, für die Schulen 2 und 3 den Einsatz von RLT-Anlagen prüfen zu lassen, wurde einstimmig gebilligt.

Oberschleißheim

In Oberschleißheim hatte das Rathaus bereits im Herbst Luftfilter für besonders schlecht zu lüftende Klassenzimmer angeschafft. Darüber hinaus wird es in Schulen und Kitas keine weiteren Geräte zum Luftaustausch geben. Mit den Stimmen von CSU, Grünen, FDP und der Hälfte der Freien Wähler wurde ein Antrag der SPD abgelehnt, alle Räume mit mobilen Luftreinigern auszustatten. Geprüft werden soll aber der mittelfristige Einbau von Raumlufttechnik zum besseren Luftaustausch.

Die SPD hatte die Beteiligung am einschlägigen Förderprogramm der Staatsregierung gefordert, "um die Schüler bestmöglich zu schützen". Nach einer langwierigen Diskussion bereits zum ersten Pandemie-Winter, bei der größere Investitionen aufgeschoben worden waren, müsse man nun "endlich Nägel mit Köpfen machen", sagte ihr Sprecher Florian Spirkl. Für die Gemeindeverwaltung hatte Dritter Bürgermeister Casimir Katz (FDP) die Effekte analysiert und bilanzierte, dass mobile Luftfilter "den schlechtesten Nutzen zum größten Geld" brächten. Die lüftungstechnisch bedenklichen Räume seien bereits ausgerüstet und bei allen anderen gebe es mit Schutzmasken und effektiver Lüftung bessere Schutzmethoden. Die SPD konterte, zum optimalen Schutz sei "ein Maßnahmenbündel notwendig", zu dem auch die Luftfilter gehörten.

Ärger gab es um den möglichen Einbau neuer Raumlufttechnik. Die Grundschule in der Parksiedlung wird gerade mit Millionenaufwand saniert, aber an ein neues Belüftungssystem nach Erkenntnissen aus der Pandemie sei nicht gedacht, informierte Bürgermeister Markus Böck (CSU). "Das geht gar nicht", wetterte FW-Sprecher Stefan Vohburger. Eine derartige Entscheidung hätte in der aktuellen Situation vom Gemeinderat getroffen werden müssen, nicht auf dem Verwaltungsweg auf der Baustelle. Auch Spirkl wunderte sich, dass bei der Debatte vor Jahresfrist eine Prüfung lüftungstechnischer Installation zugesagt worden sei und jetzt werde berichtet, es gehe schon nicht mehr.

Taufkirchen

Im Taufkirchner Gemeinderat sagte Rosemarie Weber am Ende einer längeren Debatte, mit Luftfiltern in Klassenzimmern verhalte es sich wie mit der Abseitsregel beim Fußball: "Jeder redet mit, aber keiner hat wirklich eine Ahnung." Um etwas mehr Klarheit zu schaffen, will die Gemeinde nun einen Experten damit beauftragen, die Räume in den örtlichen Schulen und Kindertagesstätten zu inspizieren - sofern die Einrichtungen Interesse an mobilen Luftreinigungsgeräten bekunden. Derlei Fachleute seien zurzeit aber begehrt, und auch bei einer etwaigen Bestellung der Anlagen werde man mit einigen Monaten Lieferzeit rechnen müssen, sagte Bürgermeister Ullrich Sander (parteilos). "Das wird alles etwas dauern, aber wir werden von dem Thema noch hören."

Im vergangenen November hatte sich der Bauausschuss des Gemeinderats erstmals mit dem Thema befasst. Damals beschloss das Gremium, Luftreinigungsgeräte für alle Räume in gemeindlichen Schulen und Kindertagesstätten anzuschaffen, die mangels Fenstern oder einer Klimaanlage nicht ausreichend gelüftet werden können. Es habe sich dann gezeigt, dass dies auf kein Zimmer zutreffe, sagte Sander. Um alle Räume an den Schulen mit Geräten auszurüsten, müsste die Gemeinde nach Abzug des staatlichen Zuschusses von 50 Prozent der Anschaffungskosten etwa 270 000 Euro zahlen, sagte Kraft. In den Kindertagesstätten und Großtagespflegen würden geschätzte 420 000 Euro fällig.

Hinsichtlich der Wirkung der Geräte gingen die Expertenmeinungen auseinander, sagte Martina Kraft. Zudem seien Luftfilter keine Garantie dafür, dass bei steigenden Infektionszahlen ein Präsenzunterricht stattfinden könne. Rudi Schwab von den Grünen sagte, "der eigentliche Skandal" sei, "dass wir nach eineinhalb Jahren Pandemie immer noch keine klare Aussage haben, ob die Geräte sinnvoll sind oder nicht".

© SZ vom 30.07.2021
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