Sind Tiger, Große Pandas und Berg-Gorillas im Vergleich zu 1996 mehr, weniger oder gleich stark bedroht? Die richtige Antwort auf die beispielhafte Frage der schwedischen Non-Profit-Organisation Gapminder, die eine faktenbasierte Sicht auf die Welt fördern möchte, überrascht: Diese Tiere werden tatsächlich weniger stark bedroht, auch wenn viele spontan das Gegenteil annehmen würden. Laut Jan Ahrens, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Journalistik der Universität der Bundeswehr München in Neubiberg, kann die mediale Berichterstattung die Wahrnehmung von bedrohten Arten und Umweltzerstörung verzerren. Medien hätten seit Jahren täglich Einfluss auf jeden Einzelnen von uns, so Ahrens, denn sie prägten unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit permanent. In einem Vortrag vor Schülern erläuterte der Medienexperte, wie Algorithmen, soziale Medien und künstliche Intelligenz unsere Meinungen prägen, unsere Daten sammeln und neue Wege für Manipulation, Desinformation und politische Einflussnahme eröffnen.
Gemeinsam mit der Universität der Bundeswehr München bietet die Süddeutsche Zeitung innerhalb ihres Projektes „Schule und Zeitung“ Schulklassen in und um München einmal jährlich Vorträge zu spannenden und aktuellen Themen an. Die Schülerinnen und Schüler recherchieren und diskutieren mit den Expertinnen und Experten der Universität der Bundeswehr und schreiben im Anschluss eigene Artikel, die auf einer Sonderseite der gedruckten SZ sowie in der digitalen Ausgabe und auf der Homepage erscheinen. Zudem werden die Artikel auch online im Blog auf dieser Webseite veröffentlicht. Im aktuellen Projektzeitraum schreiben Schülerinnen und Schüler des Wilhelm-Hausenstein-Gymnasiums und des Gymnasiums Unterföhring über Forschungsprojekte an der Universität der Bundeswehr München.
Scrollen durch Social Media gehört zum Alltag von Jugendlichen, was von Zeit zu Zeit sehr ermüdend sein kann. Ahrens erklärte, dass der sogenannte Negativity Bias, der im Wesentlichen bedeute, dass Menschen negative Inhalte eher wahrnehmen und sich stärker von ihnen beeinflussen lassen, dafür sorge, dass Social Media in Extremfällen zu Depressionen führen und enorm belastend wirken könnten. Ein weiterer Aspekt von Social Media seien „Echokammern“: Nutzer bekommen immer wieder Inhalte angezeigt, die ihre Meinung bestätigen.
Wenn man nur noch Posts angezeigt bekommt, die der eigenen Meinung entsprechen, kann das zum Problem werden. Ahrens erläuterte in diesem Zusammenhang Fake News, den Überbegriff für drei unterschiedliche Richtungen von Falschinformationen. Dieser werde unter anderem für Misinformation genutzt, also Information, die falsch ist, aber aus Unwissenheit als Fakt präsentiert wird. Ein zweiter Aspekt sei die Malinformation, worunter manipulierte Inhalte fallen, die bewusst verbreitet werden, zum Beispiel aus dem Kontext gerissene Zitate. Die Schnittstelle beider sei dann die Desinformation, absichtlich verfälschte Informationen, um Personen gezielt zu manipulieren.
Jan Ahrens zeigte Beispiele für solche Desinformation, etwa durch die russischen Unternehmen Struktura und Social Design Agency, die mutmaßlich im Auftrag ihrer Regierung bewusst Artikel verfälscht hätten, um Bürger westlicher Staaten politisch zu beeinflussen. Ein weiteres Beispiel sei die russische Hackergruppe Fancy Bear, auch bekannt unter dem Kürzel APT28, die möglicherweise eine große Rolle im Präsidentschaftswahlkampf der USA von 2016 gespielt habe. Mithilfe gefälschter E-Mails hackten sie sich in das Netzwerk der US-Demokraten und stahlen Tausende E-Mails, darunter auch private. Die damit verbundenen Leaks wurden vielfach von Nachrichtensendern aufgegriffen, was einen Skandal um die damalige Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton auslöste.
Gerade bei Desinformation werde vermehrt künstliche Intelligenz eingesetzt, erläuterte der Medienexperte. So sei es immer schwieriger, Unterschiede zwischen generierten und echten Inhalten zu erkennen, da KI sich rasant entwickle. Ahrens visualisierte dies mit einem erschreckenden Videovergleich, der zeigte, wie sich die KI innerhalb von nur zwanzig Monaten verbessert hat. Der US-Schauspieler Will Smith wird in zwei KI-generierten Clips beim Spaghettiessen gezeigt. Der Unterschied zwischen beiden Videos ist drastisch. In dem älteren Video sieht man Will Smith als sehr verzerrten Menschen, der seltsam aussehende Nudeln in sich schaufelt. Bei dem später geschaffenen Video erkennt man kaum noch, dass dies keine echte Aufnahme ist. Dieser rasante Fortschritt wirft die Frage auf, wie und ob man überhaupt in der Zukunft KI-generiertes Material von echten Bildern und Videos unterscheiden kann. Und es macht Sorgen: dass es in Zukunft vielleicht öfter vorkommen könnte, dass mithilfe von künstlicher Intelligenz politische Entscheidungen wie etwa Wahlen beeinflusst werden.
Wer auf Social Media unterwegs ist, muss sich im Klaren darüber sein, dass er Daten hinterlässt, die genau für solche Zwecke genutzt werden können, betonte Ahrens. „Wenn du nicht für ein Produkt bezahlst, bist du das Produkt.“ Plattformen wie Netflix oder Tiktok speicherten all unsere Interaktionen, jedes aufgerufene Video, sowie jeden einzelnen getätigten Klick.
„Bei Netflix kann man auf Abfrage seine gespeicherten Daten einsehen, welche dann eine ellenlange Datei hervorbringt. Netflix kennt mich am Ende wahrscheinlich besser als ich mich selbst“, so Jan Ahrens. Der daraus entstehende Algorithmus sei jeweils personenbezogen, jeder bekomme genau die Inhalte angezeigt, die ihn interessierten. Das helfe zwar einerseits, dass Plattformen genau die Serien und Inhalte vorschlügen, die einem auch wirklich gefallen könnten. Doch sie trackten so auch das Nutzerverhalten und speicherten es sogar für mehrere Jahre. Mit Klick auf die Einverständniserklärung der Datenverarbeitung erhalte beispielsweise Tiktok die Erlaubnis, auf die Daten aus der App, auf die eigenen Kontakte, auf das GPS-Signal, sogar auf den Browserverlauf und auf Daten aus anderen Apps zuzugreifen. Nicht zuletzt baue sich jeder Nutzer unbewusst so seine eigene Echokammer.
Autoren: Adam Dell, David Johannes, Johannes Dvorak, Yannick Eppelein, Jahrgangsstufe 11, Wilhelm-Hausenstein-Gymnasium in München.


