Weltmeisterschaft im SchuhplattelnBella Figura auf Bairisch

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Immer schon stampfen, springen und drehen: die Plattler-WM im Pullacher Festzelt.
Immer schon stampfen, springen und drehen: die Plattler-WM im Pullacher Festzelt. Claus Schunk
  • Bei der Weltmeisterschaft im Schuhplatteln und Dirndldrehen in Pullach treten 32 Gruppen aus neun Gau-Verbänden und über 300 Einzelteilnehmer an.
  • Der Pullacher Trachtenverein „D' Hochleitner" verteidigt erfolgreich seinen Titel und gewinnt zum sechsten Mal in Folge den Bayerischen Löwen.
  • Rund 200 Gäste aus den USA vom Gau-Verband Nordamerika nehmen teil und tragen zum internationalen Flair der Veranstaltung bei.
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Bei der Weltmeisterschaft im Schuhplatteln und Deandldrahn treffen sportlicher Ehrgeiz und gelebtes Brauchtum aufeinander. Zum internationalen Flair tragen Trachtengruppen aus den USA bei, Gastgeber Pullach verteidigt seinen Titel.

Von Udo Watter, Pullach

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Die Kunst des Schuhplattelns steckt in den Details. Stampfen, springen, mit den Händen auf Schenkel und Schuhsohlen schlagen – da soll sich schon die Kraft eines Mannsbilds entfalten, schließlich gilt es bei diesem Tanz traditionell, den Frauen zu imponieren. Freilich: Athletik und physische Stärke sind wichtige Facetten, vollendet wird die wohl bayerischste Variante der Bella Figura aber durch das Taktgefühl der Protagonisten, die Gleichmäßigkeit der Bewegungen, die Korrespondenz der Schläge und Drehungen im Rhythmus der Musik. Einen fast zärtlichen Zauber atmet der Part – und das sieht man bei der Weltmeisterschaft an diesem Wochenende in Pullach immer wieder – wenn sich die drehende Frau und der plattelnde Mann einholen, respektive einfangen, um gemeinsam im Dreivierteltakt des Landlers weiter zu tanzen. Es ist ein Kreisen in gegenseitiger Geborgenheit, auf Augenhöhe, liebäugelnd, bevor es in die Schlussfigur übergeht.

Ja, die Weltmeisterschaft im Schuhplatteln und Dirndldrehen (Deandldrahn), sie hatte heuer mit der Isartalgemeinde südlich von München einen angemessenen Schauplatz: Der Titelverteidiger in der Königsdisziplin der Gruppentänze, der Pullacher Trachtenverein  „D’ Hochleitner“, der zudem sein 40-Jähriges feierte, hatte geladen. Streng genommen ist die WM „nur“ der Wettbewerb um den seit 2002 vom Ministerpräsidenten gestifteten Bayerischen Löwen, aber da auch Gruppen aus den USA vom Gau-Verband Nordamerika teilnehmen, darf er globale Relevanz in Anspruch nehmen.

„Ich könnte vor Freude weinen“, sagt Andreas Tschermak, der Vorsitzende der „Hochleitner“, beim Anblick des voll besetzten, für 1500 Gäste bestuhlten Festzelts, hinzu kommen noch Außenbereiche, Fahrgeschäfte und Buden. „Alle sind gekommen.“ Damit meint er nicht nur die Plattler aus der bayerischen Szene, sondern auch rund 200 Gäste aus Übersee, die ebenso in fesche Tracht mit Hutschmuck und feinen Stickereien gewandet sind, zudem die Einheimischen aus dem Münchner Süden. Es duftet nach Bier und Hendln, an mehreren Bühnen begleitet die Ziach die plattelnden Performer: ein Festzelt im Zeichen von Hopfen und Balz.

Den Dreh raus haben, darauf kommt es für die Frauen an. Die Männer zeigen derweil andere figurative Bewegungen.
Den Dreh raus haben, darauf kommt es für die Frauen an. Die Männer zeigen derweil andere figurative Bewegungen. Claus Schunk

32 Gruppen treten aus neun Gau-Verbänden an, vornehmlich aus Oberbayern und Schwaben sowie dem Gau Nordamerika, zudem messen sich mehr als 300 Einzelteilnehmer aller Altersklassen, männlich wie weiblich: Es gibt drei Bühnen, um die große Anzahl der jeweils rund zwei Minuten dauernden Auftritte zeitgerecht durchzuziehen. Rund um die Bühne sitzen jeweils neun Juroren (aus den Gauen) und achten auf die Feinheiten der Darbietung, Bewertungszettel und Stift in der Hand.

Die Königsdisziplin, der Gruppen-Wettbewerb, wird am Ende ausgetragen, die Pullacher sind nicht nur Titelverteidiger, sondern haben diesen fünfmal nacheinander geholt. Der sportliche Ehrgeiz ist groß beim Team um Tschermak, Vorplattler Georg Haller und Musikwart Erhard Hauptenbuchner, man hat viel trainiert. Die Frage war freilich, ob der Heimvorteil, mit dem ja auch organisatorischer Stress verbunden ist, sich positiv oder belastend auswirken würde. „Ich hoffe, dass uns das Adrenalin in die Adern schießt“, sagt Tschermak.

Schuhplattler Pullach Isartal Claus Schunk

Zur erfolgsverwöhnten Pullacher Formation gehört auch Greta Knothe und sie verkörpert besonders gut den Geist dieser Veranstaltung. 1986 in den USA geboren, aus Milwaukee stammend, lebt sie seit 16 Jahren in Bayern. Sie hat deutsche Wurzeln und spricht perfekt Deutsch. Für die meisten aus Nordamerika angereisten Gäste gilt das trotz entsprechender Vorfahren nicht. „Ich muss viel übersetzen“, sagt sie lachend. Das tut die ehemalige Germanistikstudentin, die in Ottobrunn wohnt, auch beruflich. Charakteristisch ist ihr Eingebettetsein in die Community. Ihre Eltern haben sich einst auf einem Gaufest getroffen, Tschermak kennt sie auch schon, seit sie 16 Jahre alt war. Neben ihrer Sprachkompetenz ist sie auch im Deandldrahn versiert. Das Verfeinern und Feilen an den Details treibt sie an: „Die Füße müssen immer zum Tempo passen, der Abstand muss stimmen, und man soll gerade stehen.“

Bei Punktgleichheit kann am Ende sogar die Körperhaltung ausschlaggebend sein. Matt La Course kann die Sache sportlich entspannter angehen. Der Mann aus Saint Paul plattelt zwar ebenfalls mit, aber eher als Tanzbegleiter. Der 35-Jährige mit deutschen und irischen Wurzeln hat ebenfalls früh mit dem Platteln begonnen, kommt immer wieder zur WM nach Bayern und interessiert sich auch sonst für folkloristische kulturelle und tänzerische Traditionen. „Das ist der richtige Ort hier für mich“, sagt er lachend, während ein aus Erding stammendes Mitglied von Edelweiß Saint Paul ihm im Vorbeigehen auf den Rücken haut, „Servus“ sagt und zuprostet.

Die Jugend pausiert vom Tanzen und Zuschauen.
Die Jugend pausiert vom Tanzen und Zuschauen. Claus Schunk

Die Mitglieder der meist auf deutsche Auswanderer zurückgehenden US-Vereine müssen sich ebenso wie ihre bayerischen Pendants für die Teilnahme qualifizieren. Bei allem sportlichen Ehrgeiz ist aber wohl das Atmosphärische und kulturell Verbindende wichtiger. Über Politik spreche man schon auch, generell ist La Course eher vorsichtig, besonders mit den Landsleuten: „Ich bin kein Fan von Trump“, sagt er. Fan auf einer anderen Ebene ist er dafür von bayerischem Bier, besonders „Augustiner Helles“, wie er sagt.

Stattliche Aufmachung: Matt La Course, Schuhplattler aus Saint Paul in Minnesota.
Stattliche Aufmachung: Matt La Course, Schuhplattler aus Saint Paul in Minnesota. Udo Watter

„The beer ist delicious“, unterstreicht auch Brianne Galgon. Sie gehört zu den „United German Hungarians Philadelphia“, die als einziges amerikanisches Team am Gruppen-Wettbewerb mitmachen. Der Name rührt von Donauschwaben in Ungarn her, die später in die USA auswanderten. Neben donauschwäbischen Tänzen sei dort irgendwann das Interesse am Schuhplatteln erwacht, erzählen Brianne und ihr Mann Daniel. Auch die beiden haben sich auf einem Gaufest kennengelernt. Der Auftritt der German Hungarians ist umjubelt, am Ende springt Platz fünf heraus.

Minister Georg Eisenreich (links) und Andreas Tschermak, der Vorsitzende des alten und neuen „Weltmeisters“ aus Pullach.
Minister Georg Eisenreich (links) und Andreas Tschermak, der Vorsitzende des alten und neuen „Weltmeisters“ aus Pullach. Claus Schunk

Getoppt wird diese Stimmung im Zelt einzig, als die Pullacher Trachtler die Bühne betreten. Am Ende haben die „Hochleitner“ ihren Titel verteidigt und erhalten den Bayerischen Löwen. Zur Siegerehrung ist Justizminister Georg Eisenreich (CSU) gekommen, der passende Worte über Heimat, Brauchtum und Identität findet. Und betont, dass man in einer sich wandelnden Welt seines kulturellen Erbes bewusst sein solle: „Selbstbewusst, aber ohne auszugrenzen.“

Auch Pullachs Bürgermeisterin Christine Eisenmann (CSU) strahlt. „Es geht einem das Herz auf, wenn man sieht, was Gemeinschaft bewirken kann, was hier Trachten- und Burschenverein auf die Beine gestellt haben.“ Der Trachtenverein, der neben dem sechsten Titel en suite auch in anderen Kategorien abgeräumt hat, muss aber möglicherweise aufpassen, dass er nicht bald den ambivalenten Status eines „FC Bayern der Plattler-Szene“ einnimmt.

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