Schülerdebatte über Jugendstrafrecht:Anstrengend wie im richtigen Landtag

Jugendstrafrecht

Die Gymnasiasten stimmten am Ende über härtere Strafen für jugendliche Straftäter ab.

(Foto: dpa)

Schüler spielen am Ottobrunner Gymnasium ein Gesetzgebungsverfahren durch und lernen den Politikbetrieb kennen.

Von Britta Rybicki, Ottobrunn

Der CSU-Landtagsabgeordnete Ernst Weidenbusch fährt seiner Kollegin Katharina Schulze von den Grünen in die Parade: "Mich würde mal interessieren, was die jungen Leute über das Konzept einer virtuellen Polizei denken."

Er spricht die 50 Schüler der 10. Jahrgangsstufe am Ottobrunner Gymnasium direkt an, die sich in der Aula versammelt haben, um den Politikbetrieb kennen zu lernen. Sie sollen von den Abgeordneten lernen und in einem Rollenspiel selbst ein Gesetzgebungsverfahren durchexerzieren. Und schnell erfahren sie, dass in der Politik auch Emotionen im Spiel sind. Die Grüne Schulze wirkt nach Weidenbuschs Angriff genervt; sie sei schließlich nicht die erste Befürworterin in Deutschland: "In Nordrhein-Westfalen gibt es das Konzept der Fahndungshilfe im Internet schon länger und es bewährt sich."

Die Schüler finden die Möglichkeit via E-Mail bei der Polizei Anzeige zu erstatten dann tatsächlich gar nicht so übel. Sie machen Vorschläge, wie das funktionieren könnte, etwa indem man bei einer Anzeige seine Personalausweisnummer angibt. Der CSU-Abgeordnete Weidenbusch verdreht weiterhin die Augen.

Mit der Anekdote will Schulze den Schülern einen Einblick vom Gesetzgebungsprozess "im echten Leben" geben, wie sie sagt, und ein Gefühl dafür, wie schwierig es ist, Anträge durchzusetzen. Das Fazit: "Es gibt künftig keine Online Polizei in Bayern", sagt Schulze.

Meinungsverschiedenheiten sind normal

Nur selten klaffen die Meinungen der impulsiven Abgeordneten nicht auseinander. "Dass wir uns meistens uneinig sind, ist gar nicht schlimm. Das macht Politik erst spannend", sagt Schulze und erhält zumindest von ihren Landtagskollegen Natascha Kohnen (SPD) und Nikolaus Kraus (Freie Wähler) kopfnickend Zustimmung.

Der Grund für die hitzige Auseinandersetzung der Politiker außerhalb des Plenarsaals ist das Kooperationsprojekt "Der Landtag sind wir" des Bayrischen Landtags und der Forschungsgruppe Jugend und Europa vom Centrum für angewandte Politikforschung (CAP). Dabei debattieren diesmal die Zehntklässler in Ottobrunn in einem Planspiel darüber, ob sie eine Verschärfung des Jugendstrafrechts für sinnvoll halten oder nicht.

Die 16-jährige Corinna Alesi spielt eine CSU-Abgeordnete im Ausschuss für Arbeit und Soziales, Jugend und Integration. Lediglich ihren Namen darf sie sich ausdenken, der Rest ihrer Figur ist vorgeben. Auf einer vierseitigen Beschreibung ihres Charakters steht, dass sie für ein schnelleres Gerichtsverfahren, für Erziehungscamps, mehr Unterstützung für Betroffene und somit auch für mehr Arbeitsplätze im Bereich Sozialarbeit und Jugendpsychologie stimmt.

Einwände gegen ihre Rollenbeschreibung hat sie erst mal nicht, über einen Begriff stolpert sie jedoch: "Was mich wirklich irritiert ist das Wort Erziehungscamps", sagt Corinna und hofft, dass ihre Mitschüler eine grobe Vorstellung von der Einrichtung haben, die der neue Artikel einfordert. Die Klasse gerät ins Grübeln und ist sich uneinig: Schuften wie beim Militär, ein strenger Ton und harter Drill oder doch eher eine Chance auf Hilfe und Veränderung? Eine Schülerin führt Studien an, die bewiesen, dass strenge Erziehungsmethoden bei Straftätern nicht weiterhelfen.

Die katastrophalen Boot-Camps

Laura Bamberger, 16, Fraktionsvorsitzende der Freien Wähler, lehnt die Camps strikt ab. "Für mich gibt es da keinen großen Unterschied zu den katastrophalen Boot-Camps in den USA." Während einige Schüler-Politiker die Kritik teilen, verteidigt die CSU ihren Vorstoß. "Es ist ja nur eine Testphase", sagt einer. Und: "Es muss ja trotzdem abschrecken", ein anderer. Anderthalbstunden später notiert die Gruppe ihre Beschlussempfehlung: weniger Autorität, dafür mehr Prävention und ein neuer, freundlicher klingender Name. "Wenn wir das Erziehungscamp in ,Haus auf Recht' umtaufen, hat es nicht dieses abschreckende Image", sagt Marleen Jukic, Vorsitzende der SPD-Fraktion. Die Mehrheit streckt die Hände in die Luft und fertig ist die Empfehlung für ein neues Gesetz. Ziemlich erschöpft begeben sich die Jugendlichen in die letzte Plenarsitzung.

"Wenn ich eins gelernt habe, dann, dass der Alltag eines Politikers ziemlich anstrengend sein kann", sagt Fillipa Bayerhofer, 15, die eine SPD-Abgeordnete spielte. Die langen Debatten - und dann die Motivation, für aussichtslose Ziele zu kämpfen, "da die CSU ja sowieso die Mehrheit hat". SPD-Frau Kohnen kennt das gut: "Wir hoffen dann immer darauf, dass ein Kollege der CSU mal blau macht. Dann nutzen wir die Gunst der Stunde."

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB